Leuchtfeuer, dein

Für B.P.
Für E.V.
Für M.P.
Für J.S.
Für S.W.

Für H.

Im Nachhinein betrachtet, sagt er & knöpft sich den Kragen, da sind unsre Handlungen, deine & meine, nichts als Echos. Im Hintergrund läuft Chinawoman, Vacation from love, in der Tasse raucht der Kaffee.

Für den unwahrscheinlichen Fall, dass — — Draußen: ein Stückchen vom Rasen, ein Ausblick Himmel: Unendlichkeit, schwer begrenzt. Ich sitze vor Polaroidaufnahmen, meine Finger sind warm. Das Display neben mir blinkt vor Sehnsucht. Sie nennen es Geilheit, die da auf der anderen Seite. Für mich ist es hoffnungslos. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich nicht mehr zu Wort kommen sollte – hier: ein Seufzen.

Er streicht sich das Haar, sein dürftiges, sein lichtwerdendes, sein Altherrenhaar, & schaut ernst, traurig mit Augen so braun, einem Lächeln so müde, & ich, der ich nach draußen will, sehe nur ihn. Wir – eine Theorie. Eine Jagd nach Wolken & Licht, ein Verabschieden schon im ersten Kuss. Ich knibble an meinen Nägeln, rupfe an Haut. Könnten wir doch nur unbeschadet bleiben – von jedem Stoß verschont. Könnten wir die Enttäuschungen nur vergessen, die gebrochenen Rippen, die uns im Herzen stecken: Hier ist die Kälte am Morgen, der frühe Hass um halb 9. Später folgt die Traurigkeit, die auf der Gabelspitze sich in den Rachen schiebt. Schau, wir schlucken unsre Tränen. Wir nagen am Kummer. Wir geben ein Festmahl & wissen es nicht, dieses Dinner for One bringt keinen zum Lachen. Aber was sonst soll denn passieren?

Ich wache ohne dich auf. & vermisse dich nicht.

Draußen scheint die Sonne auf ein trocknes Blumenbeet. Die Vögel auf dem Land sind alle so ernst beim Zwitschern; ich höre keine Melodie, sondern nur grelles Geschrei. Meine Mutter, die Stepford, sie steht in der Küche & schimpft über schimmelndes Brot; sie schmiert Marmelade auf Hefezopfscheiben; sie raschelt mit der Zeitung & lacht. Berlin fehlt mir. Mein Kissen, das nicht unter mir nachgibt. Das Licht morgens beim Aufstehen, der flimmernde Staub. Meine Bücher.

Später schreibt mir Anna, sie sei allein. Ich seh sie in ihrer Wohnung sitzen, die Katzen streichen ihr um die Beine, vielleicht: die Flasche Vodka neben einer leeren DVD-Hülle, vielleicht auch nicht, in den Straßen das dumme Geknall. Wohin die Liebe uns stößt, dahin fallen wir Narren. Ich hingegen, ich sitze vor dem blinkenden Display, lese vom hellen Sehnsuchten, & verstehe es nicht. Da ist sie plötzlich, die banale Leichtigkeit der Fehlstellen. Ich begreife nicht, dass da Menschen auf der anderen Seite sitzen, vor ihrem eignen dunklen Spiegel, & lächeln & nicken & ihre schmalen Sätze ins Blau tippen & denken, was auch immer sie denken – vielleicht, wie witzig ich bin, wie intelligent, wie süß oder auch nichts davon, wie gut das alles passen könnte mit den Geschlechtsorganen, wie hungrig, wie gierig, wie schnell: der Konsum mittags um 2. Ich wache ohne dich auf. & vermisse dich nicht.

Ich dusche lange & meine Haut ist trocken & rot. Ich trinke Tee, der viel zu süß zum Trinken ist, & huste müde, weil ich husten muss. Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass das alles ganz & gar unsinnig ist, alles vergebens. Ich begegne mir in einer Variation: alte Kinderfotos an den Wänden zeigen ein Kind mit schiefem Zahnlücken-Grinsen & strohblondenfastrostroten Haaren; meine Augen deuten jetzt auf ersten Verschleiß. Ich begegne mir in einer Variation & erkenne mich nicht. Den Bart begreife ich nicht, der in der Sonne leuchtet wie Kupfer; die Augen, die sie groß nennen, sie waren früher ganz klein; den eigenen Körper begreife ich nicht, der mir zu weit ist wie ein verwaschener Pullover.

Ich bin ganz stumm, ich denke nicht viel. Ich sehe das Buch von Stefan Heym auf dem Nachttisch & wundere mich darüber, wie einfach die Dinge ineinander übergehen. Wie einfach ein Gedanke zu etwas Realem werden kann, aus dem Nichts Geschaffenes: hier die Seiten, hier die Buchstaben, hier die Seele, die verwehen will. & will, jeden Tag, will alles auseinander gehn: Tauben im Gebälk, Federn im Licht, ich knüpfe mir die Schuhe leise. Manchmal wünschte ich, es ginge noch stiller. Jedes Auftreten ein Ninja-Move. Ein Schatten geht mir nach & gehört einem andren. Das geschieht heute. Das geschieht dir: Ein Lebensentwurf, verworfen.

Die Gehwege unter mir sind alle alt: im 16. Jahrhundert von Männerhänden gelegt, sind sie jetzt an den Rändern überwuchert mit drahtigem Gras. All die Namen sind vergessen, die Grabsteine verwittert. Seltsam, wie manche Menschen darin Frieden finden, zu verblassen. Aufzugehen im Verschwinden, als wäre nie etwas gewesen. Als hätte keiner je geträumt vom Unsterblichen. Ich gehe durch den Park, die Bäume seit Jahrzehnten die gleichen, nur das Laub ist neu. Hier gingen einst Adlige. Jetzt rennen Kinder & Hunde. Jetzt gehe ich. Der Himmel ist weiß & blau, hinter den Wolken schimmert der Mond. Ich gehe endlos, in immer neuen Runden & spüre die Füße, nackt bei jedem Schritt.

War es Glück, dich getroffen zu haben? Eine Entscheidung, von der sich später sagen lässt, sie sei die richtige gewesen? Oder stellt sich diese Frage überhaupt nicht – wenn alles Plaudern vorbei ist & die Suche nach dem nächsten Lächeln erschöpft vom vielen Sehen? Wenn Meereswasser uns die Füße umspielt, dort im Süden. Wenn die Sonne lodert & brennt, & die Haut schwer wird im Schatten. Wenn du zur Erinnerung geworden bist, die sich verändert mit den Jahren, die lichter wird wie Haar, die neben die Bilder gehängt wird zum Schuljungengrinsen; wenn du irgendwer geworden bist, den ich mal kannte, in den ich verliebt war für eine Handvoll Tage, & der in eine andere Richtung ging. Nicht der Liebe wegen, denn Liebe, ach, das ist ein Wort für Könige. Nicht für uns. Wir sind allenfalls Schausteller der Liebe. Jongleure & Harlekine. Wir sind aus goldnem Flitter. Wir – eine Theorie. Nein, ich vermisse dich nicht. Wenn ich gehe, dann geht die ganze Welt. Du hingegen, du bist längst zu Stein erstarrt.

Unter den Bäumen, da, blinken weitere Nachrichten auf meinem Handy. Nichts als Begehren: neue Körper, neue Fragen. Ich antworte allen gleich, freundlich, aber distanziert, höflich, aber ohne Interesse. Es ist mir egal, denk ich. & lüge. Sie sind mir nicht egal. Sie berühren mich nur nicht. Was für ein Luxus! In anderen Ländern sterben sie vor Hunger. & ich lebe, lebe hell. Lebe ohne dich. & werde glücklich sein.

Links: die Bäckereien, längst zu. Rechts: ein Brunnen ohne Wasser. Jugendliche rauchen an der Bushaltestelle & puhlen mit ihren Nägeln die Sonnenblumenkerne aus den Schalen. Aus den Speakerboxen scheppert Rap. Dem bin ich entkommen, denk ich. Diesen Fachwerkhäusern, den schmalen, gewundenen Gassen, dem Café an der Ecke, das alles bin ich los. Ich gehe durch dieses kleine, banale Städtchen als wär es nicht die Hölle gewesen für so viele Jahre. Ich gehe stolz, die Hände dicht über der Jeans, ich blinzle nicht. Das hier, das alles ist bedeutungslos geworden im Malstrom. Dieses Kaff kann mir nichts mehr tun. & auch die Nachrichten nicht, auch du nicht. Es ist fürs Erste überstanden.

& schau, was alles gewonnen wurde zwischen den Jahren: All die Freunde, die jetzt Familie sind. All unser Lachen, all dieses Glück! Egal, ob geborgt oder gestohlen, von einem Zauber uns ins Blut gemischt – all unser Tanzen, all unser Greifen nach Wind: schau hin, wie wir den Widrigkeiten trotzten! Unsere Wut & die Verbitterung, all die Verluste, schau, wie wir durch die Nacht jagten, um einander zu retten – & niemand erlischt jetzt mehr in unsren Augen. Im Gegenteil. Wir sind wie Leuchtfeuer im Leben des Andren. Wir brennen hell, & heller noch. Lass uns weiter Waschbecken aus den Wänden reißen & in engen Toilettenkabinen Haut mit Haut verschließen! Lass uns lichternd tanzen bis der Morgen graut an den Rändern & in der Mitte: die Nacht als unsre Königin! Lass uns mehr & immer mehr verlangen, lass uns scheitern, besser scheitern noch, & darüber lachen – so laut, bis dass die Scheiben scheppern & die Türen kreischen vor Unglück! Solange wir einander — — solange wir die Erinnerungen — — solange hier noch Heym liegt, Biller & die Woolf — — solange wir Rilke zitieren können & Celan, & nachts von Disneyfilmen schwärmen — — solange es eine Insel in Griechenland gibt, auf der wir für eine Weile leben können, & stets: Paris, durch das wir hetzen wie besessen — — solange wir all das haben, nein: leihen, & nicht vergessen, dass wir die Steine unsrer Wege legen, solange — — lass uns glücklich sein. Mehr verlange ich nicht.

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6 Comments

  1. „Nicht der Liebe wegen, denn Liebe, ach, das ist ein Wort für Könige. Nicht für uns. Wir sind allenfalls Schausteller der Liebe. Jongleure & Harlekine. Wir sind aus goldnem Flitter. Wir – eine Theorie. Nein, ich vermisse dich nicht. Wenn ich gehe, dann geht die ganze Welt. Du hingegen, du bist längst zu Stein erstarrt. “
    Satz für Satz die volle Packung, immer wieder. Du bist so gut.

    Antwort

    1. Dank dir, ich muss zugeben, dass ich den Teil auch mochte – darf man das sagen? Na, ich sag’s einfach; irgendwas an dem Satz „Wir sind aus goldnem Flitter.“ bleibt aufregend aktuell. Mal sehen, wann sich das ändert. :)

      Antwort

  2. […] Leuchtfeucher, dein. Den Text habe ich im Exil geschrieben, kurz vor Silvester. Er ist meinen Freunden gewidmet, die […]

    Antwort

  3. „Könnten wir doch nur unbeschadet bleiben – von jedem Stoß verschont. Könnten wir die Enttäuschungen nur vergessen, die gebrochenen Rippen, die uns im Herzen stecken:“ Es wäre nicht das Leben.
    Ich mag das Ende. Sehr. Weil es kein Ende ist.

    Antwort

    1. Darauf ließe sich auch erwidern: Es wäre nicht das Leben. Wenn es ein Ende gäbe, mein ich. Daher: Danke sehr.

      Antwort

      1. Zum Glück gibt’s ja kein Ende. Auch wenn man das gern mal vergisst – das ist wohl das beste, woran du mit deinem Eintrag erinnern konntest :)

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