Beckenrandschwimmer

Nicht alles, was sich verzahnt, will auch beieinander bleiben. Du hier, sag ich, & meine die Welt & die Menschen drum herum, die neben uns stehn, als würden sie uns kennen, als seien sie betroffen von der Geschichte, die wir einander erzählen; eine Geschichte der Abwesenheit, eine Geschichte von uns, die wir das Knistern unserer Kleidung nicht hören, du & dein Hemd, & ich im Pullover, denn ja, mir ist noch immer kalt mitten im Sommer. Mir ist die Haut zu eng, sag ich, & lächle quer, obwohl’s da nichts zu lächeln gibt. Meine Mundwinkel sind schwer von dir. Ja, du, so ein Zufall! Wir reichen uns erst die Hände, dann greifen wir nach Armen – wir ziehen einander die Schultern nach & betätscheln Rücken & Taille. Ich habe Steine im Schuh, & jeder einzelne trägt deinen Namen; mich tragen sie nicht. Ach? & was machst du so? In diese Pause passen ganze Bildungsromane. Alle meine Uhren zeigen zehn nach zehn, sag ich, & du sagst: aha, oder: oho, oder was man eben darauf so erwidert, & ich dann: nein, wirklich, ich mein’s wortwörtlich – ich warte darauf, dass der Sekundenzeiger auf der 35sten Minute steht, & zieh dann die Lünette & halt die Uhr damit an, weil sie dann gut aussieht auf dem Foto, weil sie dann jemand kauft, denn ums Kaufen, sag, ums Kaufen geht’s hier doch, & immer, nicht?, & während ich das so sage, fallen mir schier die Augen dabei zu, & die Zunge verheddert sich 2x am linken Schneidezahn, so als verheddere sich ein Anker am Grund der See in einem gesunkenen Schiff. Ich will gar nichts sagen. Ich will hier nicht stehen. Nur sitzen wäre jetzt schlimmer. Also trete ich mit dem rechten Fuß auf, & wiege meine Arme vor & zurück, mir fällt nichts Besseres ein. Mir sind meine Hände so lästig. Mein Körper, der schwer ist & endlos; ich stoße mich ab in meinem Körper, wie ein Beckenrandschwimmer, denkt’s, & da: die Augen blinzeln synchron einander zu. Ich versteh all diese Signale nicht. Ist das ein SOS? & was ist mit dem Schreiben?, ich dachte, du schreibst, sagst du, & ich spüre diese Lustlosigkeit mir ins Maul steigen, ein Mundgeruch der Standardbriefe, der automatisch gesagten Halbsatz-Sätze, ein Ja, ich komm zu nichts, & abends sitz ich vor dem Computer & tunke etwas in Aioli, das längst kein Essen mehr ist, & würge bitter am Schweigen, das sich mir zwischen die Lippen stopft, mit jedem Bissen ein bisschen mehr Schweigen & Stille, & ein Entsetzen, das am Ende der Sätze stets ein Ausrufezeichen macht!, aber da kommt eigentlich nichts. Alles bleibt sich gleich. Ich klicke mich durch Pornos, Anime-Serien, Blogs; ich sammle Bilder & Töne, ich sammle fremdes Eigentum & verliere es wieder, ich gehe unberührt durch hundert Tage & hundert Nächte, & finde keine Kraft, um mich mal wieder in die Küche zu setzen, um mir selbst standzuhalten angesichts der Schwere, die in mir ist. Sind das da Spermaflecken am Hemdkragen? Vermutlich. Die Wäsche stapelt sich in der Zimmerecke. Der Kühlschrank bleibt leer. Ich habe alles Interesse verloren, denk ich, & sage: ja, das ist eben so eine Phase, & nicke ein Nicken, das gerne tapfer wäre, & das bloß müde ist. Ich rutsche mir selbst aus den Händen, bei jedem Tritt rutsch ich mir aus Schuhen & Hose, & falle einem anderen in die Arme, auch gestern & vorgestern, & am Wochenende – Kreaturen, die immer zur Hälfte Hunger sind & zur Hälfte Einsamkeit, denen werfe ich mich zum Fraß vor & nenne das eine geglückte Prognose, & dann zähle ich am nächsten Tag die blauen Flecke. Mittags: die Schmerztabletten, die mir bald ausgehen, weil ich nicht fühlen will, nicht denken, weil ich die Unausweichlichkeiten nicht empfinden will, die von Woche zu Woche größer werden, all die Ratenzahlungen, Krankenversicherungen, offenen Rechnungen, & keiner sagt: weiter!, keiner sagt: spring!, sie sagen: du kannst nicht, du solltest, & ständig erzählt mir irgendwer vom Glück der Einfachheit, das sich der Einfachheit halber einfach nicht einstellen will, & ich drehe morgens die Uhren auf zehn nach zehn, & mittags, & abends, & dann geh ich so lange bis mir wieder einer begegnet, der mal der Nacht gehörte. Nein, denk ich, nein, nein, nein, hörst du nicht, wie ich nein sage zu allem, was dein ist, aber andererseits: der Aufstand war doch längst einstudiert, den haben wir tausendmal geprobt, wie soll der nicht — wie kann der nicht — & morgens: die Hand, die nach dem Wecker greift, & mir nach dem Entsetzen: endlos soll es so weitergehen, endlos die Tage & Wochen & Jahre, & die Türen fallen zu, jede fällt in ihr eigenes Schloss, & ich, & ich, & ich, wiederhole bloß noch, was ich längst mal besser wusste, & wiederhole bloß noch, was ich längst mal vergessen wollte, & wiederhole bloß noch bis mir der Ekel in die Augen schlüpft, & dann ist’s aus, sag, dann seh ich nichts, & dann hör ich nichts, dann will ich ganz & gar nicht mehr funktionieren, sondern blockieren, will Funken schlagend in Brand geraten & bis auf die Grundmauern niederbrennen, aber das sag ich alles nicht, als ich so vor dir stehe, & meinen Rucksack auf dem Rücken nachjustiere, & vielleicht, denk ich, siehst du’s ja meinen Augen an, siehst die Bücher neben meinem Bett, & das Dunkel in meinen Pausen, & die Stille, die mir als trockene Haut an den Lippen klebt, aber der andere nickt & greift nach Schultern & Taille, & schleudert mir den Arm fort & lässt die Hand aus der Verankerung, & ich denke: verzahnt ist nichts, es ist alles locker – der Boden unter meinen Füßen & das Herz unter der Brust – alles droht auseinander zu fallen, & ich? Ich falle auch, endlos.

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