κύμα μου

Für Vassilis Tsironis

Like a wave you keep me up like the tide you take me away.

Wir wogen & tosen, wir dröhnen im Licht
& im Schatten,
im Weiß der Tage, im Blau, wir rufen
die Namen von Städten & Rauch,
jede Wolke trägt unsere Stimmen.

Dein Gesicht zwischen den Kissen,
im Weiß meiner Haut: der Stoff deiner Lippen,
zwischen den Rippen: das Blut von Worten, so weit –
so weit ist das Herz, wenn wir rufen nach uns,
wenn wir uns strecken –
sieh, wie wir uns strecken!
Mit dem Körper voraus fallen wir bald,
voraus in die See,
ins Blau, das uns aufnimmt mit Händen.

Als Welle kommst du gerollt, kommst über
& unter & über,
kommst zwischen die Tage als Flut,
rollst zwischen die Stunden
deinen Körper: die Wasser Athens –
mein Verlangen.
Du trägst mich fort,
fort aus Berlin, das dunkelt nach dir,
fort aus der Stadt der Trümmer, der Narben,
zur Küste hin,
wo das Wasser rauscht, wo es brandet des Nachts,
& tags, wenn die Wellen uns brechen,
dann tragen sie mich
dann tragen sie dich
wie Kronen so weiß.

*
Nachdenken über V.
V lieben. Von V geliebt werden.

Das Salz tupf ich vom Teller mit stumpfen Fingern & denke an ihn, ihn & nur ihn, wieder & wieder. Ich tupfe bis mir die Lippen brennen vom Salz; ich stelle mir gerne vor, es wäre vom Küssen mit V. Immer V. Seine Lippen, sein Kinn, seine Wangen – alles scharf gezogen wie mit dem Lineal. Seine dunklen Augen, die Lippen — — Ich kann oft an nichts anderes mehr denken als an ihn, den Griechen – Helios, Erebos, beide ineinander verschlungen wie Haar. Wenn ich die Kissen schüttle, wenn ich Wasser nachgieße, wenn ich das Grapefruit-Shampoo benutze. Subtext: Er.

Hell sind die Tage, wenn wir uns diese lang verzahnten E-Mailketten schreiben, die scheppern & klackern, die sind wie Rasseln so laut; sie geben den Rhythmus der Tage: die Morgen, die Nächte, sie geben den Wochen den Klang. Pulsschlag, denk ich. Jedes Wort ist wie ein Pulsschlag. Ich lese sein Giovanni’s Room in wenigen Stunden, den Gedichtsband von Hart Crane trage ich in der linken Innenseite meiner Lederjacke, direkt über dem Herzen; was er berührt hat, wird zur Reliquie, ich lege alles auf die obersten Regalbretter, seine Handschrift neben die Bücher, die Karte direkt auf den Tisch. Seit ich aus Athen zurück bin, ist Athen mit mir. Wir schreiben einander Vergessen bis wir uns erinnern: Vom Suchen & Finden der Liebe, vom Schmerz & Alleinsein, & auch vom wilden, besinnungslosen Glück. Wir erzählen uns das Glück stets neu, reißen uns gegenseitig um, lachen & kichern dann, trinken das Lachen des andren wie Wein. Wir berauschen uns. & leiden. Oh, wie wir leiden!

V ist Verlangen, das sich selbst entzündet.
V ist Verlieben, Vergeben, Verdienen.

V ist unersättlich; ich sitze vor seinem Bild, seiner Stimme, den Sätzen & bin ganz & gar ohnmächtig seinetwegen. In meinen Träumen geh ich ihm nach bis der Himmel sich senkt & zur Küste wird; ich gehe die Treppenstufen hoch zu seiner Wohnung, seinem Atem geh ich nach bis zum Mund & seinen Schultern, die an meine Schultern stoßen, die aufeinanderprallen wie Türen, & ich, der ich greife, erwische Haut, die so weich ist & hart, die kalt ist wie Eisen, so heiß wie der Herd, ich greife & greife & fühle ihn – diesen Mann, wie gemalt ist der, mit seinem ernsten Gesicht & den melancholischen Augen, aber dem Lachen von Jungen – nicht einem, von vielen, von einer ganzen Schar Kindern, die schaukeln bis der Himmel ihnen kippt, bis der Boden sich dreht & die Bäume zu Wolken werden, so lacht der. Ich könnt ihn immer lachen hören. Nachts lieg ich neben ihm, die Stimme dicht beim Ohr, die Hand in Händen, & er erzählt mir vom Schreiben.

Ewigkeit. Das ist V. & ich bin unersättlich, ich bin hungrig, seiner hungrig, seiner Worte & Bilder, seiner Stimme. Lässt sich Sehnsucht denn messen, sag? Lässt sie sich begrenzen, oder ist Sehnsucht nicht viel mehr ein Endloses, eine Welle, die noch im Zusammenbruch neue Wellen speist? & ist die Sehnsucht der Liebe nicht ähnlich, sind sie einander nicht Geschwister? Zoey schweigt. Sie flechtet sich die Haare zu Zöpfen. Sie hat mir nichts zu sagen. Ich wippe mit den Füßen. Athen. Sag ich. Athen. Stadt der Weisheit. Αθήνα, Stadt des Lichts. In Gedanken geh ich immer & immer wieder durch die Stadt, durch die Hinterhöfe, wo die Wände bunt waren & die Fenster vernagelt mit Brettern; ich gehe ziellos durch die Straßen, als sei ich nie nach Berlin zurückkehrt; ich erinnere mich an Bolaño, den ich mir im Nacken glaubte, an den Regen, der hart war & kalkig wie Straßenstaub. V & Athen, Athen & V, ein Flechtwerk verbindet beide miteinander, die Stadt & den Mann, den Mann & die Bücher, Othello mit Monsieur Pain, Tom of Finland mit Robert Mapplethorpe, ein Netz aus Begegnungen & Nicht-Begegnungen, Eventualitäten & großen Lebensträumen. Dazwischen: die Gedichte.

Wenn V spricht, kennt alles einen Klang. Seinen Klang, die Überzeugung: dies ist Gewalt, dies ist Liebe, dies ist die Nacht & der Tag kommt frühstens, wenn du aufhörst zu weinen. Ich schreibe: Like a wave you keep me up like the tide you take me away. & meine: I’m madly in love with you. Ich streiche die Tage & die Zahlen vom Konto, ich berechne stets neu, spare an Essen. Wenn die Armut nicht wäre, die wie eine Spinne ist, wäre ich längst wieder da, längst zwischen den Laken, als einer, der bleibt, als einer, der keinen Grund zur Rückkehr mehr hat – nach Berlin – Berlin allein!, schon der Name wird mir ganz fremd zwischen den Lippen. Was ist schon eine Stadt wert, die keine Träume mehr kennt – außer meine? Die V-Träume: Episoden zwischen Büchern & Bett, zwischen den Zimmern, die hell sind, dort am Hafen von Piräus. Ich sehe mich schreiben dort, uns kochen & essen, lachen & trinken, streiten seh ich uns & versöhnen, das Alter berühren & überwinden; eine ganze Zukunft seh ich, sobald ich an ihn denke. Erreichbares, Greifbares. Die Suche des Windes nach Widerständen führt ins Blau, zu den Wellen, zu V, denk ich. Zu einer Liebe, die wild ist & unersättlich, zur Seite der Münze, die stets Ja sagt. Ja zu V. Ja zum Sprung. Ja zum Versuch.

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2 Comments

  1. Danke!
    Ich habe angefangen, diesen Text zu lesen, doch geschrien habe ich ihn zu Ende. Für wenige Minuten hat deine Leidenschaft zu V. mich zurückgebracht zu C. Phänomenal ist dein Rhythmus, dein Gefühl für die Bilder. Oh, Du Wunderbare! Dir will ich hier folgen. Alles aus Deiner Feder werde ich verschlingen und es zu ehren wissen und mehr davon will ich haben! Es ist Dein Text, der meinen Duktus gerade formt. Dieser pathetische Satzbau fließt gerade unweigerlich aus mir heraus.

    Antwort

    1. Bitte. Oder: danke(hochzwei). Mehr wird’s sicher geben, das ein oder andere Mal – mit Bedenken allerdings, einem Denken, das beim ‚Wunderbaren‘ noch das R ergänzt, aber das soll ja am Verschlingen nichts ändern. Mann kann ja auch anderen Männern Denkmäler bauen, solang’s nur um die Leidenschaft geht. :)

      Antwort

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