I’m covered in skin

1.
Diese Unteilbarkeit erleben, das Unteilbare überhaupt, ein atomares Jetzt: Ich in meinem grau-schwarz-gestreiften Strickpullover – dem ist vor Jahren mal der Reißverschluss verreckt, & eigentlich war er mir auch immer viel zu eng, wenn da nicht die letzten Monate gewesen wären, das Abzehren, Aufzehren, unerklärlich für jeden inklusive mir, ein Sich-abgenommen-Werden: hier – mehr Rippen & Knochen, die sich versteckt haben, die kommen jetzt ans Licht, & Muskulatur, die immer da war, aber sich nicht zeigen wollte, ganz genant, spannt sich jetzt straff -, & ich, der in diesem Strickpullover sitzt wie verirrt, bin dankbar. Dieser Körper passt. Ich bin gesund, ich lebe, lebe, lebe, ich bin frei. Gut, wie man sich selbst verorten kann, einen Halt geben, einen Stuhl zum Sitzen.

Also trinke ich den Tee, der nach nichts schmeckt, aus dieser einen, dieser bestimmten Tasse & fühle mich gut. Die Tasse ist weiß mit feinen schwarzen Streifen; das Muster könnte von mir sein, ein bisschen kindlich & schief, dafür ganz schlicht. Ist es diese Schlichtheit gewesen, die ich hatte besitzen wollen, diese Einfachheit? Vielleicht, weil nichts einfach ist, nicht in meinem Leben, noch im Leben an sich, dem Leben der Menschen? Ja, vielleicht. & um es komplexer zu machen, weniger clichéhaft, war der Kauf dieser Tasse vom letzten Münzgeld möglicherweise auch ein weiteres Eingeständnis ans Scheitern: Mit bloßen Dingen erreicht niemand jemals die Erleuchtung. & doch, diese Tasse, die will mir Wahrheit einflößen, reductio, so, als würde der Tee darin plötzlich zu Weihwasser & ich zum gläubigen Menschen.

& da ist sie, die Unteilbarkeit: das Anheben der Tasse, das Abschlürfen mit spitzen Lippen, der warme Wirbel in Mund & Rachen, das Senken der Tasse. Im Hintergrund spielt Hozier & Spoon, das hör ich allein, & gehe mit einem doppelten Paar Socken durch die Wohnung, weil das Parkett klamm ist & die Fliesen im Flur viel zu kalt zum Stehen. Im Bad, da riecht’s nach frisch gewaschener Wäsche, in der Küche nach Knoblauch & süßen Gewürzen. Ich fühle mich endlos, zeitlos – mit 29 Jahren fühle ich mich zeitlos, wie absurd – so, als könne alles einfrieren in dieser Etappe. Als hätte ich mich in dieser Fallstrick-Ewigkeit verheddert. Die Folge? Ein Sturz in Trugschlüsse. Auch ich bin sterblich, klar. Darum geht’s nur überhaupt nicht. Ebenso wenig wie um Strickpullover oder Teetassen übrigens.

*

2.
Ich lese Max Frischs Berliner Journal [1973] & Spazieren in Berlin von Franz Hessel & Berlin durchwirkt mir die Tage, die einzelnen Stunden. Die Stadt als Getriebe, die Stadt als Zuhause, die Stadt als Stadt & ich darin, der Städter, der Exilant, der eine, der blieb, beginne langsam zu ahnen, was das heißt, in Berlin zu leben, die Stadt Berlin nicht nur als Historie zu begreifen, nicht nur als Kulisse für alle Enthusiasten, denn Berlin ist nur was für Liebhaber.

Die Stadt ist nicht umsonst, die kostet dich einen Preis, wenn du hier leben willst, manchmal auch ganz viele. Berlin fordert & zehrt; als Taumelnde ganz dicht an allen Kanten, macht sie dich trunken, der vertraust du alles an & hast plötzlich ihre Faust im Magen, das meint die nicht böse, so tanzt die halt, die schlägt manchmal aus wie ein bockiger Esel, komm, hier haste ’ne Molle, wird schon wieder, wird alles gut, & später, wenn alles gut geworden ist, ist trotzdem der Taumel noch da. So eine Großstadtfaust verschwindet nicht von selbst. Kämpfen muss man. Jeden Tag. Gegen den Wind in den Straßen, der einem im Winter die Haut ablöst. Gegen die Menschen in den S-Bahnen, die alle sitzen wollen, obwohl ein jeder stehen muss. Gegen den Stress, der dich rennen lässt, selbst wenn du keine Ziele hast – & keine Eile. Gegen dich kämpfst du da, gegen dich & die Erwartungen, dass du dann anonym sein kannst, wenn du es am meisten willst – nur um dem letzten Herzensbrecher direkt in die Arme zu laufen; dass du umschwirrt sein kannst von allen Freunden, wenn du es am meisten brauchst – nur um irgendwo festzustecken, weil die Züge nicht fahren.

Ich lese von Frisch, einem bereits alt gewordenen Frisch, dem selbst der Monteur noch vom Gantenbein vorschwärmt, & ich habe noch nicht mal seinen Homo Faber gelesen, & dieser alte Frisch entdeckt Osten & Westen, zwei deutsche Länder, die’s so gar nicht mehr gibt, nie mehr geben wird, & ich bin in dem einen Land geboren & viele meiner Freunde in dem anderen & alle sind wir heimatlos & haben’s echt noch nicht begriffen, & ich? Ich habe dieses irrsinnige Bedürfnis, endlich anzukommen. Als wär ich nicht schon lange da, aber Ankommen, das erscheint mir so offensichtlich existentiell, als wäre das der Grund für alles Auseinanderfahren. Als müsse ich nur Wurzeln schlagen. Als müsse ich Bescheid wissen über die Kirchen in meiner Nachbarschaft, die Straßennamen, die Cafés, als müsse ich alles auswendig können, die Ahnenliste der Hohenzollern, die Anekdoten über Kaiserzeit & Republik, als müsse ich die Fäden verknüpfen, die der Nationalsozialismus auseinandergeschnitten hat, als könne sich nur so meine Vergangenheit vollständig von mir abpellen, die alte Kartoffelhaut, der Süden als ungenießbar-bittere Schale. Es verspricht: Einen neuen Menschen, ein neues Leben.

Ich suche also einen Job, einen neuen, glänzenden, & finde dabei, wie zufällig, eine Ausschreibung als Stadtführer.

*

3.
Ich wache ohne dich auf. Im Grunde bin ich jeden Tag meines Lebens ohne dich aufgewacht, selbst, als du noch neben mir gelegen bist, & eigentlich habe ich mich auch daran gewöhnt. Wen vermissen, wenn das Bett warm ist von der eigenen Haut? Das sag ich mir morgens. Meine Hand, die rechte, sucht die Tapete manchmal trotzdem nach deinen Spuren ab, einem Flecken vielleicht, einer abgeschlagenen Kante; sie findet nichts. & nachts, wenn die Träume mir unruhig werden zwischen den Lippen, wenn ich seufze, die Träume ausseufze, damit ich nicht an ihnen ersticken muss, dann denk ich an dich. Du bist gesichtslos in meinen Träumen, gehst schnell von Raum zu Raum, ich kann dich kaum sehen – sogar wenn ich dich träume, seh ich dich kaum. Beim Aufwachen bleibt mir nichts, keine Erinnerung daran, dass wir uns mal festgehalten haben könnten; dass es Umarmungen gab, Küsse. Dass wir uns beim Namen nennen konnten.

Morgens ist das Zimmer schief, vom Bett aus zumindest, & die Wände sind voller Schatten. Ich wache vor dem Weckerklingeln auf, starre durch den Raum in Richtung Fenster & manchmal, dann seh ich dich da stehen, fremd & größer als in Wirklichkeit, aber ich seh dich, die Hände verschränkt & die Blicke draußen beim Verkehr & dieser Schatten, der nichts als ein Wünschen ist, geht beim Blinzeln auseinander in alle Ecken. Es bleibt das Fenster, das langsame Tagwerden. & ich in meinem Bett.

Du willst erzählt sein, willst herausgetrennt werden aus all den anderen Geschichten. Du willst die Sonne sehen, blaue Himmel. Dafür musst du auch geschehen, denk ich. Dafür muss aus der Erinnerung mehr werden als die lückenlose Aneinanderreihung von Ereignissen. Die langen Nächte, sie sind die schlimmsten, die stillen, langen Nächte, in denen nichts geschieht. In denen ich nicht jage – die Augen hungrig, die Hände trocken & schwer -, sondern mich geschlagen gebe, dem Fallen einen Boden biete, einen Aufprall, & mich still in die Ecke setze, zu einer Kurzgeschichte von Bolaño vielleicht & einem Schnapsglas voll Baldrian & langsam & erschöpft absinke, in eine Ohnmacht weniger Stunden; das nenn ich Schlaf. Was nenne ich Leben?

Meine Müdigkeit. Die geht mir ziellos durch die Augen, die wartet nicht auf dich. Ich werde nur immer älter & älter. Meine Haare werden weiß, die Falten kommen auch; ich begreife allmählich, dass das so bleiben wird. Dass das nicht vorübergehen wird. Dass die Narben nur verblassen werden, aber mehr auch nicht. Verblassen heißt nicht verschwinden. Das – das bin ich, ein Werden. Ein Hinneigen. Manchmal auch ein Stürzen. Ein Mensch, der älter wird, der alt ist, der stirbt. & was ist mit demjenigen, der geliebt wurde – der geliebt hat – & beides synchron? Wo ist der hin? Kommt der denn wieder?

Ich frage mich, wie viel von dem, was mich fühlen lässt, bereits Verbitterung ist, ein Augenzwinkern & Besserwissen. Dass man sich doch wirklich nicht mehr aufhalten soll mit all den Glückskeksweisheiten. Dass das Warten wirklich keine Lösung ist, das war es noch nie, & morgen, so um 3, werde ich Kuchen kaufen & den Vanille-Tee aufkochen, werde mit schweren Löffeln im leichten Porzellan herumklirren, & ihr gegenübersitzen, der Freundin aus Kindertagen, & über die letzte Woche reden, lachen & mir mehr vom Kuchen wünschen, Tee nachgießen. Die Unteilbarkeit werde ich dabei erneut zu überwinden suchen, diesen Moment der Leerstellen, die mir im Herzen sind. Ich werde lauter sein müssen als die Stille, werde mehr lesen müssen, mehr schreiben, mehr denken & vor allem: mehr versuchen müssen. & vielleicht wird das nie auffhören.

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