Das Gift der Schlange

Früher, das hat es mal gegeben, nicht?, früher, da war noch irgendwas intakt – da wollt ich sehen & sehen, & nicht aufhören damit, endlos mich verlieren. Wie hab ich vor der Sehnsucht gesessen & abends am Fenster, als die Stadt noch wild war im Regen & furchtbar in ihrer Einsamkeit, als ich entkernt war vom Lieben, nackt & ohne Schale, ich hab es fast vergessen. Weit weg ist das jetzt, dieses Früher, dieses Damals. Es ist nicht aus Gold. Es strahlt nicht. Ich will es nicht haben. Stattdessen falle ich der Gegenwart entgegen wie Brennholz, entzünde mich an Blicken, Küssen, am Fremden entzünd ich mich wie Strohfeuer, & atme im Brand noch die letzte Schönheit ein, den Körper, die Narben, das Hoffen auf mehr; ich verschlinge alles. Das ist, was ich kann. Also trink ich & trinke, du bist mir nicht voll genug. Meinen Durst stillst du nicht, deswegen trink ich von andren. Vergessen will ich mich, auflösen. In den anderen verwirbeln wie Rauch, wie Wolken; ich möchte aufgehen wie Messer & Blumen, & noch jede Bitternis ablegen, so als wär sie ein Mantel, meine Haut noch legte ich ab ihretwegen. Stattdessen sitzen wir voreinander wie Strandgut, schauen uns an, fremdeln. Du redest, redest immerzu, du kannst mein Schweigen nicht hören. Morgens geh ich zur Tür mit einem Kuss deiner Lippen & bin erleichtert, weil die Treppe mich endlich aufnimmt in die Tiefe, in der ich frei sein kann, ungebunden; wie Wind, der durch die Ritzen im Mauerwerk zieht, so zieh ich hinaus auf die Straßen, gehe rastlos zur Ampel, zur S-Bahn, zum Leben geh ich zurück, das mir gehört, mir & keinem andren. Zuhause blättere ich dann durch alle Bücher, wische Staub von jedem Blatt Papier, öffne Fenster. Frei, frei, im Dampf meiner Augen bin ich frei, im Licht, das über der Rostocker Straße liegt, als könne es alles & jeden in Gold verwandeln, & lächle. Das T-Shirt ist mir zu kurz, so steh ich da, mit den Boxershorts, direkt am Fenster, & das T-Shirt ist mir zu kurz, & die Welt bietet mir Wege, so viele Wege, aber die Liebe bietet sie mir nicht. Ich brauch sie nicht.

Die Wahrheit nämlich, die Wahrheit, die ich hege & pflege, die ich umsorge, als bewahre sie mich vom Schlimmsten, die Wahrheit ist, dass etwas wartet, etwas von Früher – etwas, das durch den Türspalt noch nach drinnen kam, in der letzten Sekunde kam es herein, & hat sich zu mir auf die Brust gesetzt. Ich dachte, ich könne nicht glücklich werden ohne die Umarmung im Bett, ohne die Haut, die meine deckt, ohne den warmen Hauch der Lungen im Nacken, ohne den Mund, der nicht loslässt vom Küssen – ich dachte, ich bräuchte dich. Bräuchte dich wie ein Medikament. Dass ich nicht ohne einen wie dich leben könnte, der mir die Liebe eingibt, das Gefühl gebraucht zu werden, die Ewigkeit. Aber es stimmt nicht. Ich brauche nichts, schon gar nicht die Haut, den Atem, die Ewigkeit. Ich dunkle dem Leben, allen hellen Stunden, das ist, was ich mache & womit ich glücklich werde. Ich bin Rausch & Extrem, ich kenne keine Grenzen. Diese Liebe aber, die Liebe, die du mir reichst mit sonnigem Lächeln, mit französischen Gedichten, diese Liebe zieht mich zurück ins Unglück, sie zieht mich hinab aus den Höhen in eine gewöhnliche, bescheidene Welt, die ich bewundere, aber in der ich zergehe, in der ich mich auflöse, in einen Schierlingsbecher ziehst du mich & wartest auf mein Ertrinken. Ich ertrage diese Gewöhnlichkeit nicht, in der ich mit dir lebe. Dieses Grillen am See, dieser Hausfrieden früher Abende; die Verpflichtungen & Erwartungen, dieses Beherrscht-Sein vom andren, dieses Dominiert-Werden der Liebe. Das bin nicht Ich, sondern eine Vorstellung. Eine Idee.

Du hast dich in eine Idee meiner verliebt. Das ist die Tragik unseres Beieinander-Seins. Das ist das Unglück, das ich über dich bringe. Du kannst nichts tun dagegen. Ich wehre mich deiner – langsam, beharrlich; schüttle mich & schüttle mich, die ganze Last der Welt schüttle ich ab von meinem Rücken. Von der Leerstelle meines Herzens die Scherben. Das geschieht alles ganz sachlich. Du bist nicht mein Medikament, du bist mir ein Virus. Also erwidert mein Mund nicht die Nachgiebigkeit deiner Hoffnungen, nicht die Sehnsucht der zukünftigen Möglichkeiten. Ich bin müde, unausgeglichen, ich trinke zu viel. Nachts noch, wenn du wartest, bin ich im Taumel vieler Dunkelheiten; leicht wollte ich dort leben, frei von jeder Erinnerung – mich ins Glück stürzen, dorthin, wo die Götter laut & gierig sind, wo sie einander mit spitzen Zähnen belächeln – & verschlingen. Reuelos, bedingungslos. In der Gier der Zungen bin ich, in anderen Armen, zu Hause – nur für den Moment: zu Hause. Bei einem Menschen, dessen Gesicht halb Nacht ist & halb Vergessen. Dort, wo ich hingehöre. Wo ich unerreichbar bin. Frei. Endlich frei.

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