.נועם

1.
Äimi sagt, ich habe viel zu kurze Finger, & lacht, & gießt Sekt nach in die drei Gläser – eins mit Lippenstiftrand, eins mit beigen Spritzern, eins mit Minzblätterresten -, & ihr roter Mund ist weit & herrlich, & viel zu viel, wie alles an ihr, der Dragqueen im Hahnentrittkleid, & dann flucht sie plötzlich, des Computers wegen, der alt ist & langsam, & der nicht macht, was er sollte, & im Hintergrund dröhnt die Musik. Es ist Donnerstag, es ist Viertel nach drei. Ein Korridor, ein Treppenhaus, zwei verschlossene Türen & zwei Vorhänge weiter tanzen sie, trinken, feiern – die Männer. Alles da ist hell & bunt, es wird geraucht. In Gedanken zähle ich auf, was ich getrunken habe: 1 Gin Tonic, 1 Moscow Mule, 1 Mexico Mule, 1, nein! 2 Bier, 2 Schnäpse (Birne). Ich fühle mich nicht betrunken. Ich fühle mich klar & lichternd, ich fühle mich, als sei ich überall zugleich. Neben mir sitzt Mathieu, & Mathieu spielt mit dem Dezibelmessgerät, das auf dem Tisch liegt, & wir lachen darüber (73 Dezibel), & lachen (65 Dezibel) & kichern (42 Dezibel), bis einer sagt: gehn wir wieder runter?, & dann stehn wir auf, gehn rückwärts durch die Räume, in denen wir nicht blieben. Ich bewundere Äimis Gang in den hochhackigen Schuhen, ihren Duft, ihre Plastiktitten in dem engtaillierten Kleid. Kunst mit Herzschlag, denk ich. Kunst mit Humor. Außerhalb meines Gehirns hingegen, da sag ich kein Wort, da grinse ich nur, & nicke, da geh ich durch Türen & Gänge & durch die Vorhänge zurück ins Grelle hinein, & stell mich zur Bar, wo die Männer mich sehen, & nehme das Bier von Mathieu (3), & den Erdbeerlime von Äimi (1), die ganz genau weiß, wann genug ist, & ich, & sie, & er, & alle sind glücklich.

2.
Wir tanzen, & tanzen, wie unter Wasser ist jeder Schritt & jede Berührung, & jedes Atmen wie Ertrinken in Rauch. Wir lachen, & lachen, unsere Münder & Augen strahlen, wir sind Sonnen & Stürme: wir verschlingen Welten. Meine Blicke gehn ziellos von links nach rechts, pendeln hin & pendeln her. Ich spür wen, ich seh ihn nur nicht, denk ich, & zähle die Bier nach, die fünfte Flasche hier in der Hand?, & dann, von rechts: ein Paar Augen, ein Lächeln & Wegschauen, & eine Gruppe von Menschen drängelt sich durch, & ich lache, & da sind sie wieder, die Augen: dunkel, der Bart, die strubbligen Haare; dunkel: der Blick,… Wie wir einander umkreisen, ein Aufschauen & Wegschauen & jeder neigt den Kopf ein bisschen weiter nach links, & ein bisschen nach rechts, die Wimpern wie Venusfliegenfallen: die fangen mich ein. Ich? Nur ich. Er? Nur er. Stehn wir kurz still, bitte. Machen wir die Musik mal aus. Null Dezibel jetzt. Selbst Atmen ist lauter. Nur hören wir’s nicht. Wir hören nichts außer die Entfernung, die überbrückt werden will. Wie er aber näher kommt, das merk ich schon gar nicht mehr; er steht plötzlich da, sein Lächeln wie Rauschgift, sein fiebriger Blick, hörst du’s schon, siehst du’s nicht? Golden. Die Nacht lodert auf um uns herum, & fällt in Funken zwischen unsere Schuhe & Beine & Hüften & Bäuche & Rippen & besonders zwischen die Schultern & Arme, & dann legt die Nacht sich als Krone auf unsere Häupter, als Schimmer auf Lippen & Hals. Wir sprechen nicht. Wir saugen einander ein – der Taucher, der zurückkehrt aus der Tiefe der See, mag so den ersten Luftzug tun, wie wir uns jetzt küssen. Wir reißen einander herum, wir stoßen einander schier um, wir drehen & drehen uns, wir fallen gegen Menschen & Wände, wir raufen uns Haar & Klamotten, klammern uns fest, als die Musik erneut losbricht, & die Welt tobt. Wir beißen uns die Lippen & grinsen, wir umarmen Arm & Torso & Rücken & Kopf, jeder den andren, & spüren, dass es nicht reicht – wir enden an der Grenze der Haut, wir finden nur Reibung. Sag los! & ich renne. Los! Durch die Bewegung des Raums gehn wir, kämpfen uns durch sein Kippen & Wanken, durch die Männer, durch die Leben, die nicht genügen, durch Unglück & Wahn dieser Stadt. Bis wir ankommen, wo niemand mehr ist.

3.
Was soll ich mit dir tun?
Gewalt, die sich aufwirft, die sich stapelt, die kippt.
Wärme, die geborgt & gestohlen, von der Gelegenheit zum Dieb erklärt, zur Hitze wird.
Nestelnde Finger. Flüchtig: die Glätte der Haut.
Was tun? Lieben. Verlangen. Nur nicht nachgeben. Druck, der sich aufbaut & aufbaut, der wächst über Köpfe & Dächer, der wächst über sich selbst hinaus & lässt nichts, außer den Hunger nach mehr. Knöpfe & Stoff, Reißverschlusskälte zwischen Fingerspitzen. Haare, die einander nicht mehr loslassen wollen. Haut, die sich wundreibt an Haut. Stimmen aus der Ferne. Stimmen, zwei Meter entfernt. Was tun? Alles, was weich ist, härtet irgendwann aus. Zucken & Pulsieren, & ganz viel Blut, das durch viel zu enge Adern rauscht. Ja. Ja? Wärme in Wärme gestopft, Wärme ineinander geschoben wie Matroschka-Puppen. Gib nicht nach, gib nicht auf. Was den Mund zuckert, das süßt dir das Herz. Aufschnellen & Abwarten, & Blicke, die sich suchen & finden & wieder verlieren. Ein Name, den wer flüstert, erzeugt Hall & Echo, erzeugt das Geheimnis. Das kann hier nicht bleiben. Also muss man einander fortnehmen, aufstehen, den Ort wechseln, die Türen hinter sich schließen, & sich schier am Eigenen verschlucken, lächeln, wegschauen, lächeln, & dem Tageslicht trotzen, das hinter verschmierten Fenstern lauert, nichts loslassen können. Das Ohr sucht den Herzschlag am Bauch, & findet Verdauungsgeräusche. In der Kabine daneben stöhnt irgendwer anders. Das ist die Romantik der Nacht. Alle verlangen einander, hungern einander. Am Ende zieht man sich den Slip über den Schwanz & die Hose nach oben, & wäscht sich die Hände am Becken, das trotzdem noch zu klein ist für diese viel zu kurzen Finger.

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