Ryan

1.
Ich treffe Ryan durchs Internet; er schreibt mir eine Nachricht, sagt: We skip the chat, let’s meet, & ich, der ich grade an der Bushaltestelle stehe & warte, schau mir abwesend sein Bild an. Blondesfasthellbraunes Haar. Haselnussirgendwiemokkafarbene Augen. Hübsch ist er, ein bisschen blass, ein Farmerjunge. From Arizona, les ich & lächle müde. Wieder ein Tourist. ;) – das ist, was ich antworte: Ein Semikolon & eine offene Klammer. Fünf Sekunden später: Seriously, where are you?, & ich, der nicht weiß, was er tun soll an diesem Freitagabend, diesen letzten fast-warmen Septemberstunden, schreibe zurück.

2.
Wir sitzen in einem Café in der Kastanienallee; sein Hostel ist bloß um die Ecke. Wir aber, wir begrüßen uns auf neutralem Terrain. Am Nebentisch sitzt eine Schwangere & liest ein Buch über Kindererziehung; links von ihr sitzen zwei Männer & diskutieren, ich glaube, es geht um Architektur. Ryans Hand ist sanft, fest, warm, & sehr lange in meiner Hand, die kalt sein will, & nass; es nieselt draußen bereits. Lichter spiegeln sich in Pfützen auf dem Asphalt. That’s what I like, sagt er, & lächelt — lächelt?, es ist eine Marienerscheinung: dieses Lächeln schüttet mir den Kaffee vom Nebentisch direkt ins Gesicht. Mir wird heiß, schwummrig, dann wieder: kalt. The lights, you see, the lights on the pavement?, & ich nicke. Mir fällt absolut nichts zu sagen ein. I am not good with smalltalk, sag ich, & grinse unbeholfen. You’re not doin this very often, are you? Talking?, & ich schüttle den Kopf. Er beißt sich auf die Lippe. Well, I am not good with smalltalk either.

Die Kellnerin bringt uns die Karte, da ziehen wir grade unsre Jacken von den Stühlen.

3.
Zuhause ist alles still, nur der Schlüssel klirrt laut in seinem Korb. Wir ziehen die Schuhe aus, er geht wie auf Zehspitzen, ich trete auf alle quietschenden Dielen. Ryan sagt: Wow, you’re a reading person, dammit, & lacht. Seine Haut ist – schmeckt – fliegt. Das T-Shirt ist ganz warm, die Hose brennt mir unter den Fingern. & dann lachen wir. Wir über uns, die wir Fremde sind in diesem Zimmer, das meins sein sollte, aber jetzt nicht ist, über Berlin als Stadt der Exilanten, als Verwerfung zwischen Verworfenen, bis das Lachen tiefer wird: es dringt ihm als Zunge in meinen Mund, es wirft sich als meine Hände an seine Brust, es geht durcheinander & aufwärts – wie ein wildes Tier, das seine Klauen & Zähne in die Beute schlägt, das reißt blutige Wunden, nur uns nicht. Wir reißen nicht. Wir gehen aufeinander los wie Liebende. Sein Körper ist – härtet – schmilzt. & das Bett unter uns knackt bedrohlich laut. Könnten wir wie Holz sein, & ewig überdauern.

4.
So tell me – what happened to your arm? Müde liegt sein Kopf auf meinem Oberschenkel. Ich fühle nichts, allenfalls Leichtigkeit. Ich habe das blaue Tape längst vergessen, die Narben. Nur das Knirschen nicht; ich höre es noch manchmal. Some stupid accident, sag ich & wuschle ihm abwesend durchs Haar, das ganz hart ist von Haarspray & Gel. But I didn’t hurt you, did I? Echte Sorge in seinen Augen, die ganz in meinen Augen sind; ich werde unruhig von seinem Blick, der alles auflösen will, alle Barrieren, alle Grenzen zwischen hier & da, zwischen zwei Menschen den dritten. Die Möglichkeit. No, sag ich & greife nach der Decke. Good, sagt Ryan.

Dann folgt die Stille, die leicht ist, & federnd, die mit uns im Bett liegt, zwischen unserer Haut, die noch ganz klebrig ist von Sperma & Schweiß. Well, you might be bad at smalltalk, but at least you’re good at cock sucking. So beginnt das Gespräch.

5.
Fünf Stunden später schlafen wir endlich, Arm in Arm & Bein um Bein. Der Filmstudent & ich, der 22-Jährige & ich, der Amerikaner & ich. Er ist längst eingeschlafen, da denke ich noch über die richtige Konjunktion nach. Sein Kopf ist schwer auf meiner Schulter, sein Atem kitzelt mir im Nacken.
Do I need to leave early?
You can stay as long as you want to.
You’re so incredibly nice.
I’m not. I’m just horny.
Als ich zum zweiten Mal aufwache, strahlt das Zimmer warm, & Ryan sitzt nackt auf dem Teppich vor dem Regal, ein Buch in der Hand, eine dampfende Tasse neben sich auf dem Boden. Die Sonne verwandelt ihn – aus dem blassen Farmerjungen wird ein Gott, ein neuer Helios. Er strahlt & leuchtet, jedes seiner Härchen flimmert sanft, wie aus Gold. Ich bin der blasse Junge jetzt, die Nacht, die sich in der letzten Schattenecke versteckt, mit einer roten Decke bis unter der Nase, die kalt ist & voll. I made you some tea, too. Er steht auf & geht schlenkernd durchs Zimmer, die Tasse steht bereits auf dem Tisch. Kamille, ausgerechnet. Er setzt sich zu mir aufs Bett, küsst mich, umarmt mich, legt sich neben mich wie ein Kissen. If I’d ask you if you’d come with me, would you join me? Dieser Ernst in der Stimme, diese Leichtigkeit. Er lächelt, & ich muss die Augen zusammenkneifen.
& how should I do that?
Just leave. It’s pretty easy. Rent your room, pack your things —
Quit your job, your insurance, leave everything behind…
Yes.
No.

Küsse, die nach Abschied schmecken, schmecken wie Kaugummis, die man zu lange kaut – nach nichts.

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