Das Anziehen der Schraube

Structures of Media

Eigentlich passieren immer wieder die gleichen Dinge. Es sind die alten Rollen, in die jeder schlüpft. Alte Verhaltensmuster, deren unweigerliches Opfer wir alle werden. Keiner ist sich selbst genug, natürlich nicht. Aber halt jetzt bitte mal kurz die Fresse, ja?

Wie oft will ich eigentlich noch die F5-Taste drücken? Facebook wird immer die gleiche juckende Stelle bleiben, die ich nicht kratzen kann. Ein Smartphone hab ich nicht. Ich komme mit dem Lesen im Bus schon nicht voran. Wie oft könnte ich in dieser mir verbleibenden halben Stunde bloß meine E-Mails checken? Wie viele neue Produkte wären in der Zwischenzeit auf meiner unaufhaltsam wachsenden Amazon-Wunschliste?

Das Feuilleton nennt uns Digital Natives, und es ist so schrecklich langweilig. Den Hype ums Bloggen haben wir mittlerweile alle längst verkausalisiert. Plagiieren übrigens auch. Scheiße, wir haben Wikipedia. Ist klar jetzt. Wer hat’s eigentlich noch nicht begriffen? Dass ich mir mehr als die Hälfte des reellen Wissens nicht mehr merken kann – ein Phänomen von vielen. Nächster Punkt? Ich wünschte, ich könnte mein chaotisches Gefühlsleben genauso aktualisieren wie meinen Facebook-Status. Tausendmal gehört, tausendmal gelesen. Von morgens bis abends ist alles eine Wiederholung, eine Beschäftigung, ein Eskapismus des Eskapismus‘ willen. Wer flieht denn noch. Alle bleiben da. Alle sitzen, sitzen, den ganzen Tag sitzt ein ganzes Volk und redet über Kinderbilder, Katzenvideos, darüber, was sie tun sollten, was sie machen wollten, und jedes verdammte Arschloch hat mittlerweile so einen Twitter-Account.

Neuheitswahn. Mehlstaubexplosion. Das eine Bild hat sich mit dem andren verknüpft; ich bin nicht immun dagegen. Im Gegenteil. Als Maßloser, als Habgieriger und Unersättlicher nehme grade ich von allem am meisten. Den ganzen Tag bin ich damit beschäftigt zu konsumieren. Mehr als 80% meines momentanen Lebens drehen sich um die Aufnahme von Wissensfragmenten, Teilinformationen, Zensurmodellen, persönlichen Notizen, persönlichen Bildern, persönlichen Substituten von Persönlichkeiten, und weil ich grade blogge, bin ich Teil davon und kann nicht und sollte nicht und darf nicht, und müsste eigentlich, weil: derjenige, der sich innerhalb des Diskurses bewegt, und ihn nutzt, kann ihn nicht verneinen – blah, blah, blah. Ja, ich hab Habermas gelesen, scheiße, also wie gesagt: Halt die Fresse jetzt. Darum geht’s überhaupt nicht.

Sondern? Genau. Es geht genau um die Tatsache. Die Digital Natives also? Ja? Ich meine: Ernsthaft jetzt? Ich finde den Weg zu diesem vollgeschissenen Kino auch wirklich ohne Google Maps, ja. Praktisch ist’s doch, ja, praktisch. Praktisch my ass. In der S-Bahn sind alle damit beschäftigt ihre Finger über Bildschirme zu schieben, und sie nennen das Fortschritt; ich sei nur reaktionär, heißt’s. Ich habe den Knall nicht gehört. Früher dachten die Leute auch, keiner brauche Computer. Die Wahrheit? Das Bedürfnis danach ist künstlich. Die Notwendigkeit artifiziell. Wir erklären die Welt mit Tautologien, und zwar seit einer ganzen Weile schon.

Mehr Wahrheit? Streichen wir das Öl mal kurz aus der Hitlist der nutzbaren Resourcen – was bleibt von dieser modernen Welt? Schlägt der Blitz ein, und der Stromausfall setzt das erstbeste eCommerce-Büro außer Gefecht – heißt das dann blitzefrei? Was passiert denn hier eigentlich ÜBERHAUPT, dass ich nirgendwo mehr meinen verfickten Espresso trinken kann, ohne irgendwo das Wort Facebook hören zu müssen? (Der benutzt das auch, und ewig das Nörgeln…). Die Wahrheit ist, dass ich den Umstand zu verstehen suche. Wovor flieht eine Generation von Werbetextern, Grafikern, Medienwissenschaftlern und Modedesignern? Welche Droge ist eigentlich noch stark genug für uns, ich meine: ernsthaft jetzt? Keine Ahnung, keiner. Stattdessen soll ich auf der Stelle das Ring-Center liken. Keiner kann mir erklären, wozu ich das tun sollte. Weil ich dann über Sonderangebote informiert werde? Früher hat man genau so’ne Scheiße Spam genannt.

Was? Ach ja. Genau. Was hat die Technik eigentlich an unserem Leben verbessert? Kontakte. Scheiß auf die Kontakte, wenn du sie jederzeit abschalten oder zur Seite legen kannst. Informationen. Scheiß auf die Informationen, wenn sie dein Leben nicht verändern. Entertainment, Pornographie, Prokrastination. Okay. Und was daran war noch mal die Verbesserung? Save your pleasure times für all diejenigen, die’s interessiert. Tatsache ist: Wir sind übrigens im Krieg mit Libyen; vielleicht bald in Syrien. Auch in Afghanistan. Ach, was war der Stand noch mal in Palästina… oder in Nigeria, in Simbabwe. Wie geht es einem Land wie Tschetschenien eigentlich nach dem Krieg? Komm schon, du wusstest, dass ich noch mal nachfragen würde – irgendwann. Was ist er, der aktuellste Stand in der Kriegsberichtserstattung. Oder die Opfer des Tsunamis 2004, was ist mit denen? Und die Folgen Katrinas…? Baaah. Die Liste ist lang. Ermüdend auch. Hilft keinem was.

C’mon, digital native, show me what you got.
Google it, if you need to.

Die Wahrheit ist: Wir säen längst keinen Wind mehr. Wir säen Stürme. Unermüdlich, Tag für Tag für Tag. Diese ganze übrige Show ist eigentlich komplett lächerlich, und wenn wir’s genau bedenken, ein großer Bluff. Wir lenken uns solange ab, wie wir können. Wiederholen dieselben Gedanken von gestern, wiederholen die Sätze, die wir lieben, und die guten Erinnerungen an die glorreichen Zeiten. Sonst nichts. Die Wahrheit ist: Die Nostalgie kann sich nur der leisten, der die Zukunft bereits verloren hat. Die Wahrheit ist: Ich scheiß auf deinen flickr-Account. Ich scheiß auf deine postmoderne Leere.

Der Rest ist Reaktionismus. Da hast du vielleicht recht.

//
[Re-Post; ursprünglich hier veröffentlicht]

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