Weitere Notizen

Mit dem Fön unter dem Pullover, so sitz ich da & starre. Vor mir – alles Weiß. In mir – die Kälte. Beim Aufräumen finde ich Kartons, die sind schon ganz staubig. Ich finde Notizbücher mit Namen drin, die ich vergessen habe; Fotografien von A., sie fallen mir wie Rasierklingen zwischen die Finger; Wörter: Hiroshima, Xibalba, Gehirnverpflanzung; Wahn & Kugelschreibertinte. Ich blättere zehn Seiten vor & drei zurück, lese:

11.07.2007: Ich fürchte mich vor der Endgültigkeit meiner Taten, fürchte mich vor der Konsequenz, die ich für das Leben fordere (mein Leben).

Es geht um Berlin & Nicht-Berlin, die Frage, ob ein Leben in Freiheit dem Leben in Sicherheit nicht immer vorzuziehen ist – immer & alles & grundsätzlich & Superlativ. Ich lese von Schlaglöchern & aufgebrauchten Kapazitäten. Schlau kam ich mir da vor, denk ich. Wissend. Als hätte ich die volle Tragweite auch nur ansatzweise ermessen können. Kann keiner, jemals. Das ändert nur nichts dran, dass ich mit einer Verbissenheit daran geglaubt habe, dass mir noch heute schlecht davon wird. All diese Notizbücher sind voll mit diesem Dreck, seit 2004 schon. Kaum ein echter Gedanke, kaum Authentizität, nirgends.

Dabei ist Authentizität mein neues Lieblingswort. Ich suche danach – vermutlich. So genau weiß ich das selbst noch nicht. Zwischen Sexapps & Bartheken such ich, auf einer Datingseite mit Ausrufezeichen & einer Datingseite ohne alles (meist auch ohne Hosen); ich weiß nicht, weshalb ich suche. Was ich suche – ich kann es nicht weiter definieren, ohne dabei bunte Wortballons aufsteigen zu lassen: Intimität, Liebe (in Kleinbuchstaben) oder irgendsowas. Ich würde gerne Smileys dahinter setzen, um den Wörtern die Schärfe zu nehmen, aber gleichzeitig wäre diese Ironisierung nur ein weiterer Versuch, das denkbar Mögliche klein zu halten, überschaubar. Mach dir keine Sorgen, das ist kein Akt der Verzweiflung, hieße das. Ich bin erwachsen genug, um die Absurdität der Liebe zu durchschauen. Die Liebe, sagt Voltaire, kann man nicht erfinden. Kann man auch nicht. Weiß ich auch, Arschloch. Es geht ja nicht ums Finden. Es geht auch nicht ums Suchen, das hier ist nicht der beschissene Jakobsweg. (Den bin ich gewissermaßen auch schon ohne innere Erleuchtung erfolglos bis zum Ende gegangen). Diese Situation ist beileibe schon paulocoelhoesk genug, danke.

Voltaire hat das übrigens nie gesagt. Der hätte sehr überzeugend vom Gegenteil zu berichten gewusst. In Wahrheit ist die Liebe nämlich sehr wohl artifiziell, erfunden, eine Theorie. Ich hab die Liebe schon tausend Mal geschaffen, meist für die falschen. Vielleicht passiert das auch grade jetzt, ich weiß es nicht. Blättere ich weiter, finde ich den Namen Bungalow Bill & er ist ganz da, ganz echt: Sein braunes Haar, das sich um die Ohren lockt wie Eisenspäne, kupfern, fast bronze die Haut & das Lächeln vom Sommer: er trug einen Kranz aus gelben Blumen im Haar, es ist vier Jahre her, als wir uns trafen unter diesem violett-blauen Himmel. Auf wen hatte ich eigentlich gewartet, da, im Schatten? Ich erinnere mich nicht mehr. Nur an die vielen Lichtflecken am Boden & das überteuerte Bier erinnere ich mich, an ganz wenig Platz & lautes Lachen, & an Haut, die sich fand, als hätte sie sich schon immer gesucht, & später saßen wir beide bei mir – hier: das Fenster, das offen war, & darunter lärmte die Straße. Wie schon seit Jahren. Sie hat sich nicht verändert, auch das Fenster nicht. Nur Bungalow Bill ist fort, ging als erster von vielen, ging mit dem T-Shirt nach Hause, das er mir hatte schenken wollen, & ich, voll von Flausen, ich hatte keine Geschenke gewollt. Sondern… ? Ich lese:

11.10.2010: Meine Intelligenz reicht nicht zur Liebe. Sie reicht nicht zum Küssen, nur zum Reden allenfalls, dazu genügt sie. Um dich zum Lachen zu bringen, zum Heulen, zum Stummwerden. Meine Intelligenz ist eine Gouvernante.

& werde ganz dumm vor Rührung über mich selbst. Was weiß ich schon über meine Intelligenz? Was über die Liebe, die stets hungrig ist & stets satt? Max Richter höre ich, den schalte ich an wie eine Lampe, seinen Vivaldi, Spring 1. Es macht mich glücklich, erhaben in meinem Glück. Es ist Zeit für die Tablette, Zeit. Den Fön schalte ich wieder an & steck ihn mir in den Pulloverkragen, der nach unten rutscht bis zur Mitte der Brust. Im Karton finde ich jetzt ein Bild von einer Gruppe von Menschen, mit denen bin ich zusammen aufs Internat gegangen, das ist jetzt – was? wie viele Jahre her? 17? Erst, sagt eine Stimme. Schon, eine andere. An viele Namen erinnere ich mich nicht mehr – außer: Björn, der neben mir steht, er hat mir das Schachspielen beigebracht, & Martin, mit dem ich über Gott stritt, wie mit einem Scholasten. Ich erinnere mich an Petrarca, der mich stets vor allen beschützt hat & Marc, natürlich. Alle anderen Namen sind ausgelöscht, ich erinnere mich nur an Szenen, Aufgetrenntes. Seltsam, wie sie alle durch meine Zimmer gingen, blieben, gingen, wie sie verschwanden – als hätten sie niemals existiert. Lange seh ich dieses Bild an. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Kind damals & dem Erwachsenen heute? Ist da eine notwendige Ereigniskette – eine Art: Unausweichlichkeit? Lese:

20.08.2011: Etwas wollen,
was einem nicht gegeben ist,
stattdessen:
einen Mindestabstand ein-
halten müssen,
eine Grenze,
um eine Mauer schleichen,
eine gläserne Mauer ohne Ende.
& das nenne ich
Leben.

Das würde ich am liebsten sofort rausreißen & in ganz viele Fetzen. So ein Stuss. Stattdessen blättere ich weiter & entdecke Jean-Michel Basquiat, barfuß, mit einem Pinsel zwischen den Fingern, nachdenklich, trotzig, der Blick direkt in die Linse. Es folgt doppelt & dreifach der Name Giorgio Manganelli, immer & immer wieder, ich erinnere mich nicht, weswegen. Ich finde nur noch eine einzige neue Ausgabe von Der endgültige Sumpf, den ich mir aufgeschrieben habe (vor 3 Jahren), & bestelle sie mir. Google zeigt wenig, Wikipedia nur Liebloses: 1922 in Mailand geboren, 1990 in Rom gestorben, Kritiker, Essayist, Schriftsteller & cetera & cetera, Leuchtname: Italo Calvino, der Große, & darunter die Auflistung Manganellis schriftstellerischer Schwerpunkte: Sinnkrisen; Gespenster; die Hölle; Mörder; Dinge, die nicht existieren; Räuber; Prinzessinnen; Tyrannen. In dieser Reihenfolge. Sinnkrisen, denk ich. Authentizität, denk ich.

Authentizitätskrise.

Dieser ganze dumme Kitsch, diese Lähmung. Kein Wunder, Lots Frau verwandelt sich in eine Säule aus Salz. Wer in der Hoffnung zurückblickt, er könne hinter sich eine Schlussfolgerung erkennen, täuscht. Die Schlussfolgerung ist nicht archiviert. Zumindest jetzt nicht, zumindest für mich nicht. In diesen ganzen schiefen Buchstaben steckt nicht der Mensch, der heute Ich sagt & morgen: Du. Vielmehr sind es bloß Versuche & Entwürfe, Anläufe zur Wirklichkeit. Diese Bilder zeigen gelebt Unlebbares. Keiner kehrt zurück – nicht nur zum unbelichteten Bild, sondern auch nicht in die festgefrorene Szene. (Mythos: Fotografie). Es gibt dabei keine Bedeutung in dieser Aneinanderreihung, keinen Zweck, kein waltendes Prinzip. Es geschieht, geschieht als Chaos, als Randomness. H. war Willkür. J. war Willkür, & S. & A. & ganz besonders ich selbst, der von allen der willkürlichste war, ein Träumer unter Wasser. Weg damit.

Ich friere noch immer, stelle den Fön eine Stufe höher & lege eine neue Platte auf. Die Schlussfolgerung kommt erst noch.

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