Der achte Tag

Der Toten ein Kind, & der Liebe ein Grab – so geht der kranke Atem zum falschen Mund & sehnt sich seiner bis zum Ende. Diese Tage & Nächte sind wie Gedichte, geschrieben von einem Trinker, einem Morphinisten, einem Wahnsinnigen. Darin sind sich all meine Träume gleich: Gleich endlos, gleich unruhig, gleich voll im Warten & leer beim Erwachen. Dabei errichtet mein Schlaf alle Gefühle zu Städten, & Welten, & fegt mit einem Blinzeln der Augen alles wieder fort, & zurück in ein drohend-schwarzes Zimmer. Zur Stille der Bücher hin. Zu den Lücken in ihren Reihen, die von fremder Leute Namen erzählen, ganzen Namen – schwer auf der Zunge vom Schweigen, schwer vom Fehlen -, & irgendwer vergisst sie ja doch. All die Gedichtsbände, deren Seiten geknickt sind von linkischen Nächten & durstigen Tagen – sie werden nicht mehr gelesen. Währenddessen sammelt sich der Müll im Zimmer. Papier… Plastikbecher… Benutzte Taschentücher… Kurzum: Das Leben vom vergangenen Jahr.

Sollte alles nicht eigentlich viel einfacher sein?

Du wirkst so unglücklich, sagt Zoey am Telefon & ich lache verlegen, überlege. Wirke ich? Ich geh nur meinem Phantom nach, sag ich & sehe zum Fenster raus, wo die Straße lang ist & verregnet. Meine Zeit verschwende ich, wie trunken vom Warten. Mir träumt es vom Sommern, vom Goldwerden meiner Augen, vom Licht, das durchs staubverkrustete Glas ins Zimmer fällt & alles in Möglichkeiten taucht – an den obersten Knopf des schwarzen Strickpullovers denk ich, als Zoey erzählt, ich erinnere mich nicht mehr wovon. In der Küche brutzelt das Fleisch in der Pfanne, Kartoffeln, Rosmarin; es brutzelt so laut, ich dachte schon, jemand stünde unter der Dusche. Jerry steht neben dem Herd & trinkt Rotwein aus einem der Wassergläser. Ich humple durch die Küche, als hätt ich mich verirrt. Alles ist fremd, fern, ich hab keinen Mund mehr zum Sprechen & schließe die Tür leise, behutsam, so als könne sie unter meinen Fingern plötzlich zerbrechen. Am Schreibtisch, hinter das Telefon geklemmt, träume ich farbig – die weißen Vorhänge entrollen sich zu Leinwänden: Tomaten, Salate, Orangen, Äpfel – jede Frucht schält sich aus ihrer Supermarktinszenierung, ihrer HD-Beleuchtung & wird als Erlösung wieder vorstellbar. Ich sollte Zucchini für Montagabend kaufen, denk ich, & diese Banalität ist wie ein Weckerklingeln: Ich schrecke aus Zoeys Worten hoch – Strohhut ist das letzte Wort, das sie sagt -, & verabschiede mich. Dein Leben ist wie ein Rangierbahnhof, alles wird aufs nächste Gleis verschoben. Untrainiert & träge liege ich vor gieriger Augen Hab&gut & rezitiere Stürme, ich lese verbissen & wütend, & suche an der falschen Stelle nach Antworten. Der Textmarker ist dabei noch das größte Highlight.

Wie berauscht räume ich schließlich alles auf, wieder & immer wieder, bis nichts mehr da ist, & sitze dann irritiert mitten auf dem roten Teppich, der Fuß schmerzt. Die ungeöffnete Weinflasche steht noch immer auf dem Regal, der Zettel mit der Nummer liegt direkt daneben. C’mon, denk ich. Come fucking on.

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