Scherenherz

1-
Die Stelle im Bett, die ist leer. & meine Hand sucht, sucht, sucht. Da, wo einer lag, liegt jetzt keiner mehr. Ich winkle die Füße an, damit ich mir selbst näher bin. Ich? Wie erstarrt sitz ich da. Nicht ich, ein Anderer. Einer, der das Handy weglegt. Eine Stimme. Eine Botschaft zwischen den Tagen. Nein: nur das Handy. Nein: das bist nicht du. Das ist er, & er ist nicht da. Sprachlos bin ich jetzt. Leer. & meine Hand sucht, sucht, sucht. Nichts als Weiß unter der Haut, & Weiß in den Augen. Ich bin blind & starre. Irgendwann muss ja mal einer was sagen – über den Virus. Diesen echten, diesen beschissenen Virus. Über das Sterben, das keins mehr ist. Aber ein Leiden. Über ein verrutschtes Kondom muss einer mal was sagen. Über die Wölfe, die sich bis aufs Blut beißen. Über Blut, ganz generell.

Uns seh ich liegen.

Dann geh ich zum Kühlschrank. Ein Mundvoll Vodka. Mehr ist nicht da. Das ist es also, denk ich, das ist alles. Gut, dass er’s mir erzählt hat, denk ich. Gut, dass es endet noch bevor es beginnt. Bevor es ernst wird. Bevor es später noch schlimmer ist. Ein Mundvoll Vodka. Bevor die Verantwortung kommt. Die Krämpfe, das Fieber, die Pillen. Bevor aus was Leichtem ein Leichnam wird. Gut, ja, gut, denk ich. Dann kann ich ja jetzt zum Arzt gehn & ein Ergebnis abwarten, das negativ ist. Hoffentlich. Sicherlich. Es ist ja nicht seinetwegen. Bei uns ist nichts verrutscht. Nur ich, jetzt. Ich bin von hier nach da geschlittert. & meine Hand sucht, sucht, sucht. Was soll sie denn finden?

Es geht ja doch wieder alles weiter, & von vorn, & die Nächte sind immer weiß vor lauter Wollen. Gut, gut. Starren. Weiter starren. Niemanden an sich ranlassen. Plattitüden aufzählen. Feiern, Schilder hochhalten, weitermachen. Darum geht’s, nicht? Bloß nicht stehn bleiben. Irgendwann vom nächsten erzählen, der um die Ecke kommt. Vergessen suchen – all derer wegen, die auf der Strecke blieben. Trinken. Nur trinken. Wenn nicht er, dann halt ein andrer. Ertrinken wollen. Denn uns seh ich liegen, nicht einen Anderen, nicht zwei Fremde, sondern —

2-
Als ich aufwache, ist es kalt, & der Vorhang raschelt leise. Zum Sehen bin ich gezwungen, zum Wissen. & erinnern. Der letzte Kuss an der Tür, der — & mein Mund an seinem Nacken, bei den Ohren der Hauch, & — Eine Schere anstelle des Herzens. Genug hast du gesehn, genug, du bist ja nicht krank, du bist nicht betroffen, also zieh kein son Flunsch, hör auf, reiß dich zusammen, es ist nicht dein Schicksal, nicht dein Leben, es sind nicht deine Fehler — & wenn doch? Ist es Mitleid. Nichts als Egoismus. Wie reagieren, was sagen? Als erstes: die Angst, sich selbst infiziert zu haben. Wie menschlich. Null Mitgefühl für niemanden. Nur ich. Ich. Ich. Als zweites: das Wissen, das uns jetzt etwas trennt – trennt, als wären wir vorher nicht getrennt gewesen. Eine Unmöglichkeit, ein Unüberwindliches, das nie zur Wahl stand. Als drittes: Empathie, die in die Nieren fährt, in die Leber & Galle; mir wird ganz schlecht vor Mitleid. Überall dieses Stammeln. Wörter gehn mir auseinander zwischen den Fingern, nichts bleibt. Nur wieder irgendwer, der irgendwas Schlaues dazu zu sagen hat. Wieder diese Wirdschonwieder-Attitüde. Soll es gar nicht. Es soll überhaupt nicht wieder werden. Die leere Stelle soll leer bleiben, da setzt sich keiner hin. Will auch keiner. Nicht jetzt, nicht später. Nachts ist niemand hier.

3-
Mit dem Kamillentee sitz ich am Fenster & seh dabei zu, wie die Sonne alles in flimmerndes Gold taucht. Das Haus gegenüber, die Straße & Bäume. Alles Licht tanzt zwischen den Blättern, die langsam schon gelb werden; auf dem Asphalt: die Taube, die in den Schatten wackelt; die Fenster drüben im fünften Stock gleißen. Wir hätten hier stehen sollen, an diesem Fenster. Hätten zusammen raussehen sollen, & hoch in diesen blauen Spätsommerhimmel. Wir wären glücklich gewesen. Für einen Moment, oder zwei. Oder für immer. Oder nie. Aber wir wären wenigstens da gewesen. Jetzt sind wir nichts. Gebrandmarkte allenfalls, Aussätzige. Das bist du, & ich, der ich am Fenster meinen Tee trinke, ich bin es auch. Gewissermaßen.

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3 Comments

  1. eigentlich nichts, wofür ein LIKE der richtige ausdruck ist. dennoch – einer deiner besten.klar, kalt und deutlich.

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  2. „Aber wir wären wenigstens da gewesen.“ – Herzensflatter und eiskalte Hände, Monsieur.

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    1. eiskalt ist, glaub ich, der richtige aggregatszustand. dennoch, da hab ich gleich das gefühl, ich müsse mich entschudligen. andererseits sag ich lieber „danke“, denn so soll es sein.

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