Utopie, deine steinernen Briefe

Briefe, sie fallen wie Steine mir entgegen, nicht abgeschickt, nicht adressiert; sie liegen durcheinander. In der Nacht sitz ich, in der Ecke beim Schlaf, bei den Träumen, die nicht kommen wollen, & lese:

[ohne Datum]: Liebste Antipode,
in welchem Zeitraum verliert man sich eigentlich? Sich & die außergewöhnlichen Pläne, die man von sich hatte; wann verliert man den Menschen aus den Augen, der man hätte werden müssen? Ich rede mir manchmal ein, ich hätte in einer anderen Zeit geboren werden müssen – irgendwann, als Selbstverwirklichung kein Trend war & Ideale keine historische Fußnote. Oder vielleicht ist es auch das falsche Land; hier, wo Schuld ein vorherrschendes Thema ist & Vergessen ein inakzeptabler Prozess. Vielleicht wäre man in Amerika besser aufgehoben gewesen, in Frankreich, in England. Vielleicht war die Erziehung doch einfach die falsche & der Wille zum Besseren im Grunde zu schwach… Letzten Endes weiß ich, dass ich Ausreden sammle – heute noch, wie schon vor sechs Jahren. Ausreden sind wie Schutzmauern; ich bin ein Meister der Selbstverteidigung, schwarzer Gürtel. Längst hätte ich glücklich sein können. Das
eine Buch ebenso geschrieben wie ein Dutzend andere, vielleicht sogar bessere; dazu mal eine Beziehung ganz ohne Sabotage-Akte – eben ein Platz an der Sonne. Einen noch näheren…

Ich blase meine Backen auf & verdrehe die Augen. Vernarrt ins Unglück, ins Nichtglücklichseinwollen, ins ewige Scheitern:

[08.08.2011]: Dearest Sister of Amok,
was Sehnsucht ist & lauer Widerstand… Ein Leben, in dem man sich wiederfindet wie in einem fremden Haus. In einer dieser Berliner Nächte, in denen Straßen & Himmel einander begegnen – so, als gehörten sie unweigerlich zusammen, als wären sie für einander bestimmt. & die Fußgänger gehn drüber weg & drunter durch, als wäre nichts gewesen. Als wäre Montagmorgen wichtiger als Sonntagabend. Als wäre der Drang zum Küssen schlechter als der Drang zum Morden. & auch die Autos bleiben nicht stehen.

Wie fremd alles klingt, wie es sich anfühlt im Mund. Ich spreche laut, jedes Wort hallt mir nach wie ein Schuss:

[Feb. 2012]: Cher R.,
akut sein, jetzt sein, das heißt in Wahrheit überhaupt nicht zu sein. Also war es plötzlich wichtig, sich richtig gehen zu lassen. Wieder das Trinken anzufangen. Drogen zu nehmen, die nach nichts schmecken außer nach der Bitterkeit der kommenden Tage. Tanzen & tanzen, die Welt dreimal verleugnen, & am nächsten Morgen nicht mal den Hahn krähen hören. Ein Leben, das sich selbst abwesend ist. Ein Leerstellenleben. Ich habe es mir dabei ziemlich leicht gemacht. Ich wollte keine weitere Verantwortung; wollte nicht die Lasten des Unglücks, das jemand Schlaues an die Unterseite des Glücks gebunden hat. Ich wollte nicht seicht sein in meiner Zufriedenheit, sondern laut & wütend; ich wollte rasen im Verschlingen der ganzen Welt. Dabei habe ich mich nur wie ein Teenager benommen. Willenlos & jeder Laune folgend.
[…]

Ich habe ein Mädchen kennengelernt, sie heißt Zoey. Sie ist kleiner als ich, jünger als ich, sie raucht Zigaretten – irgendeine polnische Marke, deren Namen ich ständig vergesse. Sie spricht nicht sonderlich viel. Ehrlich gesagt erinnere ich mich jetzt nicht eines ihrer Worte. Vielleicht rede ich auch zu viel, oder ich habe mich zu sehr an die Abwesenheit von Stimmen gewöhnt. Ich weiß es nicht. Sie ist hübsch, eigentlich. Hübscher als andere Mädchen, in die ich verliebt war. Wenn sie bei mir ist, steht sie lange am Fenster & sieht auf diese Straße raus, als könne gleich etwas passieren. Irgendein Unglück, ein Raubüberfall vielleicht oder ein Autounfall. Natürlich passiert nichts. Sie steht nur da, trinkt einen Kaffee, der immer bitter ist – selbst mit ganz viel Zucker. Wenn sie am nächsten Morgen sich aus Bett & Haus schleicht, bleibt damit meistens mehr von ihr zurück, als wenn sie bliebe. […]

Stattdessen rede ich mit S., den hab ich durch Zufall in einem Restaurant kennengelernt. Wir reden & reden, wir können nicht aufhören damit. Intelligent ist der, & charmant, er lächelt sehr viel. Wir waren jetzt bereits öfters was trinken. Er raucht nicht. Er kann beim Gehen nur nicht auf einer Linie bleiben; seine Schultern suchen wie zufällig meine. Das fiel mir schon beim zweiten Treffen auf. Männer, die keinen Kurs halten können, die wollen etwas, die sind unersättlich. Ich weiß nicht, woher ich das weiß. Aber ich sehe es seinen Augen an.

Ich falte & falte, die Briefe nehm ich zusammen wie Fächer, stopfe sie in einen Briefumschlag, den ich versiegle mit rotem Wachs, den leg ich in eine hölzerne Kiste, die einstaubt, vollgestellt mit Büchern ist die & mit Erinnerungen gefüllt bis zum Rand, mit Fotos & Flyern, mit Tickets & Amuletten, ein ganzes Leben passt in diese Kiste, deren Deckel kaum schließt. Das ist, was gewesen ist, denk ich. Das ist ein weiterer Abschluss, ein notwendiges Ende für einen Neuanfang. Denn neu anfangen will ich. Alles anders machen, anders, diese Utopie. Natürlich kann ich mich nicht selbst überwinden, es gibt kein Ich in mir, das sich mir aus dem Weg gehen kann. Stattdessen sitze ich vor Vs Schweigen, seinem absoluten Schweigen, dreh den Ring mir am Finger bis er wund ist & rot, lese weiter Zweig, in der Hoffnung, V liest zur gleichen Zeit dieselben Sätze, & denke, stürze dem Denken entgegen, endlos denk ich & ohne Rettung. Anders muss es werden. Diese Briefe & die Vergangenheit, die in ihnen lauert, gehören bereits demjenigen, der zurückgelassen wurde. Den gibt’s nicht mehr, der ist nur noch erinnert von demjenigen, der heute Ich sagt zum Spiegel. Warum festhalten am Scheitern, warum sich das Scheitern zur Krone machen & über das Verlorene herrschen wie ein verrückter König über ein untergehendes Reich? Warum das Gedachte nicht umsetzen – nicht schreiben, wie es geschrieben werden muss – nicht werden, was werden kann?

Ich will nicht länger warten. Nicht nur nicht auf dich, sondern auf mich selbst nicht. Auf den Entwurf, den entworfenen Menschen, den Verwurf der Menschen, den Auswurf. Ich will nicht mir selbst etwas nachwerfen, das ich nicht fangen kann. Aber wollen will ich, anfangen & beenden will ich, etwas geschafft haben, einen Abschluss finden, den Kreis endlich schließen. Das ist das Ziel.

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