Der abgenutzte Mund

1.

Du schleichst um dein Schweigen, & liest, & ich, der ich nicht gehen kann, sitze vor dir wie zwischen zwei Spiegeln. Seltsam, oder nicht – wie jedes Gefühl irgendwann hinter sich selbst zurücktritt, wie es still wird, an einem Mittwoch & Freitag, wenn die Wohnung leer ist & die Augen schwer vom Glotzen, an all den Samstagen. Das Besondere, das Interessante am Menschen weicht seinen Gewöhnlichkeiten, dem fettigen Haar, dem weinrandigen Mund – ganz dunkelrot, fast schwarz -,  den abgegriffenen Hosen, & was vorher ein König war, ein Gott zwischen Göttern, wird schließlich zum blassen Trinker mit Wichsvorlagen neben dem Bett, ein Tasten ohne Sinne, ein Fallenlassen. Schlicht: Irgendwer. Den würdest selbst du nicht mehr auf der Straße erkennen, im Bus, auf der Theaterbühne vor dem Applaus. Was einem nicht gemeinsam ist, das bleibt gemein, & wüst & leer. Erwartungen blenden eben. Die Realität übrigens auch. Da erzählen Menschen von ihrer Arbeit & meinen sich gar nicht, aber antworten soll man trotzdem, fröhlich & ernst klingen, ganz ergeben, aber vor wem die Waffen strecken? & weswegen? Statt dessen werden Lügen erwartet, wie noble Gäste macht man ihnen den Hof & das Gesicht, das wirft man dem Lächeln nach, zum Nicken. Ich will aber nichts bestätigen.

Ich esse nur wenig; eine Mahlzeit am Tag. Ich habe allen Appetit verloren. Ich schreibe nicht, lese nicht. Jeder Tag ist sich gleich. Oder… fast. Morgens sagt einer: Schreib! Korrigiere! Dann streiten die Stunden: Wer geht als erstes & wer bleibt am längsten? Erst der Abend söhnt sich schließlich mit jedem Schweigen aus, gibt in den letzten Sekunden ein Stichwort, ein Wort ums Wort, so ergibt sich kein drittes, aber ich muss ja, ich hab es versprochen – der Schwerkraft nachgeben ist dabei strengstens verboten, dem Nichtseinwollen: Sei unsterblich! Nur das Bett nimmt manchmal unsere müden Glieder auf & streut sie fort, fort in einen neuen Morgen, wenn die Dusche rauscht & die Augen schwer sind vom Träumen. Ich bin dann furchtbar müde, & ein Blick in der S-Bahn bringt mich fast zum Zerspringen.

Ich verabrede mich zum Sex, wie andere Leute zum Essen – es ist die gleiche Art von Ablenkung: ein Vergessen für Zwischendenjahren. Also warte ich auf eine Kurznachricht & eine Uhrzeit, warte auf einen fremden Kuss, eine fremde Umarmung, einen fremden Abschied, & schließe die Türe leise, leise, & lege mich betäubt auf den Boden, weil ich die Matratze nicht ertragen kann,… Ich höre Gisbert zu Knyphausens Wer du bist; dieses Lied spielt unermüdlich im Hintergrund – es ist eine Hymne dieser ersten Januartage, des Dezembers,…

2.

Meinen Stolz aber, den kriegt keiner so leicht runter. Ein Deutscher nur, das bin ich, & vielleicht nicht mal das: ich hatte nie Internationalität vorzuweisen, einen Grund & Boden, eine Stadt im Blut – nein, das hatte ich nie. Mir gehören weder Paris, noch Mailand, auch Berlín gehört mir nicht. Nicht wie dir. Ich habe nichts zum Handel anzubieten, habe nichts, um mich interessanter zu machen, als ich bin. Auch das Land ist mir fremd, die Provinzen & Dörfer, die Leere zwischen den Wolken. Ich gehöre der Hülle, bin groß & gedankenlos – einer, der sein Potential hinschmeißt & sagt: Das könnt ihr behalten! Zum Schreiben geboren, & doch ein Bartleby, einer, der immer auf Widerstand hofft, keinen bekommt, & sich daher selbst welchen schafft. Ich habe gesagt, ich ließe alles zurück, jeden Buchstaben & auch mein Herz, denn mein Herz ist bereits sein eigner Doppelgänger, das kann ich jetzt nicht mehr brauchen. Auch die Annahmen nicht, die Erwartungen, die Missverständnisse. Ich bin zum Flüchtling geworden, weil es die anderen sind, die mir flüchtig durch alle Zimmer eilen, die sich zum Bier in die Küche & zum Wahn aufs Bett setzen, & dann schaut sich wieder irgendwer die Bücher an & zieht sie aus den staubigen Jahren zurück in die Tage & Stunden, in ein anderes Vergessen, & dann ticken die Zeiger, & tschüss, man sieht sich, ja, bestimmt, bis bald. Schon okay, denk ich, mach schon. Im Grunde ist jede Enttäuschung auch nur eine Theorie. Weshalb weiter warten?

Ich bin nichts mehr von mir, das letzte Ich ist beim Tanz kaputt gegangen. Jetzt ist da nur noch Welt, nur noch Stimmen & Wirbel, Hülle. Zur Oberfläche muss man werden, um zu überleben. Den Begegnungen darf man dabei nicht aus dem Weg gehen, aber man darf sie auch nicht ernster nehmen, als sie sind. Das Zimmer großzügig anbieten, & zur Not auch komplett räumen, wenn’s denn angebracht ist, & irgendwann nichts mehr erwidern wollen, sich endlich so kurzfassen, dass nur noch der Tod länger ist – wenn’s das ist, was ihr wollt: Be it. Ich kann alles sein, auch widerwärtig:

3.

Erlösung gibt es keine. Das ist leider eine Tatsache, die uns niemand lehrt. Im Gegenteil, jeder verspricht uns Absolution. Dabei gibt es Chancen, die kommen, ja, aber es gibt auch Chancen, die gehn wieder & kehren nicht zurück. Reue hilft da wenig. Reue ist Selbstbetrug. Der Mörder bringt den Toten nicht zurück, nur weil’s ihm leidtut. Die Hand, die schlägt, heilt die Wunde nicht. Das gilt auch für Gefühle. Keiner gewährt uns irgendeine Art der Absolution – für nichts, nicht mal für zerbrochene Beziehungen. Es gibt nur unsere Entscheidungen. Die Herzdolche & Dolchherzen, die Winkelzüge & Ausreden der Bücherdiebe, die Erklärungen, die später im Vorübergehen gegeben werden, ach, der Stress & dann kam mir was dazwischen, erschaffen Umstände & erleichtern sie um die Schwere der Enttäuschungen. Früher entsandte man noch Boten für ausgeklügelte Lügen. Heute ist alles Schützenmüssen, & Knebelvertrag: So ein Mensch ist eine ganz zerbrechliche Sache. Wenn da einer mal das Richtige sagt & falsch interpretiert wird… nun, dann rollen eben Köpfe. Darin gleichen sich Vergangenheit & Gegenwart; es ist, als tobte noch immer eine Revolution auf den Straßen.

Heute geht so ein Mensch völlig zugrunde an all den Möglichkeiten. Statt einfach die Wahrheit zu sagen, statt der Überforderung einen Namen zu geben, sitzt man das Unbequeme einfach aus, vergisst in der Menge die Einzelteile & verbraucht alle Prioritäten zugunsten der Unbeschwertheiten. Man ist ja zu nichts verpflichtet. Ist man auch nicht. & wenn man sich’s nur oft genug sagt, stimmt es irgendwann. Das sind nicht die News.

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