Aus den Notizbüchern des Herrn W.

Nichts ist erniedrigender als wenn einem beim Lesen eines Datingprofils der Hummus vom Brot auf den Boden klatscht. Direkt zwischen die Füße, an die Kante beim Teppich. Auch Wyndham kann mir da nicht helfen, auch wenn ich ihm in diesem Moment gerne irgendwas Wichtiges schreiben würde. Irgendwas vom Leben. Etwas Schönes. Stattdessen krieche ich keuchend & stöhnend auf dem Boden – & wische. Ich habe Kopfschmerzen, ich kann kaum atmen, mir ist schwindelig. Die OP habe ich überlebt, ja. Nur nicht unbedingt mit der nötigen Klasse.

Fünfzehn Arsenik-Kügelchen mürrisch zerbissen, jetzt, die helfen gegen postoperativen Stress, oder Traumata; ich hab ehrlich gesagt vergessen, weshalb Am. sie mir gegeben hat. Eigentlich soll ich sie auch unter der Zunge zergehen lassen – wer hat denn aber schon so viel Zeit, bitte? Am Schreibtisch ist alles wie immer: stures Chaos. Davon sollte ich Wyndham schreiben. Von Narben & dem Wahnsinn der letzten Nächte, vom Wollen-&-nicht-Können, von der Musik als Anker. Von den Tabletten morgens & abends, von den Thrombosespritzen. Das wäre immerhin direkt aus dem Leben. Nur schön wäre es nicht. Ach…………….

Im Browser sind verschiedene Tabs offen, aufgrund der Menge nur auf einzelne Wörter beschnitten: Überwachung | Schwert & | Der Roman | Russland | Befreiung | Das Rind | Crossculture. & Wyndham | 25. Im Hintergrund läuft Florence, immer & immer:

Ich sehe mir diese Tabs an & würde gern lachen, weil sie alles beschreiben, was mir seit Wochen & Monaten durch den Kopf geht, aber ich schnaufe bloß schwer. Lachen kann ich noch nicht. Es ist, als hätte mir das Skalpell die Fähigkeit zu lachen durchtrennt. Stattdessen wippe ich mit dem rechten Fuß. Das ist nur halb so befriedigend. Was tun? Vielleicht endlich die Gebrauchsinformation der Spritzen wieder in die Schachtel stopfen. Die Bettdecke mit spitzen Fingern aufschütteln. Eine weitere Kurzgeschichte von Ann Cotten lesen, weil es das einzige ist, was mein Kopf grade schafft. Irgendwie den Knoblauchgeschmack loswerden (bester Hummus der Welt, danke Am.!). Die Konzeption überdenken, mit der dieser Blog begonnen wurde. All dieser strategische Scheiß, der nicht gut klingt, geschweige denn wichtig, der aber überdacht werden muss. Wohin? & wie? Wozu.

Wyndham schicke ich ein paar Zeilen von Anne Sexton, weil es einfacher ist. Schöner, da: flüchtig. Ich erwarte mir nichts davon, außer das schlimmste, was sich erwarten lässt – Liebe. Am offenen Fenster sitz ich & die Sonne ist schon warm & Florence singt endlos: & joy & joy & joy & joy & joy & joy & misery. Ich bin irrsinnig glücklich, glücklich bis zur Dummheit, & sage mir, dass das hier, das jetzt, die wirklich letzte Chance ist. Auf Leben. Nein, streich das. Auf ein ganzes Leben. (Kringel, Pfeilchen, doppelt unterstrichen).

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