Gold

Was für ein unsinniges Glück am Leben zu sein.

In der Sonne, goldgebadet, & der Himmel ist blau.
Der Chai in der Tasse & alles ist warm.

Sie sitzt da & lacht, weil ich es gerade dringend brauche; sie lacht über sich & die krummen Nägel in der Wand, über die Bilderrahmen, die sich stapeln; sie lacht über uns, die wir mal jemand andres waren, die wir jetzt heute sind, über die kommenden sie&ichs lacht sie auch, & ich? Lache mit bis mir die Tränen kommen.

Ein neues Lied. Der Beat wie Herzschläge, die Gitarren, das Tamburin. Ich bin verliebt in diesen Song, sag ich & wippe mit dem Kopf, mit den Füßen. In der U-Bahn sitz ich. Die Frau vor mir zupft dem Kind auf ihrem Schoß die Haare zurecht; das Mädchen weint nicht, es staunt bloß, staunt. Als ich aufstehe, sehe ich alles ganz genau. Die Blumen im Papier, den Pappbecher zwischen zwei Händen, einen Schal mit roten Rauten, den Boden, der glänzt.

Das Buch, das ich lese, wickelt mir eine Sprache um Zunge & Zähne, die mich ganz verwirrt die Seiten knicken lässt; da sind Wörter, die prasseln & hageln, die gehen nieder wie Regen, im Gewitter steh ich & bin ganz vernarrt, blättere vor, zurück, lese von vorn. There are some days when everyone I see is lunatic.*

Ganz tief vergraben, da ist die Angst, eine unsterbliche, die Angst vor dem Zorn der Götter, vor den blutenden Zähnen, den Testergebnissen, die Angst vor dem Sterben, die sich mir unter die Haut schiebt wie Messer, die Angst vor dem Virus, der schwer ist & stachelig an allen Rändern, die Angst, die keine Namen mehr kennt, keinen Halt & keinen Frieden – natürlich ist die da, ganz tief unten, in den Minenschächten, & ruft. Soll sie.
Ich gehe leicht durch diesen Tag, durch diesen & den nächsten, gehe durch das Licht, das alles unsterblich macht, was es berührt, & vielleicht geh ich bereits zwischen Toten, aber ich gehe, hebe Kopf & Hände beim Strecken nach Wind. Lebe. Bin.

Glück, sagen sie, begreife man erst immer hinterher. Sie lügen. Glück ist auch dann erfassbar, artikulierbar, sobald man’s erlebt. Sobald es über einen kommt. Sobald es da ist – als wäre man selbst ein Hotelzimmer & das Glück ein gern gesehener Gast. Alles ist, ist jetzt & ist gut & ist einfach, alles in Bewegung, alles springt in jede Richtung zugleich & alles ist möglich & ich bin frei, frei, frei, frei wie ein Mensch nur sein kann – ein Sein & Werden, ein Gewesensein:

Hände suchen Wassergläser, finden Kaffeetassen;
eine Stückchen Schokolade zwischen den Lippen;
ein Blick, eine Berührung, ein Kuss & doch keine Liebe,
unser wildes Begehren,
ein Tanzen unter roten Lampen, das T-Shirt feucht auf der Haut,
& alle wollen, wollen wieder staunen,
beim Berühren: blaues Licht zwischen unseren Fingern,
das geht nicht vorbei, das wird uns bleiben, das Lachen am Telefon, die Verlegenheit vor vier Tellern, die Gitarre & das Klavier & eine Stimme wie erinnert, eine Stimme, die weit wird, eine Sehnsucht ohne Traurigkeit, ein wippendes Bein & die Weingläser, die viel zu groß sind für unsere Hände;
hier: unsere gestempelten Gelenke, unsere geröteten Augen & die Klamotten stinken nach Rauch;
der buddhistische Mönch auf der Straße, der einem ein kirschrotes Armband aufschwatzen will, das man für weit weniger nimmt, weil man sich nicht betrügen lassen will,
hier: eine geworfene Münze,
& der blaue Himmel;
hier: der Geruch von Leder & die Stäbchen mit denen man ums letzte Maiskorn kämpft auf zwei Tellern, lachend;
die Seiten, die aneinanderkleben & man haucht zwischen die Worte, man haucht sich selbst ins Buch & fummelt zwischen den Fingerspitzen das Papier entzwei & rollt mit den Augen;
Wunder, überall,
Berlin wie befreit von bösen Geistern,
& du & ich, wir gegen die Reste im Kühlschrank, gegen die Pfandflaschen in eingerissenen Plastiktüten, gegen die Angst im Minenschacht, gegen den Regenschirm, der sich umstülpt im Sturmwind, gegen Umzugskartons & blaue Flecke;
wir, die wir lachen, lachen jetzt,
hier: dein ganzes Leben in Augenblicken,
an einem goldenen Herbsttag im September ,
dein unsinniges Glück,
ein glückliches Leben.

*aus: Speedboat
von: Renata Adler

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