Rote Fäden, lose

Um die Ecken geht der Wind, & heult, & heult, den ganzen Tag heult der Wind an den Ecken; er nennt es ein verwinkeltes Unglück, dieses Eckenherz, diesen Todesstreifen zwischen den Rippen, & der Himmel, gekreuzt von einem einzelnen Flugzeug ganz weit über der Stadt, ist blau & gesprenkelt mit Wolken, die nichts wissen von all dem. Nicht was wir waren, ist, was ich jetzt vermisse, sondern was wir hätten werden können, sag ich, & Anna, die vor ihrem Computer sitzt & über LED-Kerzen schreibt, weil es für heute, für den Moment ihr Job ist, sagt Hmm. Ich schraube abwesend weiter an der Schublade ihrer neuen Kommode während sie tippt, tippt, tippt, & denke: Wie nicht verrückt werden? Müdigkeit sickert mir in Stirn & Augen, ganz nach vorn bis dicht in die Wimpern, & ich kann kaum mehr sehen, was ich da mache. Die Schwerkraft drückt mir die Finger entzwei, die Hände auf den Boden, das Herz in alle Richtungen zugleich. Ich bin so müde.

Später sitze ich im Schneidersitz in meinem Bett, die Linkerhand auf den Knien. So ist es also, so wird es bleiben. Du wirst nicht mehr hier sein, nicht da liegen oder sitzen – mein Kopf wird nicht mehr auf deiner Brust sein, & die Hände nicht mehr beieinander, kein Grunzen mehr nach jedem Kuss.

Wie kalt alles ist, wie klamm die zwei Kissen.

28 Stunden hab ich nichts gegessen.

Mir stecken tanzende Rasierklingen in Augen & Mund.

Die Ohnmacht weniger Stunden hat nicht gereicht; ich nannte das Schlaf, die anderen Erschöpfung.

48 Stunden bin ich zu Hause, unfähig zu arbeiten, mich zu konzentrieren – an was denken? Annahmen, überall. Liebe, die einseitig ist, dreht sich im Kreis: Ich öffne & schließe Augen, Türen, Fenster, ziehe Socken aus, um sie gleich wieder anzuziehen, um sie auszuziehen. Du hast geduldet, versucht. Ich war das andere, das, was im Protokoll steht als erster Punkt. Aufgescheucht wie die Möwen & Tauben, die stets in der Luft waren, als ich an dich dachte – ein Schwarm, wie entzündet.

Ich rasiere mir den Bart ab, starre mit blutunterlaufenen Augen ins Spiegelzwielicht; da sind nichts als Nadelstiche im Gesicht.

Auf der Schreibmaschine tippe, tippe, tippe ich dir schließlich den Brief, der mich befreien soll von 3 (katzen-)goldnen Wochen – vier Seiten: enge, schwarze Zeilen, großes, wildes Zeug, halb vom Wahn geschrieben, halb von Vernunft & Läuterung. Meine Füße sind da ganz kalt & das Herz brennt mir ein Fieber ins Gesicht. Nachts sitze ich am Tisch, den Sari unter der Schreibmaschine, damit es nicht so laut ist, damit ich die andren nicht wecke – jeder Anschlag wie ein Gewehrschuss -, & bin besessen von allem, was noch zu sagen blieb: von Obsessionen schreib ich, vom Missverstehen, von den Dingen, die gelernt sein wollen, & auch vom Besseren. Bis morgens 7 sitz ich da & korrigiere, verschiebe Abschnitte, verschachtle neu & breche auf. Dieser Brief ist kein Roman. Aber nur ein Brief? Nein, auch ein Brief sind diese Seiten nicht. Später hab ich viel Zeit, das alles zu bereuen. Für eine Weile. Der schönste, furchtbarste, traurigste, irrsinnigste Brief, den ich je schrieb – der ging an dich. & plötzlich bin ich ganz leicht. Für eine Weile.

Sie sagen, ich solle es vergessen, diese Flüchtigkeit, dieses Romeo trifft auf seine Lerchen, aber ich, ich will nicht, sitze trotzig mit der Decke in der Ecke, & sage nichts ohne gleich zu schweigen: mein Kopf ist voll von Stimmen, von Bildern & Musik. Ich sitze im Lärm der Tage, im Wirbel, mitten drin. Mein Soundtrack spielt, der ganze Kitsch. Es ist okay. Okay, okay, immer wieder sag ich’s mir. Es ist jetzt wirklich langsam ganz okay. Wir machen weiter, ja, das ist das große Lehrstück dieser Tage. Die Liebesgeschichten, die schnell lodern & hell verbrennen, die aschen sich auf unsere Leiber legen, die uns den Blick vernarben, der uns anfangs noch so heilig war, diese Geschichten tun immer furchtbar weh. Aber so tun, als sei nichts gewesen? Niemals, sagt jetzt ein neuer Mut: Jeden Schmerz muss man sich in Bernstein gießen, & daneben jedes Glück. Nicht unberührt bleiben! Die Narben zählen, die die Liebe einem schlägt, & jede Obsession & jede Weigerung, jedes Nichtfunktionierenwollen & jedes Vermissen – mit Stolz darauf zeigen & sagen: hier, das war damals im Winter, & das hier, das war im Sommer letztes Jahr. Stolz sein muss man auf das, was man verloren hat. Denn den Verlust, den hat man überlebt.

Vor schwarzen Sportschuhen steh ich später im Kaufhauslicht & betaste Sohlen. Das wird’s tun, ich seh mich rennen & rennen, durch eine regnerische Stadt, die halb Berlin ist & halb Hamburg, der Beat rückt mich zurecht. Wie wollte ich diese Veränderungen, diesen hohlen Schlag aufs Wasser; ich wollte brennen & zum Flammensturm mich erheben, alles verschlingen, was Suche war & müdes Finden. Das jetzt, das ist der Preis. Dieses maßlose Übertreiben, mein Katalysieren bleibt niemals ohne Folgen. Es ist Zeit für Neues, denk ich & bezahle die Schuhe mit der EC-Karte. Zeit für Eigenes: mein eigenes Wiesbaden aus Gold & Silber, das in der Ferne ist & wartet, ein Ziel, das mal kein Zufall ist. Warum sollte ich das vergessen wollen? Den Schmerz überwinden lernen heißt, ihn zu einem Teil von sich selbst zu machen. Zu relativieren, was echter Verlust ist, & was nur lautes Wollen.

Bist du wirklich drüber weg, fragt Zoey mich am Telefon. Nein, sag ich. Natürlich nicht. Phasenweise schillern Erkenntnisse, flüchtig. Manche davon greifbar, manche nicht. Vorm Spiegel im Bad tanz ich zu Liedern, die mich deinetwegen fliegen machten. Später liege ich im Bett & suche Schlaf, immer Schlaf, der mich befreit von Möglichkeiten, von all den Wenns & Warums, all den Variablen. In manchen Momenten bin ich leer & taub, manchmal schrecklich wütend. Das ist eine Erschütterung, sag ich. Das ist ein Jahrhundert-Erdbeben, das reißt einem den Boden weg unter den Füßen. Aber mir wird’s besser gehn, bald. Bald, sag ich. & meine: so früh wie möglich.

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