Der Aufstand der Könige gegen die Götter

Viel träume ich, & das meiste ist schlecht, & unruhig; meine Nächte enden nicht im Tageslicht – im Gegenteil: noch unter der Sonne finstert mein Blick. Vor mir steht einer, der sagt: Man will sich einer Sache völlig hingeben, um sich zu überwinden; sich & die Zukunft, die pausenlos aktualisiert sein will. Einmal noch: Trink dein Glas Weißwein mit Kussmundlippen, & iss dein Stück Kuchen. Einmal noch gib dich fort: Nimm den Mund bei der Hand & die Worte zu Herzen, nimm dich zusammen – wie ein Vorhang, ein Buch, das man auf ein anderes legt, die Gabel neben das Messer. Ich sage nichts, beiße müde ins Croissant & denke: Fick dich, du Penner.

Die Wahrheit ist: Alain sucht mich heim, sein Narbenkörper, sein Unglück. In den hellen Stunden hör ich ihn nach altem Kummer rufen; nach Erinnerungen, die abgeheftet wurden; seine Worte sind überall, Worte, die kreisen & kreisen, die schlagen mir nachts alle Fenster ein & auch jede der Türen, die stolpern mir ins Kissen & beißen sich im Augenlicht fest, das nicht angehen will. Überall sparen sie Strom. Ich spare Gedanken. Es will einander gleichen & ist sich doch nur Staub auf der Haut. Die Wahrheit? Okay. Es ist nicht nur Alain allein, nicht nur seine Geschichte, die sich wie Gift in mich schüttet, die sich ausbreitet wie Rauch; ich habe Alain einst überwunden, ich überwinde ihn wieder. Erst recht, da er tot ist. Tot & vergessen von den Jahren, die Wahn sind & Ohnmachtsgeseufz. Stattdessen wird mein Leben von Göttern & Königen bestimmt. Von einem, der sich den Beinamen der Ehrwürdige gibt, mit Eisblumenaugen, mit Blausternblick; der ist wie ein Kind & benennt alles doppelt; der sagt: Hier ist das Leben & hier ist die Lust, da ist die Liebe & dort ist das Grab; der reicht mir die Hand & sagt: Lass nicht los, du stirbst, wenn du loslässt, & beißt sich auf die Lippen & lacht. Was könnte sein. Er zeigt mir Treppen & Wände, Blumen & Ameisen am Rande der Stadt, alles erklärt er genau. Von einem Gott spricht er, der herabschauen mag, wie wir auf Insekten, & wischt sich dabei die braunen Haare aus Augen & Stirn, der lächelt, man möchte umkommen dabei, niemals wieder etwas anderes sehen, erblinden. Es endet nicht. Er ruft mich nachts an, um mir zu sagen, dass er einen Unfall hatte. Gestürzt sei er, mit dem Gesicht voraus gegen die Kante, die Treppen hätten sich gehoben wie Wellen, wie Gischt gegen Felsen sei er geschlagen, & nennt es doch Schrank & Tisch, allen Hausrat zählt er mir auf & die Gefahr vom nassen Parkett. Ob ich nicht kommen könne, ihm Gesellschaft leisten angesichts von Nadel & Faden. Da bricht mir der Blick entzwei wie Geschirr. Natürlich, natürlich, immer gern. Also erzählt er mir von den zwei Narben, über dem rechten Auge jetzt bald die dritte. Vom Adel der Narben. Ein König, der aus der Schlacht kommt, kehrt nun in sein Reich zurück & wird gefeiert, weil er tatsächlich noch lebt. Viva, viva, der Ehrwürdige. Aber der Gott, von dem er gesprochen hat, der neigt plötzlich sein Haupt, der schaut durchs Geäst & Gebüsch, auf die Ameisen sieht er nicht, nein. Er knickt lieber die Häuserdächer über uns zusammen, als wär es Papier, & sieht uns da sitzen, einander die Narben betrachtend: Judas & sein Verrat.

Gib mir Liebe, dröhnt er, er, der sich aus den Wolken als Gewitter entlädt, & dann in der Tür steht, mit geilem Blick & offenen Fragen. Seine Stimme ist weich, ein Kissen für zukünftige Nächte, voller Wenns & Vielleichts & dem Irrsinn der Liebe; so einer Sprache kann man nicht trauen. Sie kommt von einem, der alt ist, alt wie die Welt & ebenso grausam. Nein, einem Gott kann man nicht standhalten. Niederknien muss man vor so einem, anbeten muss man den, Kirchen bauen. Angst haben muss man vor seinem Zorn. Sagen sie. Ich hingegen, ich dämmere den Göttern. Die Nacht ist mir ein Schild, ein Speer der eigene Blick. Ich tobe, reiße an Ketten & Gittern; du hälst mich nicht auf, Liebe; du bindest mich nicht. Jeder Tag erlischt in mir, irgendwann. Entropie bin ich, die Brownsche Bewegung. Alles, was ich berühre, zerspringt zu Chaos & Lärm. Das ist mir so bestimmt. Nein, ich zittere nicht.

Sag die Wahrheit, sagt der Gott der Wälder, er steht in der Küche & trinkt Mate; ich sitze neben dem Tisch & weiß nichts zu sagen. Ein Leben wie dieses – hättest du es dir freiwillig gewählt? Alle Gottgleichheit, alles Tobsuchtsgeschwätz, alles ohnmächtige Küssen & verzweifelte Umarmen – es ist nichts als ein heftiges Verschlucken. Auch dieser Schmerz lässt sich überstehen. Satt will man sich sehen am anderen & an sich selbst. Satt sein will man werden vom Lieben, vom Sex & Trinken, vom Tanzen will man satt sein & vom Vergessen. Die Zeit der Götter ist vorbei, sag ich & beuge mich nicht. Stattdessen steigt mir die Nacht zurück ins Blut, in jede Ader die Schatten. Sie nehmen alles mit. Ich gehe hinaus, ohne ein Wort, mit der Flasche zwischen den Fingern & dem Lachen im Hals. Ich gehe hinaus unter lastende Himmel, in den drohenden Sturm. Es ist egal, ob ich dabei sterbe. Der Liebe hab ich getrotzt, dem Begehren, den hellen, glücklichen Stunden ebenso wie dem Unglück der kommenden Tage; es ist sich alles gleich. Alles ist gleich richtig, gleich falsch, gleich banal. Darin liegt der Preis der Freiheit. & ich zahle ihn. Zahle & zahle & zahle. Bis nichts mehr übrig ist, vom Menschen.

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