Jede Minute ein Fühlen

#1
Es war der Staub, der mich verrückt gemacht hatte. Die dicke schwarze Schicht auf allen Dingen, der Kummer vergangener Jahre. Als die Sonne schräg, fast taumelnd zum Fenster hereinfiel, sah ich zum ersten Mal, was alles um mich herum erstarrt war zu lebloser Bitterkeit, zu vergessenen Erledigungen, Erinnerungen, möglichen Zielen, die am Ende vielleicht sogar erreichbar gewesen waren, & die jetzt, entkernt & entschalt, zwischen eingestaubten Notizen, Photographien & Briefen lagen, von den Jahren gelbstichig, von der Gleichgültigkeit ganz rauh gemacht, & unantastbar in ihren eigenen Begrenztheiten. Mir fielen plötzlich alte Artikel einer Zeitschrift in die Hände, für die ich vor Jahren lektoriert hatte… Kurzgeschichten, die begonnen & nicht zu Ende geschrieben worden waren… Angelesene Bücher, in denen jedes Wort feststand, fest stand & nicht weiter gehen wollte, zu den Sätzen & Kapiteln hin, zu den Geschichten & Begegnungen; Worte, die Worte blieben: Hart, & flach, & ohne doppelten Boden. Wie alles alt geworden war, müde… Alles Neue war zur versteinerten Reliquie geworden, zur toten Gottheit, einer erkalteten Welt…
Es musste auch anders gehen, irgendwie.

#2
Vier&zwanzig Stunden am Tag, & jede Minute ein Fühlen.
Julien sitzt im Schneidersitz auf dem roten Teppich, & durchsucht die Schallplatten neben dem Bett. Alice steht am Fenster, das frisch geputzt ist & seit Jahren zum ersten Mal wieder so etwas wie einen Ausblick erlaubt: Rostocker Straße, Baumwimpfel, Himmel & Wolken, Verkehr: ein unbestimmtes, in Bewegung geratenes Berlín – grenzenlos & in seiner Grenzenlosigkeit völlig eingezäunt; ein Spielplatz. Alice trinkt Tee aus einer der blauen Tassen, deren Ränder angeschlagen sind von übersehenen Kanten & gierigen Mündern, und sagt nichts, schon seit Stunden nicht. Ich hingegen, ich sortiere die Bücher, ein Bibliothekar in Borges Träumen, so fühle ich mich, während ich Schiller zur Bachman lege, & Rilkes Staub zu Celans Asche schütte, & jeder Finger streicht einzeln über Seiten & Namen – der Tod soll mich holen, wenn all das gelesen ist. Nicht früher. Ist dir schon aufgefallen, was du hier alles hortest?, fragt Julien unvermittelt & hält eine Platte hoch; sie gehörte meinem Bruder, das seh ich auf den ersten Blick. Joan Baez. Hab ich mir nie angehört, sag ich, & schaffe Platz für Plath, mein gläsernes Herz. Das ist es ja, sagt Julien, und lächelt, & Alice, die am Fenster steht, dreht sich trinkend um, & sagt nichts. Was, wenn Glück so einfach wäre, denk ich unvermittelt. Wenn alles, was man dazu bräuchte, bereits hier wäre? Dieses mögliche Leben – so möglich wie jedes andere, & darin ein bereits erreichtes Alles.

Ich wollte, Du und ich, wir würden uns verzweigen,
Wenn sonnentoll der Sommertag nach Regen schreit
Und Wetterwolken bersten in der Luft!
Und alles Leben wäre unser Eigen;
Den Tod selbst rissen wir aus seiner Gruft
Und jubelten durch seine Schweigsamkeit!*

Ich lese hastig, & bemesse jedes Wort zwischen Daumen & Zeigefinger; für den Moment sind alle Jahre vergessen, alles Verderben, das hinter den Nächten lag, die Stille, & die Aussichten auf Regen – mit allem Staub vom Tisch gewischt, runter von den Gräbern, fort. Später sitzen wir zusammen in der Küche, die immer mehr zum Mittelpunkt der Wohnung wird, mit ihren schiefen Regalen & den Gewürzen, die immer dann leer sind, wenn man sie braucht; und sitzen zu viert, Julien, Alice, Thomas und ich, essen Artischocken und trinken Rotwein aus den kurzstieligen Gläsern, & das ist dann Frieden im Lachen & Erzählen. & es ist Flucht.

#3
Das Licht geht mit den Gästen. Nur Julien bleibt & legt seine Füße auf den Hocker, trinkt Rotwein, sagt: Du hast dich irgendwie verändert – seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Ich erinnere mich an nichts mehr, das sag ich auch, aber er zuckt nur die Achseln. Ist ja auch egal. Du siehst jetzt besser aus. Kein Wunder, Alice steht auf dich. Alice? Ein zierliches Mädchen, das noch mit vierzig so aussehen wird, wie jetzt, mit 22; sie, mit ihrem dunkelbraunen Lockenhaar, & dieser feinen Bosheit in den Augen, oder Überlegenheit, & die, wenn sie lacht, umso leiser wird, je schmerzlicher das Lachen wird, da sie weiß, wie flüchtig es ist. Eine Fremde unter Fremden, die jedes Wort nimmt & es zu den Bildern legt, eine bildreiche Sprache spricht sie, die Französin, & sucht doch nicht nach Antworten, ach was, nicht sie, die Pariserin, die setzt all ihren Fragen bereits ein Dutzend Antworten voraus, die sie nicht hören muss, um zu lächeln. Alice? & nicht nur Alice, sagt Julien & trinkt sein viertes Glas. Sein Mund & seine Augen sind ganz schwarz vom Trinken. Julien ist nicht älter als Alice, groß & schlank, wie ein Baum ohne Äste, so überragt er die eigenen Füße. Seine Haut ist wie ungebranntes Umbra, wie Sandelholz – in seinen Adern fließen weite Länder, pulsieren dunkler Wüstensand & unwegsame Regenwälder, ich habe nur Clichés im Kopf. Was soll das heißen?, frag ich. Nichts. Es folgen Schweigen & leere Gläser.

Wie diffus die Menschen sind, denk ich, unbestimmt & unsicher stolpern sie vom einen zum anderen, ohne zu wissen, was sie eigentlich wollen – stottern unartikuliert um sich selbst herum. Pfeile ohne Bogen & Sehnen, sie fallen immer in ihr eigenes Unglück statt einem Ziel entgegen zu fliegen, statt allen Mut zusammenzunehmen; haben sie den Tod denn noch immer nicht begriffen? Kompromisse, die zu Fehlentscheidungen führen. Versteckspiele, bei denen genügend Leute nicht gefunden werden. Mir verdammen sie das wilde, freie Leben & legen Folien über mich, um zu sehen, was drüberstehen könnte, was sich abschneiden ließe – was nicht passt in einer Welt der Passgenauen, das muss amputiert werden vom Menschen. Das ist Bitterkeit, ja. Einer baut um dich einen Zaun & nennt das Innere nicht Kerker, sondern Gesellschaft, Freundschaft, Leben. Die, das sind die anderen. Die senken noch immer ihre Stimmen in der U-Bahn, wenn sie über Sexualität sprechen; die verziehen Mund & Augen, wenn sich zwei Männer küssen, & geilen Hände & Schwanz, wenn’s zwei Frauen tun; die sprechen den einen die Kopftücher ab, & den anderen die Kreuze zurück an die Wände; die reichen dem obdachlosen Bettler das Trinken & zahlen’s mit barer Münze – das nennen sie Mildtätigkeit, das nennen sie Mitleid – & gehen ohne Mitgefühl weiter, lachen & trinken sich gegenseitig unter alle Tisch, denn unter so einem Tisch, da sieht uns ja keiner, unter dem Tisch sind wir sicher, da haben wir eine Decke unter der Decke, das ist doppelter Schutz. Lieber nicht ehrlich sein & die Angst formulieren, die uns alle umtreibt! Niemals, dann eher sterben.

Ich hab nur Clichés im Kopf, aber die Menschen nennen es Wahrheit. Ich kann es nicht verstehen. Es ist mir alles so fremd… Manchmal fühl ich mich wieder wie ein Kind, das einer Situation ausgesetzt ist, die es nicht überblicken kann. Die Welt entwundern, & jedes Wunder mit einem Gesetz ersetzen, das ist nicht lebbar, das führt nirgends hin, aber es hinnehmen dürfen & mit dem Herzen zustimmen, statt mit dem Kopf. Der Logik ein Haus der Wissenschaften bauen, aber der Toleranz nur ein Klingelschild lassen – ein Antrag auf Gleichberechtigung zwischen den Ordnern der Gewalt & Finanzierbarkeiten. So muss man den Worten keine Bildung lassen, aber kann der Unterhaltung ganze Arenen & Stadien bauen. Wir brauchen Straßen & Verkehrsnetze, um die Waren besser von einem Punkt zum anderen zu bringen. Bücher muss man auch verkaufen! Da muss niemand mehr fragen, wer die letzten Universitäten & Schulen gebaut hat, & wann. Darauf folgten eh keine Antworten. Stattdessen: Stille Überlegenheiten, mitleidiges Kopfschütteln. Sei doch nicht so naiv. Naiv! Fürs Naivsein ist’s doch längst zu spät.

Flüchten, wieder zurückkehren in eine Ferne, die nicht die Welt ist, sondern Ich.

#4
Am nächsten Morgen, Julien ist bereits weg, sitze ich am Fenster & sehe den Passanten dabei zu, wie sie die Straßen überqueren; jeder gibt sich so viel Mühe. Jeder trägt ein Kostüm, jeder eine Rüstung. Ich trinke Tee aus einer der blauen Tassen, deren Ränder angeschlagen sind von übersehenen Kanten & gierigen Mündern. In der Küche stapelt sich das Geschirr vom Vortag, überall stehen Weingläser. Ich brauche ein neues Ziel. So viel ist klar.

*Viva! – Else Lasker-Schüler

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