Demarkationslinien

Sich entgleiten, zerschmettern, aufsammeln. In der Nacht tanz ich, umgeben vom Bunt. Ich habe längst alle Kontrolle verloren, den Verstand wie eine Sache; ich habe jede Vernunft aufgegeben wie einen Brief & warte auf Antwort. Von wem kann ich nicht sagen. Es gibt keine Adressen mehr, keine Namen, die von Bedeutung wären. Aber von vorn:
Am Dienstag sitz ich vor J., der kommt aus Potsdam, & so wie wir liegen, so flüstern wir einander vom Leben – verträumt, nachdenklich, mit den Körpern untrennbar verbunden in der Mitte & niemals voneinander berührt. J. gibt mir Hände & Gewicht, einen Schwanz, der viel zu groß ist für seinen schmalen Jungenkörper. Er gibt mir Wärme & Halt, eine alte Zuversicht. Nach zwei Stunden nimmt ihn die Nacht ab von mir & damit die Verantworung, mein viel zu schmales Bett mit einem Fremden teilen zu müssen; ich bin fast erleichtert.
Am Freitag ist da Bungalow Bill, der in seiner Zeitkapselwohnung sitzt & nickt. Bill ist schön wie immer & schlau, oh so schlau, & ernst (ein sehr ernsthafter junger Mann) & wir unterhalten uns über die Ökonomie der Liebe, über Filme aus den 70ern, über die Buddenbrooks & Thomas Mann, & die Stunden klappern leise zwischen unseren Zähnen. Seltsam, wie lange das jetzt schon her ist mit uns, wie weit weg jede Erinnerung an die Vergangenheit – als hätte sie ein ganz anderer gelebt. Wir reden & reden, wir erzählen uns nichts Neues.
Wir umarmen einander wie Geister.
Mir fehlt ein Knopf, ich find ihn nicht wieder. Auch diese Hose ist ruiniert.
Am Hermannplatz ist der Himmel ganz weiß in dieser Nacht & die Menschen alle hungrig wie Hunde.
Später sitze ich bei R. auf der weißen Couch, die Kissen (bunt) lehnen mir im Nacken. Ich trinke Wasser, rede heiter über die Enttäuschungen der letzten Wochen, Monate, Jahre. Wenn ich mir dabei so zuhöre, wird mir der Mund ganz bitter vom Reden; die Wörter sind wie Stachelbeeren. Auch R. & ich berühren uns nicht. Kommunikation ist die Basis aller zwischenmenschlichen Interaktion. Ist Sex eine Form davon?
Samstags drücke ich St. gegen die Wand der Toilettenkabine. Vor wenigen Minuten erst ist er mir begegnet, wir haben kaum gesprochen. Wir sind Körper, die sich reiben, die sich die Knöpfe aufmachen, die sich entknoten vom Geschehen, als wäre die Welt ein gelöstes Rätsel & wir darin nur eine flüchtige Erkenntnis: Keiner will allein sein. Sein Schwanz schmeckt nach Meerwasser & Sommern unter weißen Sternenhimmeln; er spritzt mir fast ins Gesicht & auf die Hose & ist danach ganz schrecklich nüchtern. Als nähme der Orgasmus einem jede Besessenheit. Seine Küsse verlangsamen sich, seine Hände werden schwer. Blockseminar, Psychologie, was hast du eigentlich gemacht da?, krasser Verband. Er bekommt plötzlich keine Luft mehr von meinem ganzen Kohlenstoffmonoxid, wie er sagt, & ich bringe ihn zur Garderobe, wo er seine Jacke entgegennimmt wie ein Geschenk. Wir küssen uns, lügen. Sagen: Vielleicht sieht man sich ja beim nächsten Mal wieder hier. Sagen: Vielleicht. Meinen: Nichts. Später tanze ich, tanze als wäre nichts gewesen. Das Licht ist bunt, die Menschen schön, leicht. Ich könnte mich immer & immer wieder fortgeben, noch viele Male. Einer mit Bart, einer mit Tätowierungen am Hals, einer mit einem Gesicht so schön wie gemalt, einer, der sich durch den Raum bewegt, als gelte die Schwerkaft nicht auch ihm. Ich tanze trotzig & glücklich im Trotz, glühe.
Wenige Stunden später, es ist bereits Sonntag, geh ich durch Neukölln & die Sonne scheint golden. Alles ist verzaubert. Der Himmel: so endlos blau, & die Bäume schon grün. Ich trage meinen Körper wie einen Lieblingspullover, wie in einer Badewanne an einem stürmischen Tag lieg ich gehend darin. Meine Haut prickelt im Licht. Beim McDonalds eine kleine Cola, der Geruch von Bratfett & Salz. Zuhause schreibt mir erst S., dann M., später auch Al., den ich bereits im Club gesehen hatte, & alle wollen sie Sex. Ich auch, liege im Weiß der Laken, im Weiß der Gedanken & schreibe Miniaturen der Geilheit, über die ich insgeheim lache – später. Beim Schreiben bin ich ganz ernst, besessen von Löchern, Nippeln, Schwänzen. Besessen von der Vorstellung, das Abspritzen lasse mich vergessen. Dabei – was vergessen? Ich erinnere mich an nichts.

Ein paar Stunden später wach ich auf, mit Blasen an beiden Füßen & pulsierenden Augen. Die Ökonomie der Liebe, denk ich. Heimatcontainer, denk ich. Klabauterschmerz. Kann man sich denn selbst zum Komplizen der eigenen Fehlentscheidungen machen? & was heißt das überhaupt, Fehlentscheidung? Ist die Sex-Substitution denn eigentlich schlecht? & falls ja – warum? Wäre ich denn glücklicher, wenn ich sie liebte, all diese Männer mit ihrem Komplexen & Unsicherheiten? Diese Blaubärte morden in jeder Nacht erneut ihre Unschuld, sagt – wer eigentlich, du? Definiere: Hunger & Durst. Definiere: Moral. Aber im Alter sind sie doch allein. Sind wir das nicht alle? Darauf kann man kein Leben bauen. Auf was kann man das schon? Doppelmoralischer Scheißdreck, wirklich. Als wäre die Ehrlichkeit ein Zustand, den man überdenken müsste. Eine Nacht darüber schlafen vielleicht, nur nicht unvernünftig sein. Definier doch einfach mal dein eigenes Leben, bevor du mit dieser Generalamnesie anfängst, dem immer-gleichen Denkfehler: Mein Ich ist das absoluteste von allen, da passt kein Messer dazwischen.
Ich lese von den deutschen Fertighäusern in Israel (Heimatcontainer von Friedrich von Borries & Jens-Uwe Fischer), von den ersten & auch den letzten Tagen im Kibbuz, vom Kupfer les ich, der Patina, von den Träumen eines Volkes, & werde ganz weit beim Lesen. Ich rolle meine Münzen in buntes Papier & denke dabei an den Sond-Mann, oder genauer: an die Vorstellung, die Theorie dieses Mannes, & keine Nostalgie reicht an die eigentliche Grenze des Vorstellbaren. Demarkationslinien, daran denk ich. Wir ziehen sie, als bedeuten sie was, & bei jedem Überschreiten rechtfertigen wir aufs Neue diese, dann die nächste (& wirklich letzte!) Ausnahme. Nur Endjahresvorsätze sind lächerlicher als unsere eigene Nachjustierung. Als die moralische Überlegenheit des Menschen über den Menschen. Alle Konzeptionen sind doch nur Serviervorschläge. Denn wenn’s die Familie nicht ist – dann. Wenn’s der Job nicht ist – dann. Wenn’s die Liebe nicht ist – dann. Dabei ist es nicht die Frage, welches Glück das endgültige Seligkeitsversprechen letztlich hält, die uns umtreibt. Sondern viel mehr der Denkfehler, wie uns dieses Glück endlich läutert – & wie es sich vermarkten lässt.

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