Was wir wollen

Mein Blick ist von Schönheit ganz vergiftet. Alles, was ich sehe, ist Haut & Muskeln, Licht. Jeder Tag gleicht darin Huysmans‘ Worten: Hier sind deine feinen Stoffe, ausgesuchten Weine, rauschenden Feste, hier ist dein Dunkeln. Ich sehe kaum noch etwas außer die Fülle der Jahre. Vielleicht ist es Glück. Das Glück, morgens in einem weißen Bett wach zu werden, das nach Frühling riecht, nach flüchtigen Küssen & der Sehnsucht der Matrosen nach fernen Gestaden, & dann im Flur: der Duft von Kaffee, der brodelnd in der Kanne kocht, & ein Glas O-Saft im geschliffenen Glas. Im Hintergrund spielt Radiomusik. Später, in der Tram, sind dann plötzlich alle Menschen schön. Jeder Schritt ist ein Entgegenkommen. Die Welt zerspringt mir zu Funken. Es muss das Glück sein. Das Glück, abends nur unter Franzosen zu sitzen, & auf drei Sprachen über die Jugend zu lachen, die niemals endet, niemals, & die Hand auf dem Knie & der Löffel, der das Mousse teilt wie es nur der Löffel von Liebenden kann: bedingungslos.

Wir verlaufen uns in Farben, & nennen es Zukunft. Morgens sprechen wir vom Sommer. Von Frankreich im Süden, wenn Korn & Lavendel an uns vorüber fliegen, & die Sonne unsere Gesichter vergoldet. Träume, wie sie ein anderer vor mir einst träumte, & die jetzt wahr werden, einfach so, ungefragt & ungebeten, ein Gast, der ins Haus kommt, um alten Staub & alten Kummer von Möbeln & Gesicht zu wischen. Alte Bilder bringt er fort, Erinnerungen, die kultiviert werden wollten wie exotische Blumen, & die jetzt ausgerupft & zurecht geschnitten in der Vase stehen, auf dem Tisch in der Küche, wo das Licht sanft ist & ohne einen Makel. Am Abend erzählen wir uns von der Ruhe der Nächte, die lau sind & nach Melonen schmecken, nach Erdbeeren vielleicht; Nächte, die satt & müde sich ins Zikadenzirpen mischen. Wie wir liegen & lachen, träge & verliebt, & uns gegenseitig am andren berauschen. Jeder Moment ist eine Seltenheit. Glück, unbegreiflich & nicht zu fassen, ein Greifen nach Wind; es geht mir durch alle Zimmer & Räume. Es weckt mich morgens, mittags & nachts, es weckt mich im Wachen. Ich gehe leicht durch Berlin. Links von mir rauschen die Namen: Gesundbrunnen, Bornholmer Straße, Wollankstraße…

Wie leicht alles ist, & wäre, wie möglich jedes Leben. Ich hauche meinen Kaffeeatem gegen das Fenster; draußen öffnen sie die Gehwege mit Werkzeug & die Herzen mit Worten. Ich bin sprachlos. Sehe den Spatzen zu, den Kindern beim Spiel. Wer ist es, der spricht?, wer hängt die Jacken an Haken? Im Flur riecht es nach Zitronentarte. Ich gehe & gehe, alles Glück nehm ich mit. & dich, die blaue Zahnbürste im Glas, das Portrait von Goethe über dem Bett; ich werde nicht satt von den Dingen, die mich umgeben – die Dinge von denen ich dachte, Perec hätte sie mir für immer vergiftet, & jetzt: die Postkarten an der Wand, die Schallplatten unter dem Tisch, die Gabeln neben den Tellern, die Buchrücken im Schrank – alles wird steinern & golden, alles wird gläsern & hell. In allem & überall: die Bewegung, die nichts am Platz lässt, die uns über das Bett stößt, als brächten uns Laken & Kissen zu Fall, als verspräche die Matratze ein Ende der Schwerkraft, & so stürzen wir übereinander, Rippen & Schenkel, die Küsse am Hals, die Finger im Nacken – nichts ist seliger, als das Vergessen, das mir die Lippen schließt. Die Lippen, die sonst so begierig waren, vom Unglück zu sprechen. Lippen, die jetzt sanft sind, & zahm. Ich habe nichts weiter zu sagen, als dass es das Glück ist, das uns keine Namen mehr lässt. Keine Erinnerung. Keine Zukunft. Nur: Jetzt. Ein endloses, unendliches Jetzt. Das ist es, was wir wollen.

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