Fünf Stunden Ohnmacht*

by Transglobe/Attard

Wenn ich die zerschlagene Visage schon seh, sagt er & rollt die Augen.
Trojanowicz, sag ich, fragend.
Er antwortet nicht. Er sieht mich bloß an, zögerlich.

Da ist natürlich kein Trojanowicz, nicht in dieser Stadt, nicht hier zwischen Kissen & Decke, direkt da beim Fenster. Trojanowicz hat im Grunde nie existiert & existiert sehr wohl, hier: im Buch, das neben uns liegt auf dem Boden – so viele Seiten, geknickt -, da ist er sehr lebendig, der Mann mit den weißen Narben im Nacken & der gebrochenen Nase,… Von was zum Teufel redest du?, fragt er & setzt sich auf, bringt die Decke zum Rutschen; zeigt Haare, Nippel, Rippen. Franziska Linkerhand, sag ich, von Brigitte Reimann, & lass mich tiefer sinken; das Kissen riecht noch nach dir, ich sollte es waschen. Wie kommst du denn jetzt da drauf? Ich weiß es nicht, möchte nicht wissen. Sage: Ich les das grade & irgendwie ging’s mir durch den Kopf.

Diese Architektin, die Linkerhand. & Neustadt, eine vor die Tür gestellte Schachtel: ein Konstrukt aus Beton & Glas, & darin kein Leben. Wohnstadt für Wohnmenschen, moderne Fernsehhöhlen für den Arbeiterstaat.

Ist doch alles längst überholt, sagt er & blättert durch, von Knick zu Knick. Was interessiert dich das überhaupt, du als Wessi, als Spätgeborener & Wendekind. Kein Fragezeichen, keine gehobene Stimme. Eine Aussage wie ein Kinnhaken. Fuck you, will ich antworten & atme nur.

All dieser Idealismus, das Bessergewesene, das lässt sich doch nicht überholen; das ist uns ein Schatten & geht stets voran. Die Frage bleibt ganz aktuell: Wie nicht zerbrechen angesichts der Gesellschaft, dieses Kollektivs, das noch heute schaltet & waltet, das dir deine Hände ins Getriebe steckt & sagt: Wir alle sieben & mahlen, wir backen ein Brot, das alle sättigt. Aber niemand ist satt, alle Welt hungert. Deine Hände zerrieben – das nennen wir Arbeit & Realität, das heißt: solange du deine Füße unter meinen Tisch streckst. Deutschland, deine Mentalität ist die eines Galeerentrommlers. Wir, der Hunger nach Form & Farbe, nach Lebendigkeit hinter doppelverglasten Fensterscheiben, im ersten bis fünften Stock, in den neunten hoch bis unter die Wolken (zur Not), oh Franziska, wenn du bloß wüsstest…, wir sind noch immer in Ketten — —

Was hat das denn damit zu tun?, sag ich & spüre die Mauer im Mund, die ich nie leibhaftig gesehen habe, den Stacheldrahtzaun & die Warnschilder in Augenhöhe. Polternd: verpasste Gelegenheiten. Kein Russisch in der Schule, kein Gemeinschaftsgefühl – kein Zwingen, kein geschlossenes System & auch kein Ballast von oben & links. Ich sitze hier in meiner Westwohnung, ich als Westdeutscher in meinem Westleben, mit meinem Westjob & den Westbüchern im Schrank; unbeschrieben & unbedruckt, ein Deutscher ohne Deutsches. Na, alles! Du hast doch keine Ahnung, von was die da schreibt! Ist dazu bestimmt noch die zensierte Version! Jedes Wort mit einem Ausrufezeichen dahinter. Weder ist es überholt, sag ich, noch in einer Geheimsprache geschrieben. Ich, der Westdeutsche, der stets Europäer war, begreift 23 Jahre nach dem Fall der Mauer: die Mauer. Getrennte Räume im geteilten Haus.

Franzsika Linkerhand ist nichts, was sich überholen ließe. Es geht immerhin um eine Frau mit Idealen, die den Zweikampf verliert: Linkerhand vs. die Realität. Da steht’s anfänglich noch 1 zu 0, dann später führt der Staat, der sich breit macht im Denken & Nichtdenken(-dürfen); in Statistiken über Suizid & Vergewaltigungen, aber darüber reden wir nicht. & tun’s doch! Solang, wie noch wer da ist im Haus & die Kaderakte liest, kommentiert: Fr. Linkerhand führt sexuellen Verkehr mit W. Trojanowicz, aber weswegen ein Geheimnis draus machen? Jeder weiß alles. Was soll man auch nur mit sich anfangen? Wie nicht neugierig sein? In Neustadt gibt’s kein Kino, kein Theater, keine Ablenkungen. Das ist ein ganz zeitloses Modell: auch im Süden haben sie die Menschen so gehalten, da, in ihren kleinen, beschaulichen Fachwerkhäusern mit Satellitenschüsseln & zweihundert Kanälen am Tag – aber keine Zukunft: zwischen Bushaltestellenhäuschen & Straßenschildern saufen sie & seufzen müd: wohin nur ohne Auto?! Bis sie alt genug sind & das Auto vom Vater, der Mutter, von irgendwem borgen & dann geht’s mit zweihundert Sachen über Land – bis der Horizont ganz klein ist vom Fahren, da, nach dem nächsten Hügel schon,… Was soll noch kommen, wenn alles bereits da ist? Das kannst du überhaupt nicht miteinander vergleichen, du nimmst ganz andere Erfahrungswerte als Ausgangspunkt.

Touché.

Das Politische hat sich nicht überlebt; es ist noch immer aktiv. Es durchwebt den Tag, Berlin, mich. Ein Leben, das sich gelohnt hat*, wie die Linkerhand sagt, das funktioniert nicht ohne Leidenschaften, die sich schnell entzünden & hell verbrennen. Manchmal bleibt Asche über. Nicht nur im Privaten. Auch im Allgemeinen: Oh, dein Deutschland, dein Wehmutszeugnis, ausgestellt auf einen verlorenen Staat – aber nicht: auf ein verlorenes Volk. Die andren, die sind nämlich noch da. Die hatten ihre Leidenschaften, ihre Hoffnungen & Ideale. Die gehn jetzt hier jeden Tag durchs Bekannte, & um sie: Neustadt aus Ruinen, das nennt sich Berlin. Hier erheben sich die gleichen, glatten Fassaden & all das Eigene, all das Private sickert zwischen Starbucks & Dukin‘ Donuts auf die Straßen, wo sie stehn – stehen, wenn einer zusammengeschlagen wird -, wie damals, als eine Frau vergewaltigt wurde & sie am Fenster standen, schauend -, das ist doch heute, das ist doch jetzt. Nur die Zensur – die passiert jetzt im eignen Kopf. Nicht in den Köpfen da oben. Die schneidet Langeweile aus dem Gesamtbild & nennt es eine kluge Kürzung. Wer ist das eigentlich, der darüber zu entscheiden hat, was alles zu sagen ist? Lass der Frau doch ihre überlagerten Geschichten, lass ihr ein lebendiges Unglück! Wie nicht von einem schreiben, den man bereits verloren hat? Wie nicht vom Kämpfen schreiben, wenn man selbst längst gescheitert ist? Diese Reimann hat eine Sprache dazu gefunden, die dir direkt ins Auge geht, ins Herz wie ein Gewehrschuss. Ja, & jetzt?, fragt er & deckt sich auf, seinen lauernden Körper.

Nichts & jetzt. Es passiert nicht mehr als das: Des-illusio-nierung. Ich sprech’s besonders langsam aus. Fast zum Buchstabieren. Die goldenen Tage haben alle längst den Lack ab. Geh nach Ahrensfelde, dann siehst du die Realität. In Moabit siehst du die Realität. Sie begegnet dir auch im Wedding, am Kottbusser Tor. Hier sind die Menschen morgens schon müde, selbst nach 8 Stunden Schlaf, wenn sie die kriegen, dann stehn sie dir in der Tram wie erschlagen; sie atmen sich ihr Essen in die hohle Hand, schieben Bilder über Smartphones: blau-weißes Licht strahlt sie von unten an; es macht sie hohlwangig, wie tot. Wir leben in Neustadt-Städten, haben, wovor sich Fr. Linkerhand einst gefürchtet hat: Anonymisierte Wohnbauten, wo keiner den andren — —

aus dem Norkurier Archiv

aus dem Norkurier Archiv

Du übertreibst, sagt er, & reibt sich den Bauch.
Ja, vielleicht, sag ich. Was aber interessiert denn nun den Wessi an dieser Tristesse; kommt er doch aus dem Süden, dem schön-gepflegten, antiseptischen, ein Süden wie aus dem Bilderbuch: hier kennt der Metzger noch die eignen Schweine & die Schweine ihren Metzger, wie idyllisch! Brigitte Reimann kennt man da nicht. Die ist hopps gegangen in den 70ern – Krebs, übrigens & falls es interessiert -, & jetzt: Asche. Die wurde mit dem Heinrich-Mann-Preis ausgezeichnet (zu Lebzeiten), das ist renommiert, wie’s so schön heißt, damals noch ein DDR-Preis, heute: rehabilitiert & doppelt-eingedeutscht, das weiß keiner aus der Generation 1985+/West, oder doch?, oder bin’s nur ich? Schau dir mal ihren Wikipedia-Artikel an, da kann einem nur das Herz brechen – ein paar Zeilen wie Messerstiche: Geburt, Arbeit, Tod. Keine Leidenschaften, kein Leben. Nur Eckdaten in einem eckigen Leben, eingezwängt zwischen Hoyerswerda – Plattenbausiedlung -, & Brustkrebs: eine Kette aus Unglück, Verlust & Liebesdurst; nie gestillt. Wie diese Frau vor ihrer Schreibmaschine gesessen sein muss, viele Jahre lang für dieses faustdicke Buch, für diesen Rundumschlag, den sie damals sehr wohl, sehr gründlich durchseziert haben: Scheibchen für Scheibchen von Zuvielgesagtem & Nichtgenügendem, das schreit nach Zensur! Wie soll mich das nicht fesseln? Dieser Drahtseilakt zwischen Tod & Lebenshunger, ewiger Jagd & Resignation,…?

Das sollten mehr lesen, sag ich. Jeder sollte sich heranwagen an diese Brigitte Reimann, die schrieb wie besessen & um Schreibblockaden herum; diese Linkerhand, die sollten mehr kennenlernen! Aber es ist doch nur ein Fragment, sagt er & rollt die Augen. Eben nicht! Statt als Fragment muss man dieses Buch als einen vollständigen Lebensabschnitt verstehen, ein Wurzelloses im Entwurzelten. Natürlich hätte es beendet werden können, hätte anders sein müssen, vollständig. So bleiben die Wörter jetzt im Raum, sie schweben & vibrieren, sie überlagern einander, wie es nur die Worte von Sterbenden können, von Getriebenen; das macht es komplett. Du kannst die Gedanken nicht zurücknehmen, kannst Gesagtes nicht ungesagt machen. Franziska Linkerhand darf nicht aus der gesamtdeutschen Wahrnehmung verschwinden, diesem trüben Brennglas, das selten merkt, was an seinen Rändern geschieht. Schon jetzt ist es halb zur Seite gelegt, in den Staub der Jahre gehüllt. Fast-vergessen. Ich nehme das Buch vom Boden & blättere von Knick zu Knick, von Erinnerung zu Steingemeißeltem, & bin mir sicher: Ich musste es lesen.

Er bleibt dort, zwischen Decke & Kissen, & grinst & nickt, sagt: Meinetwegen, & denkt sich seinen Teil.
Ben, ein Ben für jeden, denk ich. & meine einen andren.

*aus: Franziska Linkerhand
von: Brigitte Reimann

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