Der hungrige Gott

1.
Als sie mir den Verband abnehmen, fragt mich die Schwester, die links, eine ganz blonde mit Sommersproßen quer auf der Nase & unter den Augen, ob ich jetzt nicht glücklich sei. Glücklich? Ich sage nichts, nicke nur, nicke ernst, als entscheide mein Nicken über das Leben eines Mannes. & vielleicht tut es das auch. Vielleicht ist das hier gerade die ultimative Bestätigung eines Lebens, eines freien Lebens, mein ich. Meines Lebens.
Sie legen den Verband säuberlich zusammen, Hand über Kreuz & die Finger zwischen der Gaze.
Gaze, sag ich. Komisches Wort.
Die Schwester, die rechts, mit mokkabraunen Haaren & großen schwarzen Augenbrauen – Balken so dick als zensierten sie was -, sagt: Das kommt aus dem Arabischen, aus Palästina. Sie kennen doch Gaza, die Stadt? Sie lächelt. Ich lächle. Der Verband ringelt sich unter ihren Fingern zu einer Schlange aus Stoff; sie schrumpft mit jeder Handdrehung weiter, wird ein Rechteck, so klein. Gaze-Gaza, es atmet mich die Hafenstadt.
Die beiden Frauen tupfen mir ein Mittel auf die Haut, irgendeine ölig-schmierige Tinktur, die nach Rosmarin & Zitrone riecht, nach fernen Sommern, & reiben es fest in meine Muskulatur, ins Fleisch unter dem Fleisch, ins Skelett reiben sie’s ein, & sagen nichts, kein Wort. Zwei Minuten lang, drei. Als sie endlich fertig sind, sagt die links: In 6 Monaten sehn wir Sie wieder, & lächelt. Ich lächle, nicke, sage Ja. Draußen ist der Himmel weit.

2.
Ich öffne die Tür & Ramses tritt ein – in mich, das Zimmer zwischen den Zimmern. Er ist klein, viel kleiner als ich (das stand nirgends), die Haut dunkel. Ein schöner Mann mit dickem Haar & wachen Augen; er lächelt, er blinzelt, er greift nach der Hose. Ein Pharao ist Ramses, ein Gesalbter. Einer, der vom Nil kommt, mit Krokodilen im Blut & dem Schilfrauschen zwischen den Zähnen; der sagt nichts, der wispert; der geht mir nach wie Schakale. Ramses küsst mich nicht, sein Körper – die Muskeln -, sträuben sich alle wie Haar sobald ich’s versuche. Er weicht nach hinten, in Richtung der Wände, wo Bücher sind, die müde rascheln wie schlafende Eulen, & als ich ihm nachtrete, da stößt er mich fort – es ist, als werfe er sich gegen den Sturm. Keine Chance, ich bin nicht deine Hure, Ramses. Die Zeit der Könige ist vorbei, die Zeit des Kniebeugens. Das ist ein Tempel, du hast hier nichts zu sagen. Ich packe ihn hart an den Armen & drücke ihn nieder ins Bett, das unter uns ächzt, das schreit vor Gewalt – egal. Wir wälzen uns unter der Sonne, ergießen einander wie brechende Dämme, schweigen. Ich lasse ihn ziehen, den Pharao, wund geht er hinaus in den Tag & ich bleibe liegen, bleibe zwischen den feuchten Laken, den Kissen & Ruinen, reibe mir den Bauch, der ganz flach ist vor Hunger, der sich einsaugt vor Hunger, der sich bis zum Rücken durchwölbt, so leer ist der Magen; ich hüpfe mir über die Rippen zu den Brustwarzen hinauf bis zum Hals. Frei, denkt das Dunkel, pumpt das Blut, vibrieren die Nerven. Nein. Entfesselt.

3.
Nach dem Duschen zieh ich mir das T-Shirt an, das Berthe einst trug, das schwarze mit dem Totenkopf drauf, der viel zu weiß ist, fast grell. Darüber ein schwarz-grau-kariertes Hemd, darüber ein Pullover in schwarz, darüber die Lederjacke. Als Totengott geh ich durchs Haus, durch die Spiegel zum Sehen; ich flimmere nicht. Wo ich bin, ist die Nacht, ihr finsteres Dröhnen. Ich gehe, berühre die schimmelnden Kacheln im Bad, die klamme Wäsche am Ständer, ich gehe, streife Flecken, abgeschlagene Kanten & Ecken, durch die Erinnerung geh ich als Stich, als Narbe über die rosigste Haut. Ich bin hungrig & laut in meinem Hunger. Sieben Männer in zwei Wochen sind nicht genug, sagt die Gier, die stets mangelt.
Sei nicht so destruktiv, sagt Zoey, als sie mich sieht. Du siehst aus wie ein Geist.
Ich bin ein Geist, sag ich & lache. Der Gott aller Geister.
Du bist schon wieder so widerlich pathetisch.
& du so furchtbar banal.
Hinter dem Eigentlichen steckt eine Abwesenheit, die alles durchdringt, vielleicht auch belebt – ein schreckliches Wollen. Was hat es mit Destruktion zu tun, wenn man sich nimmt, was man will; solange niemand leidet? Aber irgendwer leidet doch immer. Wirklich? Irgendwer ist immer derjenige, der selbst grade spricht. Immer diese unterwürfige Pflasterkleberei. Als könnte der brave Bürger den Schmerz wirklich heilen. Keiner will frei sein. Alle brauchen Fenster & Türen, alle brauchen die Dächer & Wände, denn wenn der nächste Winter mal kommt, frierst du dich tot. Tot? Was für ein Jammer! Vom Tod Geborgte sind wir doch längst, die Lebenden, die restlos sich ergeben müssen am Ende, denk da mal dran, wenn du deine Socken kaufst, dein Toilettenpapier, mir deine dummen Superlative vor die Füße spuckst. Wenn du vom Saubermachen sprichst, als verspreche es Freiheit. Fresssklaven sind wir, Sklaven der Scheiße, die verdauen müssen, endlos, rechne das auf. Aber sich der Lust ergeben wollen ist zerstörerisch. Von welchen Wahrheiten, welchen Absolutheiten sprechen wir hier überhaupt? Wütend geh ich durch die Zimmer & nehme den Staub mit, der wirbelt & wirbelt, der sich den Nacken verdreht unter meinen nackten Füßen. Nur raus, wo meine Blicke sind wie Messerstiche. Am Moritzplatz spritz ich einem Kerl in den Rachen, der will immer mehr von mir, der wird gar nicht satt. Am Kanal sind’s zwei, die rufen mich an beim Einkaufen, & fordern Gewalt, also beiß ich sie blutig, ich zerreiß ihre Haut. Unberührt geh ich Treppen hoch & hinunter, drehe Kondompackungen zwischen den Fingern, drücke Klinken, Schwänze, Ärsche. Wo ich bin, ist die Lust. Ist die Nacht. Thanatos & Eros sind nicht Geschwister; sie sind ein- & dieselbe Person.

Er geht lichternd mir durch beide Augen,
färbt mir die Worte,
das Herz.
Mein Körper wird hart
& heiß.
Erkaltend: die Suche nach Wahrheit.

Später dann, wenn ich durch die Tore in die Unterwelt trete & dumpf, dröhnend, der Bass sich über uns senkt wie Geschrei, wenn wir Minos begegnen, dem Weisen, der uns die Richtung deutet ins Dunkel, dann werde ich herrschen für den Moment, für ein paar Stunden vielleicht – eine Nacht lang, so war’s mir versprochen. In dem Shirt steckt ein schwitzender Leib, den kann keiner leugnen. Auch du nicht. & wenn die Musik über uns kommt, ein Erdbeben unter den Füßen, dann bleibt keine Rücksicht auf dich – du, die Erinnerung des Notizbuchschreibers, der stets zu nett war zu allen, der immer Ja sagte, nie Nein, der sich die Fesseln selbst noch ins Fleisch schlug, weil wie soll man leben? Die Ewigkeit beginnt im Sturz nach oben, rückwärts den Himmel hinauf in die Nacht, die endlos ist zu allen Seiten. Das letzte Wort auf den Lippen – entfesselt -, so werd ich tanzen, ficken – vergessen. So werde ich herrschen.

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