Risse

Als Kugelhagel geh ich durch die Wohnung; als Wintersturm. Links & rechts bei der Tür stehen die kniehohen Tüten, die sind voller Pfandgut, Weinflaschen, Bierdosen, eingedellt von Männerhänden – ich schieße daran vorbei, höre: klirrend raschelt’s im Plastik, Glas, das Glas verdrängt, das geht mir hinter her durch die Tür, die Treppe hinab. So flieg ich nach draußen. In die Nacht, die rastlos ist an den Rändern & lichternd im Kern. Atem. Immer mehr Atem wälzt sich mir aus Lungen & Mund; ich bin weißer Dampf unter den Lampen. Ein heimsuchender Geist.

Wenn aller Raum sich ausgeht, wohin weicht man dann aus?

In der S-Bahn, die Räder kreischen. Ich stehe lesend & lese kein Wort, bin besessen von Blicken. Links & rechts stehen zwei Frauen, die eine ganz groß & blond, ein Ausschnitt Sommer in schweren Stoffen verpackt; die andere klein & schwarzhaarig, ein Gedanke von vielen, so unscheinbar. Rot hat sie sich den Mund gemalt, die Kleine, um ihren Wörtern mehr Gewicht zu geben, um laut sprechen zu können angesichts der Fülle von Lärm, aber ihre Stimme ist hell, gläsern, sie zwitschert nur, da will auch die Farbe nicht helfen. Ich verstehe kein Wort. Die andere, die Blonde, die schaut der Stadt entgegen & sagt: No, you’re a heroine. Seriously. Sie streicht sich das Blond aus der Stirn & hinter die Ohren, sie lächelt ganz breit. Sagt: You did the right thing, girl, he wasn’t worth shit. Just let go. Westhafen, es steigen Männer ein. Es riecht nach Deo, & Gel; es riecht nach Schweiß & Gewalt, es riecht nach Krieg. Die Blonde sagt: Look at me, you think this has been easy for me as well? I mean. I knew him for over 15 years now. Dazwischen schneidet sich Gelächter; es ist wie ein Messer. Es trennt den Dialog auf & mir jeden Blick. Bewegung! Jacken, die Jacken stoßen, ein Schuh, der einen andren streift. Ich sehe einen Mann, der trägt seinen Bart dunkel & die zwei tiefschwarzen Augen hell, der hat ein Lächeln wie Zucker; die Hände in den Hosentaschen wie ein Revolvermann ganz kurz vor dem Schuss. Den Blick senkt er nicht beim Ansehen, sondern den Kopf, der voll ist mit dickem, lockigem Haar – dann rütteln plötzlich die Schienen, es rüttelt die Welt. Bewegung! Glas, das Glas verdrängt, & Plastik, das nicht bleiben will. He said he’d love him but he ain’t lovin him. Not even — Die Türen schließen sich, das Gespräch bleibt zurück.

Ich fahre zu Ikarus, der mir das Herz weit macht & die Augen zu klein; einer, der kohlrabenschwarz ist in der Ferne & schneeblütenweiß im Näherkommen, ein Koboldkönig, ein gefallener Gott. Ihm nach lauf ich, ein Hund an der Leine, der sich streicheln & tätscheln lässt, der am Knochen nagt zur Belohnung, aber eigentlich bedeutet es nichts. Mehr Gebäude, Straßen, Menschen. Ikarus, ein großer, dunkler Typ, ein Zufall, ein Lächeln so breit, als gehörte es andren, als könnte er’s verschenken; sein wengebraunes Haar eine Krone, die Haut ein Mantel aus Gold. & die Augen erst! Augen, Augen – tausend Augen sehen, sehen immerzu; fliegen blinzelnd um ihn, ruhen nicht, zucken bloß; ein Immersehen umgibt ihn, ein Ansehenmüssen, ein Nichtwegsehenkönnen. Er öffnet mir die Tür, als wolle er mich zum Ritter schlagen, sein Gesicht ist ernst & alterslos. Komm rein, sagt er, & ich streife die Winterjacke ab, den Pullover, die Hose, noch im Flur steht das Gespenst, & fühlt alles Rütteln, alles Schütteln, die Welt in Bewegung. Es folgen – die Stimmen; sie zerschlagen mich ganz:

du arbeitest zu viel du brauchst eine pause warum hörst du nicht auf das führt doch zu nichts du verdienst da kein geld what’s your name i think we’ve met before ein haus sich kaufen & darin leben & nirgends mehr die gewalt der stadt & die hochzeit im sommer ich weiß also als letzte davon die tiere die sterben nicht die quält man zu tode die milch der frühe was ich weiß von den künstlern & was ich weiß von jedem krieg & was ich höre & sage & denke & mach & nirgends ein ende die milch der frühe wir trinken dich nachts in auschwitz sind sie gestorben & verdis requiem durchwebt ihren geist & nichts als asche & nichts als zerstörung & die flaschen im flur & die zugeschlagene tür die geht nicht mehr auf die klemmt schon im schloss aber wien & zürich & bern & schon wieder fehlt ein OK das gibt’s doch nicht da hustet sie & hustet & geht nicht nach hause & schließt bitte das fenster es zieht zieht im gemäuer in den räumen zieht es hinaus die ganze welt im wahn im rütteln & schütteln & in der gewalt der tage zerstößt es den menschen what’s your name i think we’ve met before we met met mehr geh ihm nach durch die nacht & geh ihm nach durch die menschenmengen die rastlos sich an menschen drücken & das licht in der toilette ist zu hell für seine haut aber der ist doch nicht hübsch komm lass uns was essen du arbeitest zu viel du brauchst eine pause time for coffee so müde so müde alles geht hoch & wieder runter & what do you like what are you into what do you want die fenster voll eis & die augen voll hass die glut die verwirbelt die aufscheucht im müssen die augen augen die sehen & augen die zucken & wie viel musst du zahlen o gott das tut mir ja leid ich komme nicht mehr in die alte zeile zurück ich komme nicht vorwärts du musst mich nicht buchen süßer wir ham einen deal deal wir haben zu viel & alain unter der sonne & brecht in der tiefe bei minos da steht sich’s nicht eng da trinken wir schierling wir ergeben uns nicht everyone floats down here how we float float what do you like i think we’ve met befo–

Ikarus nimmt mich aus mir selbst heraus, er nimmt mich zur Seite & legt mich hin, denn meine Augen sind irr & meine Stimme rauh am Ende der Sätze. Bei jedem Punkt will ich in mir zusammenfallen, aber ich falle nicht. Ich erschöpfe mich bloß. Ich liege & liege, er gibt mir einen nassen Lappen für die Stirn, & warme, trockene Hände für mein wütend schlagendes Herz. Was ist denn los mit dir?, fragt er. Nichts, lüge ich. Es ist alles okay. Ein Aufruhr geht mir durch den ganzen Körper, ein Riss von den Augen bis zum kleinen Zeh. Warte auf mich, denk ich, warte auf mich in einer Zeit, in der alle Wogen sich glättern & die unruhige See sich zum Spiegel verdichtet, zu einer Fläche weiß & weit & ohne eine Welle. Warte auf mich an einem Sommertag, wenn die Sonne warm ist & der Himmel ohne eine Wolke; warte auf mich an einem Tag, wenn wieder gelbe Blumen auf dem Fensterbrett stehen & der Basilikum blüht; warte auf mi–

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