Romeos Lerchen

Was haben wir einander versprochen? Nichts. Was haben wir uns gegeben? Alles. Eine Nacht, einen Blick nur, ein wundes Auge. Ich spiele blind & blinzle viel; ich verscheuche die Fliege mit einer Hand, denn die andre kann ich nicht bewegen. & von vorn. Ich sitz im Schneidersitz auf dem Bett, als er mir schreibt, das zweite, schreibt er, & dann dauert’s lange, bis die zweite Nachricht kommt. Is typing, typing, typing. Mein linker Arm ist gelb & grün, er ist ganz blau. Was? Die Fliege sirrt & surrt, sie setzt sich mir aufs rote Auge, sie setzt sich aufs geschwollene Lid. Weg!, verdammt – hier: der Wind, der die Hand vom Laken scheucht. Was? Das ist es nicht. Nichts davon. Seinen Duft rechts von mir, & Stille. & seine Lippen an meinen, & Stille. Is typing, typing, typing. Wie ich vor dem kleinen Bildschirm sitze & warte, wie ich stundenlang auf immer Gleiches starre. Das Auge tränt, & eitert, & gibt sich als Wunde aus, & das heißt dann Sehen. Ich glotze bloß, & laufe über. Von dir bin ich voll. Du bist mir in einem schwachen Moment ins Glas gestürzt; ich hab dich getrunken bis ich beschwippst war von dir, dann: komplett besoffen. Jeden Tag & jede Nacht & jeden Tag hab ich an dich gedacht, — nein. Das ist Kitsch, das ist gelogen. Das ist, was ich sagen will, wenn es gehört werden würde. Wird es aber nicht. Wir zwei essen kein Couscous, schon gar nicht morgen. Sag, was haben wir einander versprochen? Einen gebrochenen Arm, ein Loch in der Mitte des Herzens, Schlaflosigkeit. Erklär mir das. Okay.

Das Märchen, das nicht erzählt werden will: Absatz, erstes Kapitel. Der ganze Hof fällt nicht in Ohnmacht, nur weil hier jemand mit einem andren tanzt. Absatz. Niemand verstummt angesichts der Begierden, die wer flüchtig mit einem andren tauscht, wie wenn sich zwei Bekannte auf der Straße grüßen. Aber: Verlangen! Hier sind zwei, die sich finden in der Menge, die sich anlächeln, die einander in die Arme fallen & dann herumwerfen, die sich gegen andere Menschen drücken als seien sie erst Wände, dann Betten, & die verschwiegen durchs Zwielicht schleichen, zur Couch hin, wo sie einander die Hosen von den Beinen zerren, & dann: Haar & Haut & lauter Ausrufezeichen im Hohlen, im Mund & zwischen den Fingern, & Sonderzeichen im Stoßen & Reiben, im Sichgleichenwollen, & dann: dieses Abspalten! Auseinander geht die Nacht auf der Straße, in zwei Richtungen weist sie den einen nach oben & den andren nach rechts, aber wiedertreffen wollen sie sich. Absatz, zweites Kapitel. Is typing, typing, typing, hier basteln wir uns ein Aber: Weshalb wird aus Sex kein Lieben? Gegenargumente: es gibt sie bereits, diese Liebe. Sie hat sich auch heute wieder ein schönes Gesicht geschminkt, & jetzt ziert sie sich, & spitzt die Lippen zum Kuss. Diese Liebe ist ganz & gar, sie ist so pur, sie ist wie ein Rammbock. Wörter fallen aufeinander, sie reihen sich in einen kleinen grünen Rahmen: der falsche Moment, das Krankenhaus, eine Beziehung mit jemandem ist letztlich ernst geworden. Das ist deins, das gehört dir. Dieses istletztlichernstgeworden, ein Wort. Wie schön! Glückwunsch! Jemanden beglückwünschen muss man, sich für die schauspielerische Glanzleistung, den andren zur Ernsthaftigkeit der Situation. Es geht nicht um mich, ach, mach dir doch darüber keine Gedanken! Es geht nicht um deinen Schwanz, der mein Schwanz war, & nicht um die Gier deiner Augen, denn — Was? Sehen willst du? Aber was denn? Das Märchen funktioniert nicht ohne Schurken.

Ich lege den Kopf gegen das Kissen, das hart ist, & denke ans Sterben. Ich bilde mir ein, zu verstehen. Ich dachte an ein ich, das du ist, das wir ist, das sich auflöst ins Alles, & jetzt: ich. Drei Buchstaben, sonst nichts. Ein Kopf auf dem Kissen & die eingeschlafenen Beine im Schneidersitz. Der Bildschirm in Blickweite. Wie vergiftet ich bin, denk ich, von diesem ständigen Hoffen. Diesem Dieschönheitanbetteln. Ich habe deinetwegen — Was? Die Kontrolle verloren? Jedes Gespräch in Gedanken an den Abwesenden gerichtet? Die Tage hab ich gezählt, die Wochen, Monate. Dann wieder: Stunden. Wie dumm von mir. Jetzt kurz, da versuch ich mich in Traurigkeit. In dem, was hätte möglich sein müssen, & das doch nie möglich war. Vorgespielte Ambitionen. Spekulationen, die miteinander bruchrechnen, & übrig bleiben nur die kleinsten Summen. Wenn das Auge nur…

Was wir uns gegeben haben? Ich – dir. Alles, was nicht konkret ist, ich weiß, aber was will ich aufzählen? Den Mund, die Finger, die Augen? Ein Übervolles. Mich, & die Aussicht auf Sturm, der uns die Teller vom Tisch gefegt hätte, den Couscous von Gabeln & Löffel & aus den Gläsern den Wein, & dann dieses Stoßen & Wälzen, & die Fliegen, die sich unter der Lampe im Kreis gedreht hätten bis selbst uns davon schwindelig geworden wäre: nichts als du, als ich, als eine aufgebrochene Brust, denn mit dir wäre ich frei gewesen von mir, & so bin ich’s nicht, komm, werd erwachsen – aber was, wenn das der Tod ist? Ich hätte dir gegenüber gesessen, mit der Theaterkritik in den Händen & dem Geschmack Tel Avivs auf den Lippen, & immer sind es die Falschen, & ich wäre für eine Weile glücklich gewesen. Oder auch nicht. In Gedanken zähle ich die Pillen, oh Romeo, was bist du ohne deine Lerchen? Weshalb witterst du in allem einen Morgen, der die Nacht zerbricht? Eine hiervon, eine davon, zusammen bringen sie — Verderben! Doch nicht der Liebe wegen! Nein, nicht Liebe — In Chancen bin ich vernarrt. In Gefühle hinter Glas. Weshalb dafür sterben? Nicht dafür! Hörst du dich nicht denken? Nein. Ich bin müde, sag’s nur laut, meiner & dir, & der Aussicht auf Regen.

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4 Comments

  1. La vida es sueño 21. Juli 2013 um 01:18

    Lauer Regen, Sommerregen
    Rauscht von Büschen, rauscht von Bäumen.
    O wie gut und voller Segen,
    Einmal wieder satt zu träumen!

    War so lang im Hellen draussen,
    Ungewohnt ist mir dies Wogen:
    In der eignen Seele hausen,
    Nirgends fremdwärts hingezogen.

    Nichts begehr ich, nichts verlang ich,
    Summe leise Kindertöne,
    Und verwundert heim gelang ich
    In der Träume warme Schöne.

    Herz, wie bist du wund gerissen
    Und wie selig, blind zu wühlen,
    Nichts zu denken, nichts zu wissen,
    Nur zu fühlen und zu fühlen…

    Hermann Hesse

    Antwort

  2. „denn mit dir wäre ich frei gewesen von mir“ – ist das nicht die größte lüge von allen?

    Antwort

    1. vermutlich, ja. es ist zugleich aber auch das größte hoffen, das maximale wollen.

      Antwort

      1. und damit haben wir das größte problem. nicht gelöst, aber erklärt.

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