Die Ohnmacht des Sturms

Nur 24 Stunden später, da treff ich H.. & H. trifft mich.
Wir treffen einander mit Blicken,
mit Lippen so weich,
wir kollidieren & Hände streuen Glitter.
Alles ist federnd unter unseren Füßen:
ein Endloser ist H.
& ganz endlich bin ich mit meinen roten Augen & dem schweißnassen Haar.
Wir kreisen um einander,
& ich kreise um mich & ihn & sich & dich:
Könnte es dies mal denn —

Später liege ich im Bett, befühle, taste, löse mich auf in den Geräuschen zwischen den Wänden; in neuen Wundern. Ich kann an nichts anderes mehr denken, & lache über meine Naivität wie ein Alter über seine Jugendsünden lachen mag: reumütig, verlegen, vielleicht auch stolz, mit einem Herzen, das hämmert & immer hämmert & frisches heißes Blut mir ins Gesicht schlägt – ein Applaus für jede Traurigkeit,
schau,
hier wird der Himmel grau,
aber ich brenne & brenne,
eine Glut, die alles schmilzt, was in sie sinkt –
das bin ich & lächle müde & mit wirrem Haar,
während die U-Bahn rattert & quietscht
& jeder will ausgerechnet heute mir ganz tief ins Gesicht sehen,
wo kein Blick ist außer einer,
außer deiner,
der kam wie eine Sintflut,
wie der Sturm, der uns treibt,
die Hände streut er wie Glitter,
so fliegen wir hin,
& so mutig sind wir im Kuss, der ganz Nacht ist,
Vodka & Bier & eine halbe Pille auf einer tanzenden Zunge,
das sind wir,
& niemand kann sehen, was wir sind, denn auch wir sehen uns nicht.
Wir gehen tastend um uns rum & schmecken den Gewürzen nach, die unsere Körper uns sind,
Flüchtigkeiten, nach denen wir mit offenen Händen greifen,
wo einst der Glitter lag,
& Wind braust am Morgen durch immervolle Straßen;
nur ein Wort, das nicht Berlin ist –
& später sitze ich vor H. & H. sitzt vor mir & wir beide sind ganz warm vom Bett,
& alles ist ruhig & weit, & die Augen sind schwer vor lauter Wollen.
Könnten wir je einander in die Arme geben, wenn wir wüssten, dass wir einander schmerzen werden?
Könnten wir je die Süße vergessen, die uns der Abschied einschenkt zum Trinken?
Bitternis ist unser Wollenmüssen, unser Leiden eine Aussicht auf die einzige Wahrheit, die bleibt –
das nichts ist außer uns. Keine andere Realität als diese.
& Brecht steht da im Regal in vielen Farben,
Ost & West in 3 Jahren Unterschied,
in Mauern,
die Körper waren,
die nun Blicke sind.
Wir küssen uns,
küssen ewig die Lippen eines Menschen,
der halb ich ist, & halb du.
Die Stadt senkt draußen den Morgen herab auf unsere hungrigen Augen & wir erkennen:
Es gibt keine Rückkehr. Es gibt nur ein Vorwärtsstolpern,

Nur beinander sein & sich umklammern,
bevor die Welt weiter an uns reißt,
bis sie uns trennt wie wenn einer ein Papier entzwei reißt genau in der Mitte.
Ohnmächtig fällt der Sturm uns entgegen,
ziellos & tobend:
ein neues Wir,
ganz ohne uns.

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