It must be a wave

Anderer Tag. Gleiche Zeit. Tabletten in ihrer knisternden Plastikhülle. Dazwischen: der Staub. In der Sonne strecke ich mich endlos an die Ränder meiner Augen, damit ich verschwinden kann, & sitze doch am Fenster. Der Wind kitzelt nicht. Ich atme Pollen, die Blumen sein wollen, Bäume atme ich ein & viele Gräser; ich verwandle mich nicht. Stattdessen klicke ich ein Lied weiter.

Lese Cotten. Denke an Hilde Domin, die schrieb, sie lernte das Verlernen, & nehme die Tablette, die mir zu lange auf der Zunge bleibt. Alles bitter jetzt. Gestern wieder Stay gesehen & bemerkt, wie sehr dieser Film meine Konzeption des Geschichtenerzählens beeinflusst hat. Wie sehr Schnitt, Farben, Symbolik meine Denke bestimmen, heute noch – besonders beim Strich, diesem Buch, an dem ich seit fast 6 Jahren schreibe.
„Schreibe“, ich müsste es in Anführungszeichen setzen; es ist ein Stottern in mir, wenn ich mich in die Küche setze, zur Ecke hin, mit dem Notebook auf der vordersten Kante & meine kleinen Absätze runterklackern lasse. Es ist kein Schreiben, als vielmehr ein Bemühen. Ich mühe mich. Nutze mich ab. Sitze ich da & redigiere die letzten fünfzehn Sätze, lösche ich nicht, sondern male über, tapeziere Wände mit Bildern, die weiß sein sollten; manchmal verschwinden auch Fenster dahinter, Türen. Ich kleistere ganze Räume voll mit meinen Stachelwörtern. Nach einer Stunde, oder zwei, bin ich erschöpft, unzufrieden, genervt. Über jede Belanglosigkeit kann ich 10.000 Wörter in der Stunde verlieren. Das, was ich erzählen will hingegen, das braucht 6 Jahre für 30 Seiten.

Seit ich in Berlin wohne, schreibe ich, arbeite mit Text, Literatur, Werbung. Ich sollte also glücklich sein, immerhin ist es das, was ich wollte. Meine Ungeduld werfe ich mir dabei vor. Ebenso wie meine Faulheit. Umso betroffener bin ich nämlich, wenn einer wie Herrndorf den Tod an die Hirnschale klopfen hört & zwei Bücher beendet; gute Bücher, Bücher, die man lesen kann, darf, muss. Bücher, die einem den Arsch retten – können. Warum kann ich das eigentlich nicht?
Habe ich Zeit, arbeite ich nicht am Strich, eine Erzählung, die eine Fingerübung sein sollte, eine Kurzgeschichte bloß, die irgendwann zur Novelle wurde, jetzt zum Roman: zu einem Monstrum mit drei Köpfen. Ich kämpfe gegen diese Geschichte an, so als wäre sie ein Sturm. Sie treibt mich von rechts nach links, wo das Herz schlägt & das Herz schlägt laut, bei jedem Wort schlägt es mir Dunkelheit in die Augen. Habe ich keine Zeit, arbeite ich wie besessen daran. Jeden Abend setz ich mich dann in die Küche, wo J. seinen Speck brät & P. seine Wassergläser auf Eck stellt & wo ich versuche, das Telefonklingeln nicht zu hören, das immer dann losbricht, wenn ich Stille suche, & verliere den Verstand. Morgens, wenn der Sturm vorüber ist, wache ich im Bett eines Fremden auf, mit dem Geschmack von Schwanz auf der Zunge & mit Umdrehungen im Blut, die mir jeden Hunger nehmen & versuche zu begreifen, was da eigentlich geschehen ist. Hungrig geh ich durch die Stadt bis ich nicht mehr gehen kann. Krieche ins Haus, Bett, zurück zu alten Banalitäten. Ist noch Ketchup da? Soja-Milch? Was ist eigentlich mit der Wäsche & wer ist mit Aufräumen dran? Es gibt keine Muster, nur Ausfälle. Das ist das Schreiben am Strich. Ein Ausfallen.

Ehrlich wollte ich sein. Nach der OP, mein ich. Die Grenzen klarer ziehen. Nicht mehr so tun, als wäre ich unsterblich. Fokussierter sein & Transparenz schaffen. Über das Schreiben schreiben, über das Lesen auch. Vielleicht endlich so etwas wie Kontinuität erreichen.

Der Sonne seh ich beim Wandern zu; ich könnte ihren Weg durch mein Zimmer aufzeichnen, so genau weiß ich, wo sie als nächstes den Staub beleuchten wird. Seltsam, dass ich auch jetzt nichts machen kann, dass die Erschöpfung mich abschält von jeder Ambition. Wieder: Herrndorf, gerade in Arbeit & Struktur. Jetzt, da ich auf meine eigenen Ergebnisse warte, der gleiche Gedanke: Wüsste man von seinem eigenen Todesdatum, man wäre viel produktiver. Keine Zeit verschwenden, machen. Daran denke ich. & an Wyndham, der mir eine kurze Nachricht schreibt auf meine Sexton, die auch als Antwort mir zurückkommt:

Love? Be it man. Be it woman.
It must be a wave you want to glide in on,
give your body to it, give your laugh to it,
give, when the gravelly sand takes you,
your tears to the land. To love another is something
like prayer and can’t be planned, you just fall
into its arms because your belief undoes your disbelief.

Die Wellen, das Meer & die Stürme, plötzlich: die Sehnsucht nach Blau. Die Sehnsucht nach Virginia Woolfs Leuchtturm, der unter der Gischt glitzernd sich in Richtung Himmel streckt, endlos an den Rändern. Um zu verschwinden vielleicht. Oder um sich zu finden.

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5 Comments

  1. „Wüsste man von seinem eigenen Todesdatum, man wäre viel produktiver.“ eigentlich weiß man es ja. vielleicht nicht genau den tag und die stunde. aber man WEISS es. eigentlich sollte das reichen.

    Antwort

    1. Ja, dieses Eigentlich. Ich hab den Tod ja wie ein Stempel im Nacken. Aber ohne zu sehen, was da steht, ist’s halt eben doch nur eine Theorie. Vielleicht muss man sich einfach selbst ein Datum setzen; der Revolver geladen, das Arsen im falschen Zahn gesammelt, bereit fürs Unbereitete. Keine Ahnung.

      Antwort

      1. extrem wie du bist, könnte das vielleicht für eine weile funktionieren. aber es wäre mir lieber, wenn du dir die 29 1/2 als deadline für den letzten strich-satz setzt, bevor du deine maroden zähne mit arsen füllst.

      2. Ist mir als Ziellinie gesetzt, ja. So viel Zeit ist nicht mehr dafür. Jetzt nur noch heile werden.

        & glaubst Du ernsthaft, ich zerbeiße mir meine teuer verkronten Zähne? Haha. Nix da.

      3. sehr gut, das wollte ich hören.
        PS: ersatzzähne sind ebenfalls gestrichen.

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