This is the way that we love like it’s forever*

Eigentlich, ein Wort wie eine Dornenkrone.
Eigentlich hätten wir Wir sein müssen,
ein geschlossenes Ganzes,
etwas ohne Unterbrechung, ohne Leerstellen & ohne Pausen.
Stattdessen gab es dich,
& es gab mich,
& eine Handbreit dazwischen.

Lieber A-J-,

fragt mich einer, wie alt ich bin, dann sag ich mittlerweile Ende 20. Die Zeit, die ging, nahm alle Bilder mit, Erinnerungen, die Tage. Mich hat sie hier gelassen, den großen, den schlaksigen Jungen, der sich die spitzen Ellbogen blau schlägt an allen Türrahmen & Ecken, an den Fremden schlägt er sich sein Herz wund & trinkt später zu viel – das bin ich, war ich, bleibe ich, & das Alter — spielt es denn überhaupt eine Rolle? Es kommt kein Happy End. Es kommt keine Katharsis. Es ist egal, ob ich alt werde. Es folgt kein Showdown, keine Credits am Ende des Films. Ich warte so lang, jeden Tag warte ich auf ein Erlebnis, auf die ganz große Sache. Aber das Große, das waren wir —
du
ich
wir, ich – du, das war nicht, das dauert an. Auch wenn sie sagen, das Kapitel sei beendet, der Schlussstrich gezogen. Aber ich bin keine Tabelle & keine Gleichung, denk ich, & schweige. Sie sagen: Er hat dir das Herz gebrochen. Sie sagen: Es gab eine Zeit vor A-J- & es gab eine Zeit danach, das war dein Wendepunkt. Sie sagen so viel. & morgens, wenn der Kaffee kalt wird im Glas & die Sonne mir ins Gesicht scheint, da im vierten Stock in Kreuzberg, in diesem anderen Leben, diesem mir selbst so fremden, dann weiß ich alles besser. Dann geh ich mit meinen quietschenden Gummisohlen zwischen allen Blicke hindurch wie durch gebrochenes Glas; ich bleibe unversehrt. Ich lache viel, & meine es ernst. Ich leide nicht. Fragt mich einer, wie es mir geht, dann sag ich gut, & lüge nicht. Herzschmerz ist was für Teenies. Sagen sie. & suchen nach einer Liebe, die sie hält.
Wir haben nicht gehalten.
Wir – das waren du & das waren ich,
unser Bestes & unser Schlimmstes.
Das musste irgendwann enden, so ist das ja meistens.
Am Kanal seh ich das Wasser, das golden flimmert im Licht.
& du bist nicht hier
& ich nur eine Erinnerung;
ein Gespenst, das sich die Kopfhörer aufsetzt,
damit es nicht hören muss,
das sich ein Buch vor die Nase hält,
damit es nicht sehen muss,
& später sitze ich in einer schmalen Küche unter Hängeschränken & stoße mir trotzdem nicht den Kopf, & ich lache & schütte mir Weißwein in den Rachen & bin ganz da, bin so da, wie nur ein Mensch da sein kann – mit den Augen voll Wahn & die Hände neben dem Teller, & ich bin glücklich, weil ich nicht denke, sondern existiere, weil ich umgeben bin von Licht & Stimmen, weil die Zeit hier nicht tickt, & auch nicht der Tod, denn der Tod ist immer in mir, nagt an Knochen & Haut, nagt an allem Sein,
aber jetzt bin ich hier,
hier – nicht im Grab,
hier: frei,
lachend,
& mein Herz schlägt wild unter meinen Rippen,
wenn mir ein Blick bleibt,
wenn ein Satz plötzlich wichtig wird & ein anderer ihn hört,
wenn eine Umarmung dauert, ein Lächeln,
oh dieses viele Lächeln um mich, wenn ich etwas sage,
alle lächeln
& das ist das Glück,
auch wenn du nicht hier bist, denn du warst Wir & wir sind nicht jetzt, wir waren dann, & es ist okay, denk ich, & kaue Kürbisstückchen, & wenn ich aufgestanden & gegangen bin & in der U-Bahn Richtung Zuhause, dann fühle ich, wie mir das Blut durch den Körper rauscht, irrlichternd vom Wein & Lachen, & ich denke an dich, der du warst, & weiß: so wird es immer sein, so geht es weiter & weiter. Mehr Jahre ohne uns, ohne dich & ohne mich. Mehr Halbschuhe & Zwischenschritte. Mehr Übergangsjacken & Wachstumsschmerzen. Mehr von diesen zerschmetterten Glaskaraffen, diesen verschütteten Teetassen, diesen kleinen Unglücken, die sich ansammeln bis sie zur Flut anschwellen, die einem alles unter Wasser setzen, & meine Pullover werden irgendwann ganz farblos sein vom vielen Waschen, & mein Gesicht unkenntlich, trüber der Blick, & der Tod wird weiter klopfen & klopfen, wird mir weiter den Staub von der Haut in die Bücherseiten hauchen bis er mich ganz verweht hat, & du? Du bist nicht hier, bist erst Mensch, dann Bild & Erinnerung, schließlich: der Strich unter einer Rechnung mit vielen offenen Beträgen, Name & Zahlen, ein Stein aus Marmor oder Granit in einem Totenreich,
aber ich aber du
aber wir
bin & sind & waren & werden
ewig.
& als ich aussteige in die Nacht, die ganz klar ist & kalt, ist alles hier – die Sommer & Winter, die Stunden, die ich verloren gab, sie kehren alle wieder & fluten das Unglück fort, & mich, der ich zur Atemwolke werde unter grellem Neonlicht, auch mich spülen sie fort; den schlaksigen Jungen, den tollpatschigen Mann, & ich – bin hier, in der Mitte der Welt, die nirgends endet, die sich ausdehnt unter meiner Haut. Dann soll es weitergehen, immer weiter & weiter,
ohne dich,
dann soll es kein Ende geben zwischen den Tagen, die unsere waren
& kein anderes Glück als das Glück, an das wir uns erinnern,
das Glück, das wir verdienen,
& wir sind nur Gespenster in einer Welt der Lebenden,
schlagenden Herzen,
& Atemwolken,
aber wir waren & sind & werden,
es ist unser Glück:
ein Leben, das sich entzweit
in Berührung.

Dein A.W.

*Mika – Happy Ending

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One Comment

  1. „Eigentlich“ rutsch mir „eigentlich“ zu oft raus – mit „tatsächlich“ befindet es sich ja auch in schlechter Gesellschaft und – wie Sie zeigen – zu oft wohnt „statt dessen“ ein „statt dessen“ dort wo „eigentlich“ „eigentlich“ hingehört.

    Aber was ich eigentlich und stattdessen sagen wollte: mir gefällt ihr Gespensterreich – es zeigt doch, dass dort noch mehr spukt als die leeren, weißen Laken der lebendigen, aber inhaltsleeren Hüllen.

    Antwort

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