Vom Glück der Versehrten

Ich hatte verlernt Grenzen zu ziehen, noch bevor sie jemand übertreten konnte…

1.
& dann war da Paul, ein Junge mit Schmachttolle & Gedankenstrichattitüde; ich lernte ihn in einer von diesen Bars kennen, deren Namen unsinnig lang sind, verschachtelt, & ohne eine Bedeutung. Jeder geht da hin & kürzt ironisch ab, was sich eh keiner merken will: mein Haus, zu mir, ruf mich, maximal zwei Wörter kann man am Handy nennen, bevor’s peinlich wird, & sobald einem die verhuschte Kellnerin die klebrige Karte aufs Tischchen wirft, ist eh alles egal. Wie bezaubernd, diese Berliner Erwartbarkeit; als gäb’s ein Cliché-Lehrbuch: So werden Sie in fünf Schritten zum Berliner in Anführungszeichen, Punkt 1: Seien Sie patzig, unfreundlich, selbstgefällig. Dabei sind das nicht mal Berliner, es sind die gleichen zugezogenen Bodensatzdeutschen, die auch überall sonst ihren bitteren Kaffee in seifige Tassen schütten, die nicht Danke sagen & einem schon gar nicht die Tür aufhalten können. Der Spiegel Berlin zeigt uns als Nation nur unsere eigenen Oberflächlichkeiten… Irgendwann kann man selbst die motzige Gelehrsamkeit der sich zur Freundlichkeit Zwingenden kaum mehr ertragen; stattdessen lässt man’s lieber gleich mit dem Trinkgeld oder wirft der nächsten Kunststudentin Slash dem nächsten Schauspieler das Münzgeld beiläufig zwischen die Füße. Ach Gott,… Entschuldigung.

Ich saß da & starrte in den Raum, alles wollte ich mir ganz genau ansehen, nur für den Fall, dass ich’s einmal brauchen konnte. Das Interieur der Schnöselszene: Die Möbel waren alt & gebraucht, oder sahen im schlimmsten Fall nur so aus, & der Barkeeper, der sein Hemd offen trug bis zum Nabel, blieb bewegungslos hinter der Theke, ein kleiner, haariger Kerl, der einen anschauen konnte, als müsse man sich bei ihm für alles entschuldigen. Für die Existenz im Allgemeinen. Fürs eigene Leben im Besonderen. Eine Schaufensterpuppe zeigte mehr Lebendigkeit, als er, der seinen Mund starr sein ließ wie aufgeschminkt. Authentizität ist — ja, was eigentlich? Ein Kampf ohne Sieger? Da saß eine Gruppe Zwirbelhaardutts & war damit beschäftigt, über Architektur des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu diskutieren; das Wort Edelstahl fiel dabei verdächtig oft. Ich konnte ihren Argumenten kaum folgen, wollte eigentlich noch nicht mal zuhören, aber da ich mal wieder auf Zoey warten musste, blieb mir nichts anderes übrig; auf das Buch konnte ich mich jedenfalls nicht konzentrieren. Sie waren zu laut.

Paul saß neben mir auf der Treppe, die uns allen als Sitzplatz diente, & starrte mich so lange an, bis ich nicht mehr so tun konnte, als würde ich lesen. Ich jahte in seine Richtung & er hmmte zurück & lächelte. Natürlich, dachte ich. Beziehungsweise: Ich dachte natürlich an nichts, & glotzte bloß seine Oberarme an, die tätowiert waren, & seine Brust, die Nippel unter dem weißen Shirt, & schlug das Buch zu. & ein neues Kapitel auf.

2.
Im Bett war alles wie immer. Ich hatte nichts vergessen. Sieht man erst mal einen nackten Körper, dann weiß man ganz instinktiv, was man damit anfangen muss. Hier: ein Nervenbündel. Dort: sensorische Sensibilitäten. Er küsste mich wie wenn einer mit der Gabel in der Steckdose rumrührt, & das war dann also Gänsehaut & blödes Gestöhn, aber beim Biss in die Lippe, da zuckte ich vor & zuckte zurück, das ist es, dachte ich, das ist einer, & jede Bewegung wollte eine nächste ergeben & ergeben wollte ich mich – einem alten Krieg, einem neuen Feind, vor eine Wand gestellt wollte ich werden – mit offenen Augen: hier ist dein Blick & dort der Gewehrlauf. Irgendeine Kugel muss mich jetzt doch endlich zerschmettern, zerreißen in der Mitte muss sie mich, diese Kugel, muss dem langen Elend ein Ende machen. Ohne Zielscheibe sieht man keine Erfolge & ohne Tod, da gibt’s keine Heiligen. & erst recht keine Götter. Es heißt selten: Man kann sich nicht immer aufhängen, Baby. Vielmehr bleibt einem am Strick gar nichts mehr zu sagen. Stattdessen hing ich da also wieder Fuß über Kopf & der Hals mit Salto nach vorn, wo die Haut weich ist & beide Hände zu ruppig, & das küssen wir mit Mündern, die einst zum Atmen gemacht worden waren, zum Essen, zum Rufen & Schreien – jetzt atmen, fressen, rufen wir einander. Alles wird salzig auf der Zunge, süß, bitter. Wir schmecken ein Geheimnis. & schlafen.

Irgendwann in der Nacht wache ich auf, weil da jemand liegt, der da eigentlich nicht hingehört. Er ist ganz warm & seine Haut ist glatt, oh so glatt ist seine Haut, man könnte drauf ausrutschen, so glatt ist er, & meine Hände gehen ziellos über ihn weg, von der Brust über den Bauch & tiefer, wo sie dann liegt, die Hand, & sachte drückt, ich weiß nicht weswegen. Alles Verlangen wurde mit einem letzten Hüftstoß aus mir rausgetrieben & ich bin müde & ich bin satt & ich denke daran, dass ich vielleicht so auch in zwanzig Jahren liegen kann, etwas kahlköpfiger vielleicht, mit einem dickeren Bauch & schlechteren Zähnen – wobei, das nehm ich zurück, die Zähne sind ja schon schlecht, aber ich liege da, mit seinem Schwanz in der Hand, der langsam wieder hart wird, der aushärtet wie geschmiedetes Eisen, & ich denke an Zoey, die ich stehen gelassen habe für einen Mann ohne Namen – er heißt Paul – ja, ich weiß, aber er bleibt ja doch nur ein Random – sagt wer? – ich – ah, na gut, & was ist daran eigentlich schlimm – & unter meinem Zwiegespräch mit mir selbst, da wacht dieser glatte Mensch auf & strahlt & küsst mich ganz hingebungsvoll auf den Mundwinkel, den rechten, weil der seinem Mund am nächsten ist, & draußen flimmert orange das Licht der Reinigungsfahrzeuge & Müllcontainer klappern, da rasseln Glasflaschen gegeneinander & irgendwer ruft was auf Türkisch. Wie romantisch. Ich will nicht sterben, sag ich & meine es ernst.

3.
Als es Mittag ist, sitzt Paul am offenen Fenster & der Himmel wird grau. Er hat sich nur ein Paar Socken angezogen, denn der Fußboden ist kalt, & sein Körper wirkt fremd in diesem Zimmer, wie ein Kunstwerk, das einer auf offener Straße vergessen hat: Ein Monet in der U-Bahnstation Wedding, Amor & Psyche mitten auf der Karl-Liebknecht. Das gedämpfte Licht macht ihn älter & es steht ihm. Seine blonden, wuscheligen Haare, sein sperriger Kiefer, der Kopf ganz schwer auf den tätowierten Armen, so schaut er nach draußen, über den Sims gebeugt & ich sitze im Bett, Schneidersitz, der Rücken: krumm, & mir kribbeln die Zehen, & ich sehe ihn an, dieses Artefakt an Mensch; für den Moment erscheint es mir völlig absurd, dass da einer ist, der ein Leben führt, einer, der Gefühle hat wie ich, der Angst hat & leidet, der sich freuen kann über die nichtigsten Kleinigkeiten. Hast du Hunger, frag ich & er nickt.

Ich bringe ihm eine Schüssel voll Müsli mit Sojamilch, Geschmacksrichtung: Vanille, & einen besonders großen Löffel. Er greift mir zwischen die Beine, statt die Schüssel zu nehmen, & so am Fenster stehend, zieht er mir die Unterhose wieder aus, die ich mir erkämpfen musste vor ein paar Stunden. Ich sehe Passanten, die keine Zeit haben oder die falsche Perspektive – von denen entdeckt uns keiner. Dafür sehen uns ein paar Autofahrer, die zwischen zwei Ampelphasen stecken geblieben sind, die meisten schauen gleich wieder weg, besonders die Frauen. Nur einer klatscht uns Applaus. Authentizität, denk ich & sehe Mastodons über weite Steppen ziehen. Hat alles damit angefangen? Damals, als alles Verlangen noch keinen Namen hatte, noch kein Urteil & keine Wertung, als alles pur war. & blutig. Als die Götter noch ihre Zähne bleckten vor Hass & Erregung, als der Erdboden noch heilig war & die Wunder endlos an beiden Rändern der Welt – waren wir da noch echt?

Paul wischt sich den Mund ab & grinst, & er ist wirklich hübsch, er ist wirklich da, real, ich komme damit auf erschreckende Weise überhaupt nicht klar. Wie kann ein Mensch von nicht, von überhaupt-gleich-gar-nicht, zu hier-bin-ich übergehen? Gestern noch kannte ich den nicht, da gab’s ihn schon, ja, aber nicht für mich; er war nur eine Annahme. Eine Theorie von so vielen. Ich hätte mir genauso gut das Herz in der Rosenthalerstraße brechen lassen können. Oder im Lotto gewinnen. Jetzt sitzt da einer & lädt die Realität mit Bedeutung auf, denk ich. Der nimmt sich mir zu Herzen & lacht, wie der lacht, der Kleine – wart mal, wie alt bist du eigentlich? 20, sagt Paul, & ich seufze laut. Es sind immer die jungen Herzensbrecher, die sich verbrauchen.

Du hast so viele Filme, sagt er. Lass uns nen Film schauen.
Eigentlich, denk ich, & denke nicht, schon gar nicht eigentlich. Die Notizen schreiben sich später bestimmt von allein, die Unterlagen sind schnell sortiert, die Briefe gleich geschrieben, du hast doch nur ein Leben, & das besteht aus solchen Momenten, Ethnokitsch-Paulo-Coelho-Scheiße, komm: Goldflitterregen aufs neueste Traumpärchen des Jahres, & Kuss & Fin! Aber nichts da, so schnell fällt mir kein Vorhang. Ich sehe Paul an, der da so nackt & perfekt sitzt & sage: Ja, egal zu was. Hauptsache: DA-SEIN, Hauptsache: EXISTIEREN! & voller Glückshormone bin ich ganz stottrig & dämlich & setze mich neben ihn auf die rote Decke & frage ihn: Was willst du sehen?

& er sagt: Mir egal. Bloß keine romantischen Schnulzen mit Happy End, die hass ich am meisten.

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One Comment

  1. wer will schon happy ends sehen. die will man vielleicht erleben – aber dann sollen sie bitte nicht das ende von allem sein. im leben geht immer noch ein licht an, erst recht, wenn schon längst keiner mehr hinguckt.

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