Von Wäldern & Licht, & dem Glück der Sterbenden

Ich fülle meinen Kopf mit Bildern. Seit du weg bist.
Nein. Nochmal.

Seit du weg bist, fülle ich meinen Kopf mit Bildern.

Das sind die Prioritäten.

Mein Tee ist kalt & schal, & der Name Chai klingt plötzlich furchtbar leer, & auch ein bisschen lächerlich; ich fühle keinen Zauber mehr, sobald ich ansetze zum Trinken. Da ist nichts, kein Bisschen. Die Exotik ist weg. Irgendwer hat die Tür aufgelassen, & da ging sie dann raus, die Exotik, ging in einen hellen Tag hinaus, der gelb war an beiden Rändern & ganz schwer in der Mitte vom Regen, aber heute – jetzt -, scheint wieder die Sonne. Für irgendwen & alle, & in manchen Minuten auch für mich.

Ich bin allein in meinem Zimmer, die Türen sind zu. Ich vermisse ihn, & nicht-ihn, & die Möglichkeiten, die stets laut sind solange sie da sind, & ganz leise, sobald sie dann gehn. Mir lauert ein Lachen im Mund, das schmeckt verdächtig nach Tränen. Wenn nur Orpheus hier wäre, mit dem ließe sich Schach spielen bis es zu spät ist, um noch zu schlafen, & reden. Wenn bloß Coco mir eine Kurznachricht schriebe, ich könnte raus in die Nacht & trinken bis dass der Boden mir wankt unter den Schuhen. Wenn — Stille. Die bleibt. Stille, wie die Falten im Laken, wo du zuletzt gelegen hast. Das ist wie Sterben: das Herz macht einen Sprung in die Tiefe, & das Blut rauscht in den Ohren, wo früher einmal Musik & Wörter waren, & dieses Rauschen,… & dieses Stillwerden,… das macht mich verrückt.

Ich höre The National, & mir ist ganz schlecht von diesem Chai & der Traurigkeit, & von dem, was da noch kommt: Das Klingeln des Weckers am andren Ende des Zimmers, & das platschende Geräusch meiner nackten Füße auf dem Parkett. (Immer sagst du Parkett, & niemals Boden; so, als wärst du ganz in dieses Scheißholz verknallt). S-Bahnfahren & U-Bahnfahren, all dieses Im-Kreis-Fahren, & fahren, & stets Berlin in den Hacken, & irgendwann muss ja mal was gesagt werden, obwohl im Grunde überhaupt nichts weiter zu sagen ist, außer: Das alles gehört mir doch überhaupt nicht, das hier hab ich nie gewollt, & jemand fragt: wie geht’s?, & ich sage: Gut, & ich sage: Fantastisch, & ich sage: Schon besser, & daran will ich auch wirklich gern glauben, aber eigentlich. Unsichtbar werden. Wie Fensterglas im August, wenn das Licht golden ist in Paris, & die Küsse nach Kaffee schmecken wollen. Wollten, Präteritum. Das sind Luftballons, die ihre Luft verlieren. Ein Tisch voller Kerzen, für die niemand Feuer hat. Etwas, das schön hätte sein können, & das dann doch nicht passiert. Ein Reißverschluss, der nicht mehr richtig schließt. Abgebrochene Streichholzköpfe. Bilder & nichts als Bilder, sie überfüllen mir Kopf & Augen.

Ich klicke mich durch dein Blog; sehe Wälder, Männer, Wasser, Licht. Ewiges, das erlischt & auftaucht aus Rauch, aus Mund & Zigarettenglut, & ich muss lächeln, weil du dich da versteckst, ich sehe deine Beine, & deine Tätowierung – made of stars & thunder -, & ich bin plötzlich…, so was wie glücklich, oder nicht-glücklich, ich bin etwas Drittes; etwas Gleichzeitiges. Das ist die Ferne, die zwischen uns liegt, & lag; die Ferne, die niemand je sieht & sah; die Ferne, die verblassen wird mit den Jahren, die irgendwann ganz verschwunden sein wird, & in der Küche welken die Blumen. Ist das — Liebe, eigentlich? Ist das irgendwas – überhaupt?

Mir ist, als würde ich nach oben geworfen, & noch im Fall: die Widerstände von Luft & Atomen, von Haut & Knochen, aber hoch & höher jetzt, bis durch die Decke, der Nacht entgegen, immer & immer wieder: die Nacht, die nicht gehn will, die nicht raus will aus meinen Augen, da muss ich hin, bis die Luft zu dünn zum Atmen wird. Ich klicke weiter, sehe uns, unsere Hände, & Arme, Rippenbögen, klicke, mein Hinterkopf, dein Rücken, klicke & klicke, bis ich nicht mehr kann. & trinke den letzten Schluck Chai. & merke, wie mein rechtes Bein wippt. & seh auf die Uhr & frag mich, ob dein Flugzeug wohl schon gelandet ist. & frage mich, was aus mir werden wird. So ohne dich. Nein. Ohne uns. In den nächsten Tagen & Wochen, in den nächsten Jahren, wenn die Bücher endlich mal gelesen sind, & das eine vielleicht geschrieben, wenn ich den Lärm nicht mehr hören kann. Was dann?

Ich seh raus, & draußen: die Lichter.
Was dann?

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