Der Neuanfang alter Enden

Für P.S.
Den Gedanken an Später nimmt er mit in den Schlaf,
ein Ding voller Kanten & Unglück: ein Bild eines Mannes am Galgen,
den hat er sich abgeschnitten vom Balken
ganz dicht unterm Dach,
in der Garage beim Werkzeug, neben Schere & Trotz,
von der Vergangenheit hat er sich die Sehnsucht abgeschnitten,
die Sehnsucht der Stunden nach Jetzt.
Aber, sagt er.
Aber: der Knoten am Hals,
aber: die Schwere leerer Gläser,
aber: das Klackern der Pillen im Mund —

Wie er sich da den schweren Kopf in die Hand legt,
einen Stein legt man so auf den zweiten,
in sich zusammengefallen sitzt er im Sessel,
ganz nah beim Frieden – das Herz,
das Herz, das stets zum Schlagen bereit ist,
das Herz, sagt er, das ganz voll ist vom Schweigen.
Aber: der Knoten im Sprechen,
aber: die Schwere der Worte um 1,
aber: das Klackern der Pillen im Mund —

Müde sind wir beim Atmen,
beim Trinken ganz wach,
mit unseren Augen gehn wir jeder Laune nach,
den Frauen, & Männern,
den gebetenen Gästen im Haus,
die uns an fremde Betten binden,
wie wenn einer den Hund anbindet draußen vorm Laden,
& wir stehen vorm Fenster & sehen herein,
reiben uns Augen & Mund, schütteln den Kopf.
Aber. Aber. Aber.
& das Klackern der Pillen im Mund.

*
1.

Ich weiß nicht, wie, sag ich, & meine mein Leben. Alles ist Bauklötze & schweres Schuften, ist kurze Nacht & Augenzucken – den Mond will ich reinlassen zu meinen offenen Fenstern & alles abwerfen, was mir Knochen ist & müdes Denken. Frei sein will der Blick im Schaufenster, im Spiegel morgens & abends, mittags um 3; ich schlage meinen Blick gegen jeden Menschen & wundere mich, dass keiner unter der Last meiner Augen in sich zusammenbricht. Schon okay, muss ja nicht; die andren sind nicht immer zwangsläufig das Problem, oder? Selbstschau: Meine Hände haben die Tendenz immer so verdammt weit weg zu sein von allem Greifbaren, also steh ich in der U-Bahn & klammere Buchseiten, tackere & hämmere meine Finger ins Papier, damit ich nicht fortfliege im falschen Augenblick – die Welt dreht sich nicht langsamer unter der Erde, im Gegenteil. Es gibt Momente, da schlingert mir der Boden regelrecht unter den Füßen, da dreht sich die Stadt unter jedem Schritt – Berlin, Berlin, deine Baustellen, dein Wahnsinnsgeflüster – die Stadt fährt in mich, besitzt mich. Verschlingt. Ich gehe durch meine Wohnung & spüre Schutt zwischen den Zehen. Was früher einmal Wände waren, sind heute Türen & Fenster – was Mauern waren, sind Lichter & Farben: ich gehe durch laute Wunder, die sich mit jedem Atemzug ins Dasein schrauben, & weiß vor lauter Überraschung überhaupt nichts mehr zu denken. Backpfeifen – überall, wohin das Auge auch zuckt. Was passiert hier eigentlich? Sie versetzen mir Schläge; die Erwartungen, die eigenen Ziele. Da heißt es dann: wie rennen, wenn der Boden immer nach oben ausweicht – wenn alle Straßen zu Hügeln werden, & die Hügel zu Bergen – wenn das Aufstehen ist, als fahre einer gegen die Wand, & am Ende heißt’s, es sei menschliches Versagen gewesen. Stark sein muss man, sagen sie, die Schultern straffen, das Kinn recken; man muss es sich selbst nur stets neu beweisen. 30 Tage brauche es, bis man sich selbst überwunden habe – sich, & das namenlose Grauen der alten Gewohnheiten – in nur 30 Tagen, hörst du, in 30 Tagen bist du ein neuer Mensch. Nur anfangen muss schon irgendwer, sonst passiert ja doch nichts. Wie? Ich zupfe mir morgens ein Gesicht zurecht, ein Lächeln im Mundwinkel & eine feuchte Gier in den Augen – hörst du nicht, wie mir der Magen grummelt, wie er brodelt & kocht? Das ist der Heißhunger nach Leben. Einem ruhigen Sonnenscheinleben, irgendwo: ein Sandstrand & Meeresrauschen. Bild dir das ruhig ein. Die Finger im Nabel fischen nach Flusen, & finden einen anderen Menschen. Das bist du? Ernsthaft jetzt? Fang doch einfach mal von vorne an:

1.
Im Schweigen der Nächte sind die Träume nur geliehen, aber wie weich ist das Bett unter mir, die Kissen geborgt von einem friedlichen Menschen, der stets tief schläft. Ohne Kummer & Sorgen, ohne den Alk in den Knochen & die Müdigkeit in den übervollen Augen. Das ist nicht dein Nabel; es ist ein Fremder, & der hat dein Gesicht, der hat dein Leben. In alten Kisten finde ich alte Ordner & viel Papier; ich finde Aufschriebe von mir als 20-Jährigen, als Schüler kurz vorm Abitur – ich höre mich von Freiheit sprechen, von Sartre & dem bedenkenlosen Willen nach mehr; ich lese die Tintenzeilen, die irgendwann verbleichen werden, lese von Stoa & dem geliehenen Zwang. Was wusste ich denn damals vom Zwingen? Was wusste ich von den Schrauben in beiden Füßen & der Faulheit des Menschen nach Jahren der Umtriebigkeit? Da schießt mir Feuer in die Augen, ins Herz ein großer Brocken Wut, der sich loslöst aus den verkrusteten Adern: Wie konnte aus so einem nur dieser Mensch werden? Einer, der ganz & gar zufrieden ist beim Marschieren – einer, der hat sich mal wichtig getan im Verändernwollen. Der verändert sich gar nicht mehr, dieser Typ, dieser Entwurf eines Mannes. Damals hatte ich Messer am Hals & geladene Pistolen im Gurt. Ich sehe mich als Studenten durch Tübingen gehen, ein Geist zwischen den Schwellen, eine Schablone ohne Inhalte – & jetzt, da ich überlaufe vor Inhalten, da sitz ich stumm vor dem Reden der Welt, ihrem ewigen Beschwerden, ihrem Angsteinreden. Wie? Das ist kein Neuanfang, das ist ein weiteres Bekennen. Komm schon, komm. Wo ist der Wettbewerbsgewinner, der nach Köln fährt, & seine Todesboten-Stories ins Scheinwerferlicht krächzt?

Das Altwerden ist Erstarren, sagst du, & reibst dir die Lider mit der Handfläche. Die Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit, Rosa Luxemburg, sagst du, & lächelst mit dem Weinglas am Mund, & ich… Ich. Ich löst sich auf in den Nächten & den Schmerztabletten; ich löst sich auf unter den weißen Neonröhren & im Tummeln der Menschen, im Stoßen & Treten, im Schweißgestank & dem Lachsbrötchen-Zerschmatzen; ich ist ein Schatten ohne Ränder, der in alle Richtungen gleichzeitig zerschießt. Ich, die Frage nach Ich, ja? Wer ist Ich? Eine Vielzahl, eine Konzeption. Einer, der lebt das Leben von dreien, vieren, der kriecht auf Fünfen zum Sex, & spielt mit dem Essen. Ich schreibe nicht mehr, sag ich, & meine den andren, & der – hier: ein Junge voll Ecken & Kanten, einem Lächeln wie Sprengstoff kurz vorm Explodieren -, ist ein Maler, dem sitze ich gegenüber & sehe alles, ein ganzes Leben, & ich? Wenn ich mich ansehe, dann sehe ich überlaufende Waschbecken. Ausgerissenes Haar unter den Nägeln. Kartons, die einer in den Flur stellt, damit’s ein anderer wegräumt.

Pause.

Nein. Eine Pause sehe ich nicht. Zusammenreißen soll man sich, damit kein anderer die Fetzen falsch zusammenklebt. Entknicken muss man sich, die Falten aus den T-Shirts streifen & die Knochen aus den Organen – sich ins Licht werfen, als verspreche es Wärme, & das bei Minustemperaturen. Mir ist kalt, sag ich & klappere mit den Zähnen. Dir ist alles, sagst du, & reichst mir das Glas. & da ist es dann, da geschieht es plötzlich: das Gefühl hebt sich raus aus dem Mund & den Augen, es schwappt empor, es ist Gewalt. Alles läuft rückwärts & vorwärts, alles überschlägt sich & springt – ein elektrisches Knistern im Kopf, & ein lautes Sirren – ich spüre, wie sich etwas aufbaut, wie etwas stark & stärker wird, mir durch die Finger schießt, wie es mich ausfüllt. Die Gravitation ist ein Scheiß gegen die Kraft im Innren. Toben & Fauchen, & ein Ausschlagen; ich zerspringe mit einem lauten Krachen & was herausfällt, was liegt & wieder aufsteht, was weitergeht, ist ein anderer. Ein Mensch ohne Vergangenheit. Ein Schriftsteller vielleicht mit zweidutzend Universen im Blut, & einem Zucken im Auge. Man muss es nur tun, sagst du. Man muss es nur tun.

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