Fragment einer Liebe

1.

Sie hieß Marlene. Dabei sprach sie das E nicht am Ende, & es klang mehr nach Marlän. Sie war durchschnittlich groß & durchschnittlich hübsch, mit ganz blondem Haar, das sie sich straff im Nacken zusammengebunden hatte, & blauen Augen, die schwarz sein wollten; sie lächelte viel. Im Schneidersitz saß sie auf dem indischen Kissen & rührte in ihrer Tasse den Tee. Draußen: der Regen.

Warum täusch ich mich nie in Menschen?, fragte sie. & ich, der ich mich immer täuschte, wusste nichts zu sagen. Deswegen studier ich Psychologie, weißt du? Weil ich mich nie täusche. Wusste ich, klar. Ich hatte sie vor den Fenstern des Insituts kennengelernt; durchs Glas hatten wir geschaut, beide nebeneinander, mit kalt gewordenem Kaffee in Plastikbechern, & hatten erst nichts gesehen. Dann: uns. Wir waren uns begegnet wie alte Freunde, hatten gelächelt, geredet, uns verliebt. Während der ersten Vorlesung saßen wir Tisch an Tisch, sie roch nach Marzipan, ich nach der letzten Nacht, & später gingen wir über zu lange Straßen zurück ins Zentrum der Stadt. Jeder in seinen eigenen Weltmittelpunkt.

Rauchen ist ungesund, hatte sie gesagt & ich? Hatte genickt & nicht im geringsten verstanden, was sie damit meinte. Ich rauche nicht, sagte ich & schwieg daraufhin gleich. Wir trennten uns unverbindlich, indem wir unsere Nummern tauschten, & trafen uns am nächsten Tag wieder.

Es war abends & die Leute waren alle schlecht gelaunt. Wir standen vor der Abendkasse, die Schlange vor uns war lang. Von weither pochten Bass & Stimmen. Unruhig öffnete sie ihr Haar, & schloss es gleich wieder. Sie band & knotete stets aufs Neue, unermüdlich. Ich glaube, ich will da nicht rein, ist das ok? War es, klar. Also gingen wir durch Friedrichshain, das ganz hell war mit seinen großen Schaufenstern. Da – das Papierwarengeschäft, in dem eine Frau mit spitzen Fingern rote Briefumschläge faltete; dort – der Kiosk, in dem ein Mann vor der Kühlschrankwand stand, mit zwei Club Mate in der Hand. Alltag, Wiederholung, Ohnmacht. Wir gingen zügig durch buntes Laub, das grau wurde & nass; es hatte zu regnen begonnen. Berlin kann so faulig sein, sagte sie & nippte am Bier. So langweilig, so tot. Wenn ich hier fertig bin, dann will ich raus in die Welt, vielleicht nach Japan zurück. Ich war noch nirgends gewesen. Ich hatte nur Berlin. Wenn ich mir vorstelle, dass es Leute gibt, die den ganzen Tag nur vor dem Computer hocken, dann wird mir ganz schlecht, dir nicht auch? Ampeln, die roter waren als sonst, begleiteten uns. Wir gingen ziellos im Kreis, überquerten die Warschauer Brücke, die unter all diesen Menschen nicht zittern konnte, obwohl sie es wollte, & kreuzten fremde Gesichter aus unseren Augen wie Tage in einem Kalender. Man braucht doch irgendein Ziel, irgendeinen Fixpunkt. Wir gingen zurück zu den Gleisen. In ein Herz aus Lichtern & Lärm.

In der S-Bahn waren die meisten betrunken, jemand aß Döner. Sie wollte aussteigen & küsste mich stattdessen. Wir hielten uns fest aneinander, als eine Touristengruppe einstieg, eine neue Füllung für ein altes Leben, & dann sprach plötzlich jeder Englisch. Wir wussten nicht, wohin, aber meine Wohnung lag auf dem Weg. Zumindest behauptete sie das. Ich wusste nicht, wo sie wohnte. Also stand ich zwanzig Minuten später in der Küche, & zerbröselte die Kräuter zwischen meinen Fingern. Sie trank ihren Tee mit einem Löffelchen Honig, ich ohne alles. Sie ging durch den Flur & strich den Staub von den Kommoden, von den Türklinken, den Büchern im Zimmer, ich holte zwei Decken. Sie setzte sich auf das Kissen, direkt neben den Sessel, & rührte den Tee. Ich wusste nicht, wohin. Du bist ganz schön unbeholfen für dein Alter, sagte sie & zog sich den Pullover über den Kopf. Ihr BH war beige, beinahe farblos. Ihre Brüste fest unter meinen Fingern, weich, warm. Sie schmeckte salzig wie Karamellbonbons aus der Bretagne. Wir saßen lange im Bett – ich in der Ecke, wie ich es gewohnt bin, & sie auf der Kante, die zwei Decken um sich, wie eine Nomadin. Die Nacht war immerhin kühler geworden, auch in der Wohnung. & draußen hieb der Regen auf die Straße ein, zwei Boxen im Ring, & beide schlechte Verlierer.

Du liest zu viel Romane, sagte sie. Ich werd dich Don Quixote nennen müssen, wenn du so weitermachst. Ich mein… wo ist dein Lacan, dein Jung? Du bist auf gar nichts vorbereitet. Sie war 21. Ich sieben Jahre älter, & müde vom Sehen. Ich strich ihr das blonde Haar hinter die Ohren; das mochte sie nicht. Also stand sie auf, & ging langsam durchs Zimmer; sie ging im Kreis mit einem Gedichtsband zwischen den Fingern, den sie nicht las. Mir wurde ganz schwindlig von ihr. Willst du nicht mal raus, mal weg? Jeder will weg, sagte ich. Jeder will woanders sein, irgendwann. Aber man ist immer irgendwo. Jetzt – hier. Dann – dort. Wir saßen am Fenster, & hörten den Verkehr auf dem nassen Asphalt. Wir sind da, & wenn nicht wir, dann jemand anders. Borges sagte, alles sei bereits anwesend; jeder Neudazugekommene vertritt den Abgegangenen. Dabei ersetzen wir nicht, wir erweitern bloß. Das ist doch alles dummes Zeug, sagte sie & strich sich das blonde Haar hinter die Ohren. Psychologisch gesehen jedenfalls.

Sie ging mit meinem Kuss auf den Lippen. Ich blieb am Fenster zurück, die nackten Füße auf dem Sims, der nass war vom Regen. Alles will man hinauszögern: den Orgasmus, die Verantwortung, das echtere Leben, die größere Liebe. Nichts will kommen außer ein bisschen Sperma in ein Loch gespritzt & ein flüchtiges Stöhnen hinter vorgehaltener Hand. Jeder vergleicht alle Möglichkeiten, & stets entscheidet man sich für das Bessere, das es in Wahrheit nicht gibt. Hatte sie das gesagt, oder ich? Plötzlich: dieses Bedürfnis nach einer Zigarette. Oder nach Gin Tonic mit Eis.

2.

Eine Woche später begegneten wir uns zufällig wieder; sie verließ ein altes Seminar, ich betrat ein neues. Um uns war Glas. Menschen, die sich aufteilten in Gruppen, die wie ganze Körper von links nach rechts kippten & sich durch Öffnungen schoben, die viel zu klein für sie waren. Hinter den Türen löste sich alles auf in Einzelnes, in Männer & Frauen; so viele Chancen auf Glück. Die Inflation der Dinge, sagte sie zur Begrüßung. Das ist doch echt ermüdend. Also, du & ich? Sie öffnete & schloss ihr Haar wie Türen & Fenster, sie zog sich das Haargummi aus Knoten & Wirbeln & stülpte es sich über ihr Handgelenk; erst das rechte, dann das linke. Komm mit, sagte ich, & zog sie am Arm. Wir kreuzten Ecken & Gesichter, wir kreuzten uns aus & schrieben nichts stattdessen. Durch den Abend, der rot war & schwer mit gelben Wolken, gingen wir, bis zur S-Bahn zurück, die ganz leer war. Küssen musste ich sie; eine Hand auf ihre Brust legen, die sich senkte & hob, die mir ein Pendel war & ihr ein kindisches Kichern. Du hast nichts mehr von dir hören lassen, sagte sie & behielt Recht.

Berlin bot uns einen Markt, der in zwei Richtungen führte, & beide waren zu laut, also schlängelten wir uns zwischen zwei Häusern hindurch in einen Hinterhof, & staunten über die bunten Blätter des Wilden Weins an beiden Hinterhauswänden, weil sie rot waren & gelb & ganz viel orange, denn der Herbst war hier & hauchte in unsere Augen. Hier: Ein Knistern unter den Schuhen & eine Luft voller Farben. Wir zogen uns gegenseitig über die Landwehrkanalbrücken & sahen Schwänen nach, die nicht fliegen wollten; die schwammen & schwammen im Kreis & das Licht funkelte unter ihrem weißen Gefieder wie Sonnen. Du bist komisch, sagte sie, & du solltest echt aufhören mit Rauchen. In einem Café an der Ecke knickte sie alle Zeitungen gegen den Falz & umkreiste mit einem roten Stift jedes V in jedem Artikel. Irgendwer wird darin ein Muster erkennen, sagte sie. Jemand wird sich fragen: Warum? Ich fand es bescheuert.

Wohin gehn wir als nächstes?, sagte sie & band sich zwei Zöpfe. Die Donnerstagsunruhe trieb uns fremde Blicke entgegen: zwei Männer nämlich, die lachten ganz breit & boten uns Bier an auf der Admiralbrücke; Bier, das nach all dem süßen Tee viel zu bitter war für unsere Zungen, aber genau richtig für mein hüpfendes Herz. Lautes in den Knochen wollte tanzen, also suchten wir schmale Türen mit schmierigen Mustern & dahinter: Musik & Alkohol & Rauch. Die Decke war zu niedrig für uns, nur für Marlene nicht, denn Marlene war Durchschnitt, & Durchschnitt war kleiner als wir; sie fand das ganz toll. Diese zwei Spanier & ich tanzten um die Bar, aus Holz & Leim & ganz viel Eisen; wir rannten wie Kinder um Menschen & ihre ausgestreckten Hände, die nach Gläsern greifen wollten, die noch nicht voll genug waren. Einer der Spanier, Luis, sah mich lange an, & wollte nicht aufhören mit Reden, aber Marlene sagte: Halt doch endlich mal den Rand, & auch wenn Luis nichts verstand, er konnte kaum Deutsch, lachte er laut & trank sein Bier stumm. Wir tanzten. Wir tranken. Wir riefen einander mit Namen & erschraken aufgrund unserer Stimmen. Wir küssten uns, liebten uns, wir vergaßen die Zeit, die keinen Platz hatte zwischen all diesen Menschen. Das ist die Jugend, sagte Marlene & raufte sich ihr blondes Haar. Als ob ich nicht gewusst hätte, was es bedeutet, jung zu sein.

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One Comment

  1. Youth, sweet youth :)

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