Präludien der Nacht

Der erste Abend.
Den Kopf neigt er ihm entgegen – ein Flaschenzug für seine Augen, ein Baukran für den Mund -, langsam, langsamer noch, fast will das Kinn die Schulter schon berühren, da steht er plötzlich auf, die Bierflasche zwischen den Fingern, & geht, ganz kopflos geht er durch den Raum & findet nicht mit Blicken, was das Herz ihm vielleicht zu sagen hat. Der Muskel, das Blut?, komm schon, welches Herz? Ein Grinsen wie ein Schuljungenstreich. Vielleicht ist’s ja auch nur eine Ahnung all der künftigen Dinge: ein Verlust zwischen zwei Türen, eine Liebe unter knisternden Glühbirnen, ein Kuss (wie eine elektrische Entladung), & nichts. Niemand, der sich letztlich festhält am andren; entrissen wird man sich. Die eignen Schritte treiben einen fort. Was will er nicht rufen, damit er bleibt – irgendeine unbedachte Kleinigkeit, ein banales Wort. Irgendetwas muss es geben – das Bier in der Flasche, der Eisblick -, irgendetwas, komm schon, denk!, & ein andrer setzt sich inzwischen auf den freien Platz. Ihm gegenüber ist der aufgetaucht, ein ganz ganz alter Freund, nein, ein Kumpel, ein Bekannter allenfalls? Ein Fremder mit vertrautem Blick, so viele Monate hat man sich schon nicht angesehen!

Über die Arbeit reden sie, über die Süße der Kuchen, das Wasser im Glas; sie reden & reden, nippen am Glas, & nippen am Leben. Wie traurig alles ist, denkt er, wie traurig jede der Sekunden in deren Kern das Sterben steckt; ein Bissen noch, einen Schluck, ein paar Worte – hingereicht über die Musik hinweg, die fröhlich sein muss, weil alles fröhlich ist, was sie hier tun. Sie – die Feiernden, die Liebenden, jene, die auszogen, um sich selbst zu vergessen; jetzt stehen sie am Fenster & stoßen blassen Rauch in eine blasse Nacht. Das eine findet das andere, denkt er. Die Leere ein ihr entsprechendes — Was? Ja, ein schlechter Film war das, ganz schlecht, & wieder stellt sich wer quer, gegenüber jetzt ein neuer Mensch. Nirgends ist man ganz, nirgends laut & echt genug,… Rotation. Roulette. & immer von vorn. Namen, Berufe, Hobbys, wie heißt du noch mal?, & ein Verlegenheitslächeln, das schön aussehen könnte, wenn es nicht die Bitternis wäre, die es zurecht zupft am Mund.

Im Hintergrund – ganz bei der Unschärfe, nee, schau nicht hin -, da tanzt er, der König der Narben, tanzt langsam, damit das Bier nicht hinausschwappt aus der Flasche, & schaut & schaut & blinzelt & grinst, & alles sagt: Jetzt. Ein Fallen ist in ihm, ein ewiges Stürzen. So kann man sich doch nicht ansehen, einander beriechen, man kann sich nicht so nah kommen, um dann wieder auseinander zu gehen. Da: Haut, die Haut berührt! & dann die Klinge zwischen den Körpern. Nein, Stahl kennt kein Verlangen… Was hat er sich denn auch gedacht, welchem Wahnsinn ist er nachgegangen? Hatte es denn je jemand für möglich gehalten, dem Glück bis zum Ende standzuhalten?, denkt er, die Geschichte bis zum letzten Punkt zu erzählen – nach allem Kämpfen & Verlieren, wer hat das schon geschafft? Das Happy End klingt letztlich immer gleich. So sitzt er vor ihm & schaut seinen Lippen dabei zu, wie sie bereits Gesagtes neu zu formulieren wissen. Vielleicht ist es Liebe, das schießt ihm plötzlich durch den Kopf; eine Feuerwerksrakete mit grellem Funkenschweif, sie zischt ihm durch die Augen, durch Herz & Adern, im Magen schlägt sie ein, & spuckt Helles aus, ganz weißes Licht: Liebe? Er springt auf von seinem Körper & steht sich als Schrecken gegenüber: Das ist es nicht, das passt nicht zu mir, sagt er, & greift zu Crackern & Dip, zu Schuhen & Tasche. Ans Herz müsste er sich greifen, & greift nach der Klinke.

Der dritte Abend.
Von Nikola Tesla erzähl ich & weiß nicht weswegen, von Licht als unbegrenztem, von Energie, die sich nicht verbraucht. Von mir selbst will ich reden, während ich eingesperrt bin ins Wollen, & lächle stattdessen. Müde bin ich. Als Stein bin ich aufgewacht zwischen Steinen & habe morgens noch den Spiegel verflucht. An manchen Tagen steigt mir nämlich das Alter ins Gesicht, die feiste Gemütlichkeit sitzender Tätigkeiten; sauer ist mir dann der Atem, bitter die Stimme; als Sterblicher verlass ich den Olymp & abends, als ich vor vollen Gläsern sitze, bleibt mir noch nicht mal das. Stattdessen warte ich ganz ohne jeden Widerstand. Umwerfen könnt mich jetzt einer, herkommen & mich von der Couch stoßen, vom Häuserdach; ich wehrte mich nicht. Von Licht umgeben erblinde ich angesichts der Umarmungen & Gespräche, all der Liebe im Raum. Den König der Narben seh ich, & das rothaarige Geschrei, das ihm folgt, & denke ans Gehen. Das ist es?, so soll es in Zukunft sein? Ich distanziere mich also, stehe erst dort, dann da, überdröhne atemlos alle Gesprächspausen mit Fragen. Ich wiederum werde nach nichts gefragt, & schweige beharrlich. Das ist eine Frage der Erziehung. Oder Nüchternheit. Ich hab vergessen, was es von beidem eigentlich war. Viel zu beschäftigt bin ich, dem Glück der Liebenden zuzuhören, die vor mir sitzen, die sich anschauen, anzwinkern, die einander den Mund mit Schokokuchen vollschmieren…

Was? Den Kniefall machen sie vor der Liebe & nennen es Wahrheit. Ausweichen soll man ihr, wenn sie einem auf der Straße begegnet, höflich aber, zuvorkommend; großzügig Raum lassen muss man ihr, nicht zu dicht auffahren, sondern stattdessen den Tisch decken, sobald sie zu Gast ist im Haus. Ganze Wochen soll man ihr geben, die Hand in den Händen & den gierigen Mund im andren verzahnt; nicht nachlassen soll man, der Liebe wegen kämpfen & es eben versuchen; jeden Tag haben sie der Liebe ein Monument gebaut, & sind schier verrückt geworden vor Verzücken. Wie leer muss ein Leben ohne sie sein, ohne das leiseste Seufzen? Opfern muss man, sagen sie, sich & den egoistischen Menschen, der Liebe entgegenwachsen soll man, als sei sie das Licht & wir nichts als Pflanzen; wehe dem, der anders denkt. Ganze Abende höre ich nichts als das Geseufz & Gezwitscher, als die Allmacht von Gefühlen & Spiel; selbst bei der Arbeit drängt sie sich einem auf & sagt: schau, schau wie wir lieben, schau, es ist wunderschön. Nicht ertragen kann ich den Wirbel & Zauber der Liebe, ihr Blendwerk, ihr egozentrisches Wesen. Überall bläht sie sich auf als Lebenszweck & gute Prognose,… Sag ich, & schau dorthin, wo sie tanzen & wippen, wo sie einander umkreisen & da, der König der Narben, er richtet seinen Eisblick auf keinen andren als mich & gefriert mir das Blut in den Adern.

Der zweite Abend.
Hell ist die Nacht, die sich über ihn senkt, & voller Versprechen; der Himmel über Berlin ist ganz blau, ein Blau, wie es Matrosen am Mittelmeer sehen, ein Blau von endloser Tiefe & Sehnsucht, seufzen möchte man beim Hochschauen, beim Finden der Sterne. So einen Himmel wird es nie wieder geben, denkt er, & streicht sich die Haare glatt, vom Ansatz bis in die Spitzen. Wie leicht alles ist, wie fiebrig die Haut angesichts der Begierde, die laut wird im Mund & zwischen den Zähnen ein heiseres Stöhnen. Ein Klang, der einem die Kleidung ablegt – die Lederjacke hängt die Lust an den Haken – direkt beim Bücherregal in die künstliche Ecke, hinter die Lampe -, & sogar die Hose legt sie zusammen, fein, säuberlich, auf den Sessel ganz zuoberst neben das Hemd. Was will er nicht berühren, jetzt?, einen Körper wie Milch, & einen wie Whisky, einen Haarbüschel will er zur Hand nehmen, kratzig & rauh, & einsinken mit der Nase in den Geruch – süß wie Mandeln & bitter wie Schierling; einen Kuss will er der Haut aufdrücken, einem Siegel gleich, das seinen Abdruck hinterlässt im noch warmen Wachs, so will er seinen Mund gegen die Haut pressen, gegen das Leben selbst, & seine Prägung darin hinterlassen. Sie sehen sich an, kurz nur, die Blicke wie Schreibmaschinentasten, die hämmern & hämmern, aufeinander los gehn die ohne zu zögern, & dann plappert der Mund schon unbedachtes Zeug. Banalitäten. Haut & Haare, die Zunge zwischen den Lippen wie ein Messer in der Scheide. Was muss man küssen, wenn nicht die Ohnmacht des Andren, wenn nicht die Hitze zwischen den Beinen? Einen Körper hat man ihm gegeben als Geschenk, dem Gott ein Opfer zum Dank, & er berührt seine Arme, seinen Hals, & zögert noch beim Anblick der Ohren. Alles könnten die hören, jeden Gedanken. Also schweigt er & beugt sich hinunter zum Minzatem, darin: das Bier, & saugt dem Mund das Leben aus. Seine Finger spielen mit Fleisch, mit einem Schwanz, der mehr ist, als eine Hand halten kann, & seine Augen sprühen hell.

Der andere, der nimmt seinen ganzen Mut zusammen, & nennt sich tapfer beim Namen. Nehmen soll er ihn, wie einen Krug voll Wasser am heißesten Tag. Zwischen zwei unbedachten Schritten der dritte will er sein, die Liebe eines Lebens & nicht der letzte Absatz im Buch; als Wolf bäumt er sich auf & fällt über ihn her, beißt ihm in Schenkel & Hals, & lacht beim Beben der Brust – welcher Mann kämpft so wie er, wer hadert & fällt, steht wieder auf? Keinen hat er je so kämpfen sehen. Die Wahrheit also, die Unvermeidlichkeit fordert er beim Reiben & Pressen, beim Wälzen übers Parkett. Für was entscheiden? Das ist kein Zögern. Leben! Leben, natürlich! Fürs ewige Versuchen-Müssen entscheidet er sich. Das ist ein Anrennen wie gegen Barrikaden, & dahinter?, das Heulen des Windes. Alles abwerfen will er von sich, die Gewohnheiten, die Donnerstagnächte, in denen er am Fenster sitzt, beim Warten ist er der Zeiger, & die Finger zittern im Suff. Komm schon, Joseph, sag was, & Joseph fährt sich mit der Hand durch den Bart & lacht. Das Licht der Lampe ist zornig; alles Metall im Raum funkelt & blitzt. Was? Mutig muss man sein, sagt seine Sandpapierstimme, & so streicht er sich die feuchte Hand am Laken trocken. Draußen sirrt der Verkehr wie Insekten. Gib den Dingen eine Kontur, sagt er, hol sie aus dem Zwielicht raus, mach sie real, sagt er, & klopft dem andren gegen die Rippen. Was? Was noch? Ein unermüdliches Gelächter.

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