Sie.
Sie sagt. Dies & das, sie redet viel, sie nennt keine Namen.
Die Worte spricht sie wund mit ihrem Stachelbeermund, & nickt bei den Punkten am Ende der Sätze – leicht nur, als rollten kleine Bleikugeln in ihrem Kopf von einer Schädelwand zur andren.
Sie.
Lächelt ihr Fischgrätenlächeln, & zupft sich Tabak vom Hemdkragen, den sie hochgeknöpft trägt, einen Strick hat sie sich um den Hals gelegt in weißem Taft – das knautscht ihr den Körper bis unters Kinn, so trägt man’s in Paris, weißt du, alle tragen das so. Ihre Augen, farblos und ohne Wimpern, blinzeln jetzt. Ruhig, unaufgeregt. Ein Wunder, dass der Blick noch echt ist bei all dieser Kunst: Die Augenbrauen hat sie sich aufgemalt, die Lidstriche bis dicht ans Weiß beider Augen. Die Falten hat sie sich mit Schminke aufgefüllt. Ob ihr wohl das Gesicht wegschmilzt, wenn’s warm wird im Raum?, fragt er, der Junge mit dem Lockenkopf & grinst. Dicht sitzt sie am Fenster, wo stets der Wind zieht & das blondierte Haar, die Locke in der Stirn, in Unordnung bringt. Bei der schmilzt nichts mehr, die ist wie aus Stein, nicht aus Wachs.
Sie.
Sie sagt. Eins & eins muss man zusammenzählen, versteht ihr das nicht? Dann neigt sie den Kopf & zuckt mit den aufgemalten Augenbrauen, ein Art Chanel-Pantomime, ein Statue mit Louis-Vuitton-Täschchen – diese Frau, diese -, was? Anfang-Dreißigjährige? Drei&dreißig, flüstert er. Ein Krieg hat so lang gedauert, wie die. Darin gleicht sie der Geschichte: Verheerung, wohin ihr Blick auch reicht. Besonders im Spiegel. Er grinst wieder, dribbelt mit den Fingern auf der Tischplatte, zuckt mit den Achseln. Wir müssen nicht hier bleiben, wenn du nicht willst. Stöckelschuhschritte wie Platzpatronen, alles knallt & kracht, wenn sie sich in Bewegung setzt. Sie ist groß, & massiv, sie ist wie ein Gestell aus Kleiderbügeln & Fleisch; sie trägt schwer an ihrem Körper. Die Schwerkraft & sie sind erbitterte Feinde.
Sie.
Sie sagt. Sie sind also Xabis Neuer, ja? Woher kommen Sie? Was machen Sie beruflich? Sie reicht mir die Hand, die kalt ist & leblos, sie mustert mein Gesicht als sei’s eine Karte. Tulpen riech ich an ihr, frisch aus der Erde gerissen, die Blüten abgerupft & zum Opfern bereit. Götter brauchen Gerüche; sie brauchen das Tagwerk der Träume, sie brauchen die Arbeit der Nacht. Das Gestöhn der Liebenden zupfen sie uns von den Lippen, den Schmerz der gebrochenen Herzen, ein ganzes Leben liegt im Rausch der Düfte. & das ist, was sie wollen. Ich straffe mich, glätte Schultern & Rücken, ich entfalte mich, strecke mich – bis ich plötzlich vor ihr stehe. Ihr Medusenhaupt ist grell unter dem Neonröhrenlicht; es wirkt wie ein Spiegel kurz vorm Zerspringen – ihre Stirn ist straff & grau, ihre Kiefermuskeln zucken als zermahle sie die letzten Reste vom Essen. Ich komme von überall, mein Zuhause ist hier. Sag ich. Ich arbeite immer, ich ruhe nicht. Meine Stimme ist kratzig, ich verschlucke mich fast. Sei’s drum. Ich nehme Xabis Hand, seine warme, harte Hand – sie liegt mir zwischen den Fingern wie Wellen & Laub, wie Erde & Wind -, & blinzle nicht. Mein Auge zuckt, füllt sich mit der dumpfen Schwere, die ich bereits kenne, aber ich sage nichts, schaue starr in ihr Gesicht.
Sie.
Sie sagt. Aha, & das ist dann Liebe. Die Ohrfeige sitzt. Wie uns die Liebe hin- & herwirft wie Flickwerk: der Liebe stürz ich mit rauhem Hals entgegen – denke nicht, höre nicht, spüre bloß den Stunden nach mit dem Geschick der Uhrmacher. Nur noch neun Minuten, sagt der Mund & der steife Schwanz in der Hose. Dann geht’s zurück in die Kälte des Schneesturms & mit den glitschigen Treppen hinab zum U-Bahngedröhn, zurück zur Stille eines fremden Hauses, zurück in ein weißes Bett, zurück zur Stille, zurück.. rück… ck. Liebe? Ein ganzes Leben zergeht mir im Griff der Hände, dem Ziehen & Reißen, dem Wälzen der Liebe, die mir ihren lauen Atem in den Nacken haucht, die sich als Weichheit in feste Körper schraubt; ein Haus seh ich auseinanderfallen im Ticken der Zeiger. Der Staub unter den Betten, Messer mit Butterrand im Spülbecken, & schimmliges Obst. In ihren farblosen Augen seh ich den Schrecken der Jahre, der Beziehungen: stotternd-sorglose Männer, lispelnd-glückliche Frauen, die im andren das eigene Leben vervielfacht sehn, die lächeln, wie sie sich küssen: mit geschlossenen Augen, weil Glück blendet, sobald man es ansieht, weil es einen erstarren lässt im Schmetterlingssturm. Sieh: All die Besorgungen, & all das viele Austauschen – von Wörtern & Körperflüssigkeiten, & Stunden, & so viel gibt’s noch zu sagen, niemand wird müde. Alle werden wacher. Bis sie kommt.
Sie.
Sie streicht sich das Schlangenhaar aus der Stirn.
Nickt.
Bringt die Bleikugeln zum Rollen in den Köpfen der Menschen.
Sie.
Sagt.
Sie sagt.
Nichts.
Lächelt.
Ihren Mund hat sie sich angespitzt mit dem stachelbeerfarbenen Lippenstift; es schmerzt, wenn sie grinst. Wenn sie einen ansieht, mit diesem toten Blick, wo der Spott sich jetzt ausbreitet wie Tinte im Wasser. Da ist Hass, & Missgunst & von den zerbrochenen Beziehungen die schärfsten Splitter & Scherben. Hier stecken all ihre Relativierungen, die Last der Toten im Grab & das Geschrei der neugeborenen Kinder – wer die Verantwortung trägt, wer sie hat & wer sie will? Eins & eins muss man zusammenzählen, versteht ihr das nicht? Drei&dreißig Jahre, & keinen Tag klüger, sagt er, & grinst, aber seine Augen sind müde, & seine Hand wiegt schwer jetzt in meiner. Wie man sich trifft & ansieht, wie man miteinander spricht; in den Bussen sitzen immer andere Leute, jeder Morgen ist fremd. Bewegung, weiter, weiter, ein Schwellenleben. Jetzt sind wir noch hier, im Park, wo der Schnee knirscht unter den Schuhen & die Obdachlosen im Müll nach Pfandflaschen suchen, die bei uns im Flur in Plastiktüten stehen – Glas, das Glas vedrängt -, & dann? Sind wir hier. Die Baukräne & Bohrtürme in Unter den Linden heben sich lärmend in die Höhe, wälzen & wühlen sich in die Tiefe, spucken heißes Wasser in Gruben. Überall Geschrei. Überall Dreck. Ihr baut weiter an untergehenden Welten – Berlin, dein Blick in meinem verzahnt, deine Hände an meinem Hals.

Was ist, sagt Xabi; er klingt besorgt. Ich weiß nicht, sag ich. Nur wieder so eine Ahnung.

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