Heute ein Schuss

Der Tod Herrndorfs hat alles verändert, sag ich, & niemand ist da, der es hört. Ich sitze am Hohenzollernkanal, & der Schuss klingt mir nach. Jemand, den ich nicht kannte, wird mir zum Echo; zur Anklage.

Dieses Allesistanders ist natürlich dummes Zeug. Ein Toter ändert nicht alles. Die Schwerkraft existiert noch. Auch das Aufstehen morgens um 6. Aber ich will das so, trotzig & kleinkindlich, ich will dieses Alles, weil dann etwas bleibt. Vom Toten. Von Arbeit & Struktur. Denk ich, & knöpfe mir die Lederjacke bis zum Hals. Nein, bitte kein Max Richter jetzt, kein On the nature of daylight. Die Tage waren nur Verstümmelung. Das Licht ist aus jetzt. Erst ging eins, dann viele. Dann alle. Um 9 Uhr muss ich ja doch Guten Morgen sagen, muss ein bisschen mit den Füßen strampeln, damit’s so aussieht, als wär ich stets in Bewegung, & abends dann, wenn die Nacht kalt ist & die Fenster nicht richtig schließen, da kann ich meinen Saft in der Küche trinken. Allein. Entzündungsherd spielen. & mich verschlucken.

Die Stimmen werden wieder lauter; sie kommen im Wind, in der Einfahrt der Züge. Ich habe deshalb mit Alains Geschichte wieder angefangen; heute. Das Dunkel ruft nach mir. Es ist an der Zeit, es zu Ende zu bringen. Mit einem Kopfschuss zur Not. Aber doch endlich: zu Ende. Heute ein Schuss. Morgen die Toten im Grab.

Ich weiß. Es ist ein neuer Schub. Es ist immer ein neuer nach dem letzten. Immer ein letzter nach mir, bitte, geht voran, tanzt, & im Gegenwert: die Stille der Sätze, der Frieden der Wörter. Nein. Ich gesunde nicht. Ich kranke meiner. Das ist die Wahrheit. Das ist die Moral von der Geschicht. Arbeit & Struktur, denkt’s. Mörder, denkt’s. Immer & immer wieder. Mörder, Mörder, & ohne Grund: die Zukunft, die in die Gegenwart einsinken will, & es nicht schafft. Bilderfetzen, Gerüche, Arbeit & Struktur. & ein Schuss, der heute knallt & morgen als Echo jeden Nerv zerreißt.

Das ist Alles. Du, ich. & was zwischen uns steht. Arbeit & Mörder, Mörder & Struktur. & das Wasser am Ufer, das leise gegen die Mauern schwappt. Unbeeindruckt, unmenschlich. Kalt. Das ist Alles, was uns bleibt. Akzeptier das.

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