In ivy & in twine

1.
Nach einer Weile trocknet das Blut an den Fingern, & die Welt rastet aus. Schon okay, vom Bett aus kann ich alles sehn. Ich ignoriere das Klingeln, die Stimmen im Hof. Ich ignoriere das Hämmern & Schreien. Schon okay. Die Explosionen erschüttern Wände & Boden, sie werfen Stühle um & die Teller vom Tisch; alle Fenster zittern. Dann bin ich plötzlich wieder wach. Wach – in Anführungszeichen. Müde bin ich in Wahrheit, müde & schwer, ich träume schlecht. Blinzeln muss ich, ganz übertrieben oft, damit ich verstehe, wo ich bin, muss versuchen den matten Farben eine matte Ordnung zu geben: das hier zum Beispiel, das ist die Wäsche, & hier ist ein Dreieck Licht. Nicht mein Bett. Links von mir bewegt sich wer – seinen Namen hab ich plötzlich vergessen. Als ich aus dem Kissen aufschaue, seh ich seinen Mund, einen Abgrund aus Zähnen & Schwarz, & ich seh sein dichtes, dunkles Haar. Woher kenn ich den bloß? Seine Augen, auch wenn sie zu sind, & nach innen verspiegelt, kommen mir vage bekannt vor. Die Wimpern & Augenbrauen, ich kenn diesen Hals, das Kinn. Dann erinnere ich mich wieder: Draußen ist Berlin. & ich muss gehen.

2.
Später putz ich mir die Zähne 2x. Ich fühl mich nicht sauber. Meine Nägel haben schwarze Ränder, & meine Augen sind rot. Als ich nach draußen gehe, ist die Luft klar & kalt, es ist ja Oktober, & die Bäume vergilben. So ist das also morgens in Mitte. Meine Haare sind fettig, & ich trage die Kleidung des vorherigen Tages. Nüchtern bin ich, es ist kurz vor halb 9. Ich habe mir Handkrem ins Gesicht geschmiert, weil es nichts andres gab in diesem fremden Badezimmer, & jetzt riech ich nach Oliven & Glycerin; der Geruch ist so penetrant, dass ich glaube, mich starrten deswegen in der U2 alle an. Vermutlich starrt aber niemand. Jeder hat eine Zeitung, ein Buch, ein Smartphone, & der, der nichts hat, findet meinen Blick unerträglich. Geht mir ja auch so, sobald ich mir mal in der Reflektion begegne. Also schau ich mir lieber auf die Handgelenke, die sind ganz rot vom Festhaltenmüssen, & meine Knöchel sind weiß; ich fühl mich wie eine Schranke kurz vorm Bahnübergang. Sicher, dass da niemand starrt? Sicher. Später entdecke ich kleine Schnitte an meinen Fingerspitzen & kann sie nicht erklären.

3.
Auf der Treppe im Büro, zwischen dem zweiten & dritten Stock, bleib ich stehn, ich weiß nicht weswegen. Gradeaus schauen muss ich, durch Fenster & Grau, ganz raus bis selbst die Straße klein wird angesichts der Weite des Himmels, & zähle die Wolken. Es sind keine da. Null, einfach null. Die Sonne ist ganz golden. Der perfekte Tag, um in der Tucholsky in einem Café zu sitzen, das Buch auf dem kreisrunden Tisch & eine Tasse Tee direkt daneben; danach: ein Spaziergang bis zur Alten Nationalgalerie. Böcklin. Menzel. Manet, dans la serre. Mir steigt das Herz in die Augen; es pumpt wildes Glück durch jedes Blinzeln. Mir geht fast die Luft aus vor Staunen. Wie alles ganz dicht wird, die Welt zieht sich zusammen zur Faust. & jeder wartet auf den Schlag, auf den rechten Haken. Er bleibt aus. Nur hinter mir seufzt wer, weil da jemand vorbei will, & ich? Reiße mich los von allem Blau & dem Glanz der Dächer, gehe weiter.

4.
Eigentlich merk ich nicht mal, wie der Tag dann letztlich ist. Alles geschieht traumwandlerisch. Mein Mund beschreibt, was die Augen suchen & sehn, was mein Gehirn interpretiert, was die Hände ertasten, was die Hormone zu Gefühlen zersprengen, & ich bin ganz unruhig deswegen. Mein Bein wippt unter dem Tisch, Ouroboros steht nie still. Was? Jemand sagt etwas, & ich höre nicht zu. Ist doch egal. Die Straßen & Wege mal ich mir aus, die ich gehen, die Ecken, an denen ich mir die Schultern grün & blau schlagen könnte; ich habe die Tische vor Augen an denen ich sitzen würde, die aus Holz & Glas, die Plastiktische mit rot-weißen Decken, mit Blumensträußen drauf & Aschenbechern, die Maserung seh ich im Holz, & die Dellen im Eisen. In der Realität trink ich bitteren Kaffee & freu mich darüber. Warum? Kann ich mir auch nicht erklären. Ich rieche alles überdeutlich, die Handkrem im Gesicht & die Minze im Taboulé. Alles ist hell, deutlich. Das Herz hämmert, hämmert, hämmert. Die Hände zittern. Ich habe die Türen vor Augen, durch die wir in fremde Zimmer gehn; ich seh die Scharniere, die Klinken & Schlüssel; die Böden unter den Füßen, & die Füße in Socken & Schuhen. Jede Faser seh ich, & kann nicht erblinden.

Wie weit, wie weit, fragen sie, wie weit sind wir bereit zu gehen bis der erste fällt. Wer wieder aufsteht, das wollen sie nicht wissen.

5.
Auf dem Weg nach Hause geh ich wie zufällig am Blumenladen vorbei, wo S. arbeitet, & bleibe im Licht stehen, das von drinnen nach draußen fällt. Es wird bereits wieder kalt, es wird langsam dunkel. Ich bleibe da in diesem Licht stehen, auch wenn es nicht wärmt. Stattdessen tut der Wind weh am Hals; sei’s drum. Ich beobachte ihn dabei, wie er sich mit einem Kunden unterhält – geschäftig sieht er aus, mit seiner blauen Schürze, ganz & gar Teil einer anderen Welt. Große Blumen trägt er von rechts nach links, zu der Theke hin, & wie ich denke, ich müsse vielleicht hinein & Hallo sagen, da gehe ich bereits weiter. Der Wind reißt mir an Jacke & Haar. Die hellen Fenster der Geschäfte & Restaurants ziehen vorbei, die Ampeln, & Passanten – ich geh weiter, weiter. Das muss so zielstrebig aussehen, so, als verfolgte ich einen Plan.

Zuhause nehm ich drei Stufen auf einmal, & suche dann den Schlüssel länger als üblich. Ich mache Licht in den Zimmern, & Musik. Drinnen riecht es nach Orangen, & Herbst; die Heizung im Badezimmer ist an. Der Boden ist warm. Seltsam, wie ich alles auf einmal ansehen & lieben kann, wie ich ganz verrückt werde aufgrund all dieser Kleinigkeiten. So wrap my flesh in ivy & in twine / For I must be well. Wasser lass ich einlaufen in die Wanne, dann geb ich den Körper dazu. Ich liege, liege, liege, der Dampf steigt auf in den Raum & verwirbelt zu Schatten. Jede Begegnung schießt mir als Blut & Endorphine durch die Adern, jeder Kuss, jede Suche nach Grübchen & Haut, das Spiel der Finger. Den Rücken seh ich vor mir, die Leberflecke, die Linien; unter Wasser atme ich aus. Alles ist warm, & nah. Ein Leben breitet sich ganz plötzlich vor mir aus, eine Vielheit von Zimmern & Türen, von Schaufenstern mit Leuten dahinter & an den Tischen lachen sie laut. Irgendwer verbrüht sich die Zunge am Ingwertee, ein andrer bricht sich ein Stück Brot ab & tunkt es in Öl. Was? Über Erinnerungen reden wir, & tanzen zur Musik. Zu Symphonien, & einzelnen Tönen, die allein nicht falsch sein können. Wir sitzen beieinander, J. & ich, & S. & F., & überqueren die Straße bei Regen & Sturm; an den Don denk ich zurück, wie wir im ersten Schnee dem Bier nachgingen, & in der Goldmarie, da trank ich Irish Coffee. Bilder, Bilder, Bilder, & das hämmernde Herz. Wie schön alles ist – ich verkneif’s mir zu sagen, denn es ist abgegriffen & müde, & niemand außer mir ist hier, um es zu hören, also wische ich mir nasses Haar vom nassen Kopf & verschlucke mich fast am Wasser, das mir in den Mund läuft, & ich huste & huste, bis mir fast schlecht wird, solange hust ich, aber es ist schon okay. Ich will eigentlich lachen.

Mit dem Handtuch um die Hüfte geh ich durch mein Zimmer, das Parkett quietscht leise. Seit fast fünf Jahren wohne ich in dieser Wohnung, denk ich, & schau zu den weißen Vorhängen, & der Schreibmaschine, zu den Büchern, die sich überall stapeln, zum roten Teppich, dem Tisch; alles schau ich mir an, als wär’s das erste Mal. Vor dem Mate-Kürbis neben dem Bild meiner Mutter bleib ich stehen, vor der Zeitschrift über Bolaño auf dem roten Acrylhocker, bei den Briefen oben in der Schachtel, ich sollte sie wieder lesen, & bei den Notizbüchern mit meiner engen, kleinen Schrift. Wie viel passiert ist, wie viel noch passiert. Ich blättere & blättere, durch das Hadern & Schimpfen, durch alles Jammern, & Sehnen. War der hier denn nie glücklich? War er nie zufrieden? Ich lese: Alles Neue beginnt mit einem Sterben; anders geht es nicht. Meine Hände muss ich mir ansehen dabei, die zerschnittenen Finger. Ja, man muss sich überwinden. Die Enttäuschungen & den Menschen, der man nicht werden wollte. Die Liebe, wenn sie einen nicht tragen konnte. Vorstellungen von sich selbst muss man überwinden, leere Versprechen. Ich ziehe mich an, schnüre die Schuhe, verlasse das Haus. Es ist an der Zeit.

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