Bestandsaufnahmen

Der Wind, der über die Brücke stieg & über unsere Köpfe hinweg, stieß uns voran & mit uns braunes Laub & Stanniolpapier, wirbelnd & kreisend, die Stadt wie aus Seide: im Wind raschelten die Menschen, ihr Haar & die Kleidung, es klang ganz sanft. Hier fuhr uns das Licht dazwischen. Es war wie ein Messer. Das Licht war überall. Es färbte uns die Augen neu. Wir tränten Blau & Braun, wir vergossen Grün. Hier: die Ewigkeit. Rauch über Westhafen. Kinder lachten als sie in den Bus drängten, der zu spät gekommen war, & mit ihm der Wind, der jetzt bereits über die Gleise fegte, Staub & Plastiktüten im Nacken, immer eine neue Ferne im Blick.

Geht’s dir besser? fragt Joseph – oh Joseph, trägst du wieder Holzspäne in den Hosentaschen? -, & ich? Ich spüre beides, dich & mich, die Distanz zwischen meiner Hand & deiner Hand & meine Haut ist ganz warm. Ich will nach nichts greifen. Ja sag ich, nein. Ich weiß längst nicht mehr, wie es mir geht. Sage: Alles ist anders & meine: mich, der nicht Alles ist, sondern nur Etwas – mit einem hungrigen Herzen.

Später, da lachen wir, & entzünden die Kerzen. Die ganze Wohnung leuchtet hell. Zoey schenkt Tee nach aus der Kanne, ohne dabei den Tassenrand zu berühren & lächelt. Das ist es, denk ich & zitiere:

Leaving is not enough; you must
stay gone.*

& Zoeys Lächeln zieht sich zurück, vorsichtig, so als könne es zerbrechen. Das klingt so furchtbar traurig sagt sie. & ich nicke. Ja, das ist es. Traurig & schön & von beidem ganz viel. Heißt, dir geht’s immer noch beschissen? Es riecht nach Zimt & Nelken, nach geschälten Orangen, ganz frisch: die Schalen glänzen feucht. & das ist mein Leben, denk ich, & verneine. Ich habe jemanden getroffen, der mein Leben verändert hat, alles. Sie schauen beide so ernst. Als hätte ich den Verstand verloren. Als wären meine Entscheidung aufs Neue überstürzt, ein neuer Kuchen aus einer alten Form, der Rand klebrig von Teig, der Teig unfertig & roh. Ich meine mich, ihr Idioten.

In manchen Momenten, da ist alles klar, fast transparent. Das Frotee-Handtuch zwischen meinen Fingern, weiß & rau; die Glasflasche auf dem Schreibtisch; meine Rippen. Dann gibt es Augenblicke, da verliere ich mich, sehe nur Verschmiertes: Ein flüchtiger Blick, eine Nase, abstehendes Haar – wie die Haut mir zu nah kommt & eindringt ins eigene Leben, sich vernäht mit Zunge & Lippen.

Später verabschieden wir uns laut an der quietschenden Tür, wünschen uns ein frohes neues Jahr – & sind ganz erstaunt darüber, wie mühelos uns die Phrasen von den Lippen gehn. Wir fluchen uns. & lachen. Zu Hause dann, da sitze ich vor einem Träumer. Erinnerungen, angebissen. Wie eine angelassene Herdplatte, wie eingetrocknete Nudeln in der Spüle. Ich sage Ja, ich weiß nicht, zu was. Packe meine Tasche, hauptsächlich Unterwäsche, & gähne viel. Ich denke an den Wind, der über uns stieg an diesem letzten Novembertag. Der Wind, der jetzt zurück ist in diesen Zimmern, der hinaus will…

Ich denke an mich, der sich jeden Tag überwindet in diesem Fitnessstudio, beim eigenen Vater am Tisch, in Gedanken: greifen, küssen, loslassen. Der Sturz, zweifach, vor U-Bahntreppen. Beim Packen seh ich mich – in fünf Jahren das nächste Mal -, sehe mich auf diese Nacht zurückblicken. & vielleicht könnte ich lächeln, wenn ich jetzt nicht so wütend wäre. Also falte ich Boxershorts & denke an deine Hände. Nicht deine, keine Sorge, sondern an die Vielzahl der Hände, an all die Hände, die sich verknoten wollten mit meinen Händen,

das Grün & Blau, das viele Braun dieser Augen,
die Wärme, die stets anders war unter den Decken,
ihr seid ein Daumenkino-Du, ihr seid alle zugleich,
die Vielheit der Bestandsaufnahmen,

& offen jetzt: die Finger, die fiebrige Stirn. Was für ein Glück! All diese Berührungen – ein Tanzen! Mit der Tasche, die schwer ist, verlasse ich die Wohnung in Richtung der Gleise, unruhig & launisch, mit knirschenden Zähnen & wirren Haaren, aber glücklich, nicht-glücklich, mit zwei widersprechenden Gedanken auf der Zunge, mit zwei widersprechenden Gefühlen im Innren. Es ist nicht zu spät denk ich, meine den Zug, & renne.

*Frida Kahlo to Marty McConnell
von Marty McConnell

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