Schlagschatten

Das Bedürfnis nach Freiheit, sagst du, sei eine Unmöglichkeit. Wir sitzen in der U-Bahn, & der Fäkalientiefpunkt ist damit endlich erreicht; das alles stinkt ganz gewaltig. Am Gleisdreieck trennen wir uns in einer Umarmung, die klebrig ist an den Fingern & viel zu warm in der Mitte des Herzens. Du lächelst nicht. Ich ziehe die Nase hoch. Touristen drängeln von draußen nach drinnen & andersrum, & ich sage ständig sorry, obwohl der Anstand mir eigentlich ganz andere Wörter in den Mund legen will. Arschloch beispielsweise, Fotze. Ich hab das satt, denk ich, & quetsche mich zwischen Oberkörpern & Unterkörpern vorbei, mich streifen Handknöchel & Ellbögen, mich berühren Hintern, Schwänze, Brüste. Es ist viel zu viel. Auf der Treppe wird mir schlecht. Ich will kotzen – solange bis ich alles los bin, was mir die Welt zum Fressen reicht, aber von was kotzen, wenn bereits alles leer ist & hallt? Ich geh weiter, in eine gleißende Sonne, die Trennlinien zieht zwischen den Gebäuden & mir, weiter grade aus bis in den Park. Ich bin der Schlagschatten, denk ich. In den Ohren toben The Echo Vamper, & mein Brustkorb wird weit —

Er liegt auf dem Bett
weiß in weiß,
mit bronz’ner Haut,
die dunklen Haare in Unordnung; im Hintergrund stehen die Palmen,
grün in grün,
auf dem Fischgrätenparkett neben den Büchern;
Wind geht durch das offene Fenster & wirft den weißen Vorhang schräg zur Seite.
Schön ist der Tod, der so ein Kostüm aus Muskeln trägt: Das Tattoo auf dem Rücken – made of stars & thunder -, die grünen Augen, die Venen zittern in der Armbeuge, & auf dem Handrücken; das Lächeln des Fauns. Er ist einer, dem Frauen bunte Blumenkränze flechten, dem Männer Statuen aus Gold errichten; Lover, Lover, Lover. Ein Roman kribbelt mir unter den Nägeln, wenn ich ihn sehe, eine Geschichte in freier Natur, wo der Schatten der Bäume stets sanft ist & die Flüsse klar & kalt & ohne eine Spur Mitleid. Frei, denk ich, & seh ihn grinsen, frei in einer gnadenlosen Welt – das ist einer, der sich das Blut aus dem Mundwinkel wischt, der die Klinge im Hosenbund trägt, einer, der lässig den Apfel vom Obststand auf der Straße klaut, & nicht wegrennt, der geht langsam & stolz, der grinst beim Stehlen wie ein Kind. Der nimmt sich, was er braucht. Xabier. Sein Name gängelt mir auf der Zunge – wie Haut. Ich spüre den Narben nach, den Haaren unter den Achseln, seinem Geruch, das ist Gift. Seine Schlüsselbeine, seine Halsschlagader, sein Mund, der sagt es weich, der sagt es tief, der rollt das R & dehnt das E: & what love can do, that dares love attempt*, & ich —

Tobe, sure this feels good to me.
Wie ich mich jeden Tag um die Normalität bemühe, wie ich grüße & lächle, wie ich den Menschen die Hand reiche, & warte, wie ich warte! den ganzen Tag & auch den nächsten. Die Füße steh ich mir nicht nur in den Bauch, sondern bis in den Kopf – der Kopf direkt auf den Knöcheln, so geh ich durch begrenzte Räume & nenn das: Heimat, nenn es: Arbeit, & dann, wenn die Uhr nur laut genug schlägt, geh ich ab von der Bühne, & den ganzen weiten Weg zurück durch die Stadt; aber fühlen? Was fühlen, wenn einem alles überläuft, wenn der Mund nie satt ist & die Augen nie ruhen? Sure this. Im Treppenhaus steh ich & suche nach dem Haustürschlüssel; ich hab Sehnsucht nach dem Reinigungsmittel, das ich beim Einzug so verschwenderisch in jede Zimmerecke geschüttet habe; ich kann den Orangenduft fast riechen. Sehnsucht nach Gemüse in Auflaufformen. Sehnsucht nach Himbeeren in Sektgläsern. Ich reiße die Postkarten im Badezimmer von den Wänden; ich hab sie lang genug gesehen. Was ist, was passiert? Die Nase hochziehen, den Müll mit spitzen Fingern in die Tonne werfen, anfangen, alles zu Scherben zu schlagen, die Trümmerfrauen aus dem Haus jagen & mit ihnen gleich den Gedanken, dass alles schon ganz okay so ist, dass der Alltag Vorteile hat, &c. &c., Aber nein, Arschloch, nein. Irgendwann reicht’s. Die Vorstellung, dass wir in einem Handlungsspielraum existieren müssen, dass man immer dann B sagen muss, wenn man sich ans A gewagt hat, es ist doch idiotisch. Ich sage so oft A wie ich will – A. A. A. A. -, & was danach kommt? Ein Schweigen & Grinsen, ein Schlagschattentanz? Das geht dich einen Scheißdreck an. Nur damit das klar ist. Lover boy, my heart’s still mine.

*Romeo & Julia, Shakespeare

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3 Comments

  1. „wenn die Uhr nur laut genug schlägt, geh ich ab von der Bühne.“
    wenn das nicht mal ein schöner satz ist.

    Antwort

    1. danke. ich hoffe allerdings, die uhren ticken alle noch eine weile so leise wie bisher.

      Antwort

      1. hauptsache, sie ticken.

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