Ein Lied aus Wahn & Ewigkeit

Die Nacht spielt Arcade Fire.
& ich bin allein im Zimmer, niemand im Haus.
Wieder & wieder geht mir Papier durch die Hände,
das zerreißt in zwei Hälften, manchmal in drei oder vier;
das fliegt in den Müll.
Jeden Montag versuche ich ein neuer Mensch zu sein. Ich sage mir dann: Jetzt wird es anders, jetzt fängst du an, & später sitzt wer in der U-Bahn & lächelt nicht, wann er sollte. Fremden Augen geh ich solange aus dem Weg bis mir die Lider schwer werden; ich starre viel auf den Boden, auf Fingernägel, das Handy. Zoey sagt, sie will was kochen für mich, aber ich bin immer schon satt; alles, was zu kauen bleibt, hab ich schon gehabt & gegessen. Alles geschmeckt. Also sag ich ab, oder beantworte ihre Nachrichten nicht. Blick nach oben. Die Uhr sagt: Es ist zu früh, um zu schlafen. Die fremden Augen suchen. Aber sie suchen nicht mich.

Also: Arcade Fire, lauter.
Ich begegne Menschen, die lachen mit dem ganzen Gesicht & ich nicke höflich beim Trinken.
Ich trinke viel, & durcheinander.
An A. erinnere ich mich nicht. Auch nicht an J. Es ist, als hätten sie nie existiert.
Draußen rauschen die Bäume im Wind, im Wind, der ist wie ein Sturm, zwischen den Bäumen, da rauscht es.

Ich lese & lese. Die U-Bahn speit sie aus, die Menschen, die einem hängen bleiben an Körper & Blick; ich seh sie über die Seiten hinweg, die ich bloß überfliege. Menschen, die jung sind, schön, alt, verrückt – den Verrückten seh ich nach, die singen -, & ein Franzose grüßt mich mit weichen Händen; wer? Ein Franzose. Alten Gedanken begegne ich, längst nicht mehr nüchtern. Durchs Licht stolpere ich, drücke mein Knie gegen seins, meine Welt gegen eine andere, aber eigentlich ist nichts; meine Welt besteht aus Angesammeltem. Ein Bild eines toten Soldaten aus dem Algerienkrieg. Kontoauszüge. Staub, der ich war; überall liege ich verstreut, der alte Mensch all dieser vergangenen Montage… All diese alten Versuche. Ich seh wieder & wieder die Zeitungen & Magazine & Aufschriebe & Notizen von vor 5 Jahren, all dieses viele Papier. Recherchematerial, Bilder, Interviews, Publikationen. Reliquien einer erloschenen Epoche. Wie oft hab ich mir schon bewiesen, ich bräuchte es? Dich. Den Luxus der freien Kalendertage. Mich.
Draußen fährt mir der Regen ins Haar.
Der Container klappert nicht,
er ist ganz aus Plastik.
Alles schmeiß ich weg,
denn die Nacht spielt Arcade Fire,

& ich schmeiß alles weg. Die Fotos von A. & mir, die Briefe von J., die Bilder vom Handy lösch ich, die Kurznachrichten mit Herzchen am Ende. Dieser ganze Erinnerungskitsch. Wer sind wir, wenn wir uns nicht mehr erinnern wollen? Zu wem werden wir? Kindheitsfragmente fallen mir durch die Augen; eine Schaukel unter einem grünen Himmel, Hasen an einem Teich – Halme im Wind, & Wasser – immer: Wasser!, ein Boden, der weich ist von Moos & dunkel vom Regen; ganz Berlin weicht mir aus. Ich halte mich fest an dem Eisenrohr in der Mitte der U-Bahn & die fremden Augen, die einem Franzosen gehören, reichen mir weiche Hände, die aufgehen wie Teig in meinen kalten Fingern, & mir wird warm. Die Welt rüttelt weiter durch dunkle Schächte, durch Rohre so lang wie Nervenbahnen, wie Venen so dunkel, wir fließen in mein Herz zurück, in eine Kammer ungezählter Türen. Wir spülen nach draußen. Lichter & Bodenfliesen, der Geruch von Backwaren. Irgendwo: Geschrei. Die Vergangenheit ist kein Gott. Ich steige aus & trete in kalte Glut, sage Tschüss & winke mit einer Hand, die zu schwer ist zum Winken. Ich gehe lang durch den Abend, der im Wind über die Brücken fällt, sehe die Sonne im Westen, ein paar Wolken aus Gold, gehe, weiter – weiter. Die Nacht nimmt mich auf.

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