Von Knöcheln & Herzen

1.

Sich verletzen – nein, eigentlich ist es keine Kunst. Der Fuß knickt ganz leicht unter dem eigenen Gewicht, er bricht & splittert, er zerspringt bei jedem Schritt zu Scherben. & das Herz? Das tut manchmal genau das gleiche. Muskeln und Knochen sind selten stark genug für unsere Sehnsüchte, für unsere Wünsche, Hoffnungen. Also sucht wer Bandagen, die Pflaster & Salben; irgendwer findet die richtigen Worte. Es wird gelacht – wie wenn man die Luft anhält, so ist dieses Lachen -, & am nächsten Tag steht man ja doch wieder früher auf, um zur Arbeit zu gehn. Traurigkeit wird heimlich kultiviert. Zum Fröhlichsein gibt’s Alkohol, Youtube-Videos, Partys im Berghain. Dabei ist jeder damit beschäftigt in seinen eigenen Vierwänden alt zu werden. Das heißt: Kaputte Knöchel werden gekühlt, & hochgelagert. & kaputte Herzen? Ach, ist ja doch nur so eine Redewendung. Das Herz schlägt bis zum Tod.

Ich gehe müde durch die Räume, jeder Schritt tut weh. Der Fuß ist grün & blau, & ganz viel lila.

Lang hab ich nicht darüber nachgedacht, über nichts eigentlich. Von einer Sache zur andren treibe ich & lass mich fallen, stolpere mehr statt zu laufen, & bin dann am Ende ganz erschöpft von jedem Meter. Berlín, das ist dein neues Jahr. In den Krankenhäusern behandeln sie bereits die ersten Knochenbrüche, die ersten Prellungen. Bei mir zu Hause ist nur die wandernde Sonne, die von einem verhangenen Fenster zum anderen streift, & mein Fuß auf dem Hocker. Erhöht. Hochgelagert. Gekühlt. So ein Bänderriss ist nicht anders, als andere Verletzungen. Arrangier dich, sagen sie. Ich könne ja lesen, sagen sie, endlich mal die dicksten Bücher in Angriff nehmen. Dumas, Dostojewskij, Dickens. Die ganze D-Reihe, alles noch zu lesen. Stattdessen hab ich nach der Jelinek gegriffen, nach ihrem schweren, finstren Gift. Ich töte das Liebenwollen in ihren Worten. Darin ist sie ein Genie.

Wenn ich davon aber doch mal eine Pause brauche, schleppe ich mich lustlos zum Spiegel & seh mich an. Schmierig, ungewaschen, diese Barthaare verwüsten nicht bloß die Lippe, sie verheeren den ganzen Mund. Ein Obdachloser unter Dach & Fach, das bin ich. Der Pullover hängt schief & riecht nach Lieblosigkeit, die Hose ist zu weit & lässt mir keine Haut zum Fühlen. Ich sollte duschen. Dafür muss ich mir meinen Fuß in eine Plastiktüte stecken, damit der Verband nicht nass wird, denn nichts ist schlimmer als ein nasser Verband. Sagen sie. Was sie nicht sagen, ist, dass man sein Herz nicht in eine Tüte stecken kann, um es zu schützen.

2.

Später humple ich die Rostocker entlang, weil mir dort der kalte Wind Regenstriemen ins Gesicht peitscht; das weckt mich auf. Der Regen ist wie Geschrei. Ich höre gegen jeden Himmel & seh mir alle Häuser an, Fenster, Vorhänge. Dahinter leben Menschen, wie überall. Jemand ruft einen Namen, ein anderer dreht sich danach um. Ein Mann führt seinen Hund aus, eine Mutter ihre zwei Kinder. Wie die Liebe hier ein- & ausgehen, wie sie die Treppen dort hinaufspringen könnte, & die Faust gegen jede x-beliebige Tür hämmern. Dahinter würden sie nur verlegen schweigen, die Polizei rufen vielleicht & anbetracht meines Knöchels sogar den Krankenwagen. Mich erkennen würden sie nicht. So würde man sich trennen: Ich – zappelnd; sie – die Hände gegen die Hüften gestemmt, & jeder würde den andren bedauern.

Gegen wessen Regel verstoßen?
Auf welcher Party weniger als alle anderen trinken, & sich zurückziehen in ein einziges Lächeln?

Ich träume vom Lieben, das wie eine Naturgewalt über mir zusammenbricht, & warte jeden Morgen & jede Nacht vergebens, weil mir alle Blicke irgendwann nur vor die Füße geworfen werden, wie Kleingeld vor Bettler, Futter vors Vieh. Ums Sehen geht’s eigentlich schon lange nicht mehr. Auch nicht ums Gesehen-Werden. Wenn die Stille nämlich irgendwann zurückkehrt, diese Stille von Wassergläsern, von Versuchsweiseberührungen, die Stille mittags um fünf, wenn der Regen seine kalten Striche an die Fenster & Gesichter der Passanten malt – wenn diese Stille zurückkommt, dann bin ich verloren. Zuhause lagere ich das Bein hoch, & die Musik besonders laut in jedem der Zimmer. Ich denke nicht im Traum daran, mich dieser Stille zu ergeben.

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