Rom, dein Rauch im Herzen ist schwarz

Wann wird bloß die Zeit kommen, in der ich es erreichen kann, in der ich tun und nichts mehr tun kann, zur selben Zeit? Wann wird die Zeit kommen, in der ich die Zeit dazu finde! Wann wird es Zeit sein, nicht mehr falsch zu unterscheiden, nicht mehr falsch zu fürchten und zu leiden, sich sinnlos hineinzudenken, immer sinnlos nachzudenken! […] Ich will mich langsam herausdenken.*

Am Tisch ist der Fehler immer gleich: das letzte Telefonat, die Umarmung hinter Türen, der Kuss an der Brücke, beim Wind zwischen den Stühlen – als mir der Mund wund war vom Sprechen & das Herz quer lag im Hals zwischen den Worten. Ich schließe Augen wie Wunden, mit Nadel & Faden vernäh ich den Blick: Ich will gar nichts gesehen haben. Vom Körper das schlimmste: Hände, die Füße umfassen. Von der Sehnsucht das schönste: Die Grenze der Sehnsucht, der Wendekreis der Sehnsucht, Sucht, die sich ausgeht wie Salz – von nun an: ungewürzte Speisen. Wie man sich der Liebe wegen erniedrigt, wie man sich in Position schüttelt & geschüttelt wird, wie man sich abschleifen lässt vom Andren, weil man Erwartungen erfüllen muss, weil man erfüllt werden muss – mit Liebe. Das legt man sich als Wasserwaage auf die Gefühle & justiert nach. Weiter links ist noch Raum genug für solche Gedanken. Aber: Denken! Von Angst getriebenes, zur Treibjagd der Angst gewordenes Denken. Wie leicht es jetzt wäre,…

Nachts zieh ich mir das T-Shirt aus, später auch die Boxershorts. Ich liege nackt auf Stoff, der brennt an der Haut, der brennt sich ein in die Haut, der ist wie verschüttete Zigarettenglut, die alles in Brand setzt: das Bett mit dem Gedanken drin. Übrig bleiben: skelettierte Wünsche, aschene Erinnerungen. Der Mann wird vom Stoff verbrannt; ich lege mich aufs Parkett, ganz zuvorderst, direkt unter das Fenster, wo die Nacht lauert mit ihrem Wolfsgeheul, ihrem Sirenengeschrei, & die Luft ist feucht, sie drückt sich mir schwer in den Mund bis runter in beide Lungen, in die Bronchien schiebt sich die schwammfeuchte Luft & bringt mich zum Husten. Ich huste bis mir die Augen dröhnen, tränen, bis ich in den Augen auseinandergehe in drei verschiedene Richtungen & keine ist oben.

Ich stelle Malina ins Regal, lege Zweigs Kampf mit dem Dämon neben das Bett, starre. Ich starre den ganzen Tag, außer wenn V mich anruft, um zu lachen – wann lachen wir wieder? Wellenschlag V: sein Fluten & Über-Fluten, sein Vermissen & Wegstoßen, seine Eifersucht, die Salz sein will in meinem Essen, die mir bittert wie Tonic Water, die mir die Sexsucht zwischen die Rippen stößt, in jede Herzkammer: 1 Schwanz. V, der mich brandmarkt mit Zweifeln, der mir den Zweifel einnäht mit Fragen, mit Schweigen – wenn V schweigt, ist die Nacht verloren, diese fünf flüchtigen Stunden Schlaf, in denen ich unter dem Fenster liege, zusammengerollt wie ein Schal, wie eine Schlange im Korb, & starre, endlos in drei Richtungen zugleich. Selbst der Durst ist mir verleidet damit. Ich kann nicht trinken, kann nicht essen sobald V schweigt, wenn er meiner schweigt, wenn unsere Stille zur Sprache wird, die wir beide nicht beherrschen. Keiner übersetzt den anderen, jeder setzt sich bloß ins eigene Boot, rudert nach vorn & nach hinten, rudert im Kreis. Keiner kommt an.

Tage werden zu Monaten, meine Stirn ist fiebrig, die Lippen sind weiß. Ich denke an Ingeborg Bachmann in ihrer römischen Wohnung, ich denke an die Tabletten in ihrem Blut, vielleicht 28 verschiedene, vielleicht sogar mehr. Ich denke an die Zigarettenglut im eigenen Fleisch, die ihr nicht brannte. V sagt, die Zeiten änderten sich, Menschen blieben die gleichen. Heißt das: du überwindest nie? Heißt das: die Vergangenheit wird zur ewigen Notwendigkeit? Keine Antwort, es kommt keine, nur eine weitere Leerstelle. Uns mangelt an Zukunft. Uns mangelt an Perspektiven. Ich allein kann sie nicht schaffen, kann sie nicht finden im Rauch, kann sie nicht herbeireden, herbeischreiben, herbeidenken. Ich kann’s nicht allein. Wo bist du schon wieder?

Am Fenster stehend atme ich Welle um Welle, atme Wut. Ich kann nicht immer kämpfen. Gegen dich & deine Zweifel, gegen mich & meine Angst, gegen die fehlenden Lösungen. Ich kann mich nicht jeden Morgen gegen die ganze Welt rüsten, die ihr Rüstzeug bereits angelegt hat & die Waffen in Griffnähe. Ich will dich, seufz ich ins Kissen, das /\s Gesicht ist, seine Lippen & Augen, die nach Salz schmecken – & nichts passiert. Eingesunken unter meinem Atem wird alles gleich weich, unbestimmt, tot. Was also tun? Verzweifeln, am Zweifel zweifeln als Grundlage. Oder: Brennen. Wenn du nicht willst, dann — wenn ich nicht der bin, der — sobald du — solange ich — Wir könnten glücklich sein, wenn du nicht ich wärst. & ich nicht du. Ist es wirklich so leicht?

*aus: Malina (Ingeborg Bachmann)

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