Promiskuität, dein Totenlied

Du siehst so verloren aus, sagt L. & lacht, & ich, der ich verloren bin, drehe Daft Punk so laut, dass mir das Herz davon dröhnt. Wie kann alles gleichzeitig sein, denk ich. Der Jude & ich, & Xabier, dessen Pflanze halb verdorrt ist in der blauen Tasse, da beim Fenster zum Hof, in der Küche, & ich & niemand, & ein gepiercter Schwanz ganz dicht über dem Bauch, & S., der mir schreibt, & A., der mir schreibt, & mein blaues Gesicht vor dem Bildschirm: die Finger klicken & tippen & sie stehen nicht still. Was, wenn nicht — Ohnmacht! Ein Zögern, wie mit wippenden Füßen. & dann? Die Leere der Nacht, & eine Hand, die eine andere streift, eine Brustwarze, die schöner ist als ihr Name, & ein Hals, der sich verjüngt bis zur Mitte, wo sieben Sterne auf meine Lippen warten. Darunter: ein Herz, das immer schlagen will. Rastlos, endlos. Ohne Gnade. Diese Leberflecke, sag ich mit dem Mund auf der Haut, die hart ist & weich & ganz genau mitten drin, die sehn aus wie Sternzeichen. Der große Bär, sagt er lachend, & die ganze Welt hämmert mir Luft in die Ohren. Ich bin müde, sag ich, & lasse nicht los, & lasse immer los, & bin ganz allein im Zimmer, das bisher ganz voll war mit Menschen.

Zweitens, sagst du, aber es gibt doch überhaupt kein Erstens. Dein Blick ist leer, & wund, dein Mund ausgetrocknet vom Reden. Die meiste Zeit meine ich mich. Wen? Den Henker, der sich in der U-Bahn stets hinter den größten Büchern versteckt; der sagt: & wenn schon! Soll er doch sterben! Soll er zugrunde gehen! Jetzt tanzt er mit wiegenden Hüften beim Mann auf der Bühne, & da reiben sie sich, drücken die Becken aneinander & nennen’s Begehren. Die Luft ist ganz licht & der Himmel wird hell. Irgendwer lächelt ja doch, am Ende der Nacht. Ich, der ich nicht ich bin, sondern ein Schatten, der nach drinnen flieht – zu Haut & Knochen, zu Nebensätzen: hier – kannst du Englisch – ja – dann frag ihn mal bitte, wie alt er ist – how old are you – thirty – just thirty? – yes – er ist dreißig – aha, & dann pressen auch sie sich aneinander & zurück ins Dunkel, das aufseufzt. Die Hölle, sagt Brecht, sind nicht die anderen. Die Hölle bist du. Dieser Er geht also raus zwischen die Körper, & der Bass rauscht & die Achtsamkeit ist fort. Drogen im Blut & Drogen im Kopf, that’s it: Rücken & Arme & Muskeln & Fleisch, ein Kuss, der dich verschlingt, bitte nicht, was? Ich habe nichts gesagt. Stattdessen zittert & bebt ganz Berlin unter der Musik, die jetzt zwischen die Männer fährt wie ein Geist: fangt mich, fangt mich gleich! & mein Blick, der nicht meiner ist, sondern der des andren, geht ziellos am Bein vorbei, an den braun-grünen Augen – der Gier! Wie leicht wäre es jetzt, sich selbst nachzugeben & der nächsten Gelegenheit! Einem andren in die Arme & damit gleich ins Bett zu fallen: sieh!, hier sind die Treppen, die stets hochgehn & niemals hinunter, & die Tür, die leise aufschwingt, weil vielleicht noch jemand in einem anderen Zimmer schläft – immer sind alle zu jung für eigene Wohnungen oder zu alt, um noch jung sein zu wollen; also bemüht sich wer um die Schuhe im Flur, & die Hose wird dann hinter verschlossener Tür vom Leib gezogen, als häute man ein waidwundes Tier. Es gibt immer eine Schublade, oder eine Truhe, oder eine Tüte voller Kondome; immer in Reichweite. & dann öffnen sich Knöpfe & Reißverschlüsse, & Hosen platzen auf unter Händen, die zittern wollen & die’s doch nicht tun, & das Gesicht drückt sich gegen Unterhosen & Boxershorts & gegen Slips & manchmal gegen nichts als nackte Haut, weil das ist’s, was das Gesicht will, & dann schnappt der Mund nach — lauter! Jetzt, dreh die Musik jetzt so laut, dass die Zähne gegeneinander schlagen & du das nicht in den Mund —

Alles geht einem unter die Haut & zwischen die Zähne, ganz zuvorderst auf die Zungenspitze, wo es süß ist & bitter, & vor allem viel zu warm für einen einzelnen Menschen. Die Hitze ist kaum zu ertragen. Also brennen wir. Hell & immer heller, bis Haare, Schwanz & Beine schier verglühen — was noch, sag! Was? Ein Bild steigt einem anderen nach bis es sich Erinnerung nennt, & dann sitzen wir so beieinander, in der kleinen Runde, & trinken aus kleinen Gläsern kleine Schlückchen Wein, & das Lachen ist warm & sommerlich, es schmeckt nach Holunder. Aber die Bilder! Die reißen sich frei, die toben los: Achtung, Steinschlag! Hier poltert & rumpelt die Nacht, wie Gewehrfeuer zerschlägt sie den Frieden, der im andren sein will. Nicht schlafen! Erinnern! Den Gedanken aufnehmen, als sei er von einem anderen gedacht worden – so entfremdet man sich selbst von den eigenen Taten. Ich sage du & meine ihn, der niemand ist. Außer ich. Der ist da, & sitzt im Halbdunkel des Zimmers.

Erstens. Auf der Tanzfläche geht der Wind durch die Lungen & Münder & wird heißer Atem angesichts des Wollenmüssens. Ich kenne den Hunger, sagt L., & niemand weiß, was er meint. Ich, auf drei, den Vodka, die Shots, das Bier mit dem MDMA, runter, runter, bis die Beine ganz weich werden & das Herz schwer wie Gestein. Freiheit! Widerstand! Die Revolution, sagt Brecht, beginnt im Wahnsinn, & da sitzt er im Dunkeln, & grinst, während ich im Licht stehe, im Türkis der Nacht, im Anthrazit des Morgens, & nicht denke, nicht lebe, sondern mir unter den Fingern zerrinne, die einen nur greifen wollen, der längst nicht mehr auf der Tanzfläche steht; stattdessen: Stoßweise Körper: Schultern, Füße, Hände, immer ein Büschel Haare unter den Nägeln & ein bisschen Bart unweit der Lippen. Du. Bist. Schön. Sagt er, & meint die Scheibe Welt, die uns als Augen im Totenkopf zerspringt.

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