Herzfinger

1.
Leere Flaschen unter vollen Tischen, daran muss ich denken. An Aschenbecher, zerkratzte Stuhllehnen, an Kronkorken & zerknicktes Papier. Am Fenster sitz ich, die Tasse Kaffee in einer Hand, in der anderen das Handy. Im Hintergrund läuft Joy Division, jetzt schon zum zweiten Mal das ganze Album. Morning seems strange, almost out of place // Searched hard for you and your special ways. Fuck, Ian, ja.

Das Exil, das sich draußen, hinter Glas, in alle Richtungen streckt – eine Weihnachtslandschaft à la David Lynch –, liegt bewegungslos & dunkel. Irgendwo rufen Männer ihre Namen in die Nacht, Hunde antworten – hinter zehn Ecken: ihr müdes Bellen, man sieht sie nicht, niemanden sieht man heute Nacht. Da sind nur die Fachwerkhäuser, eins neben dem andren, seit Jahrzehnten schon, seit Jahrhunderten: die alten Giebel, dazwischen: gewundene Lichterketten, die sich von einer Dachkante zur nächsten spannen, baumelnd: die Glühbirnen, die matt leuchten, schummrig. Die Straßen sind alle mattgelb & schwarz. Weihnachten. Immer wieder, Weihnachten. Irgendwo schlägt eine Tür, leere Flaschen, es können nur Bierflaschen sein, kullern über Kopfsteinpflaster. Was ist uns heilig?

2.
Der Kaffee ist kalt, das Handy warm gehalten von den eigenen Fingern. She’s lost control again. Mir geht das Wort Hagelzucker nicht aus dem Kopf, immer wieder zerbricht es mir wie Zähne, klickert & klackert, bleibt hart & süß auf der Zunge. Ich sollte ein Gedicht schreiben, denk ich & finde keinen Stift; ich suche & suche, schiebe Schubladen auf, wühle Papier – & gebe auf. Ich nehme eine Handvoll Plätzchen aus der sternförmigen Schale – sie hat einen Goldrand & ist sonst ganz aus Glas, schwer & wuchtig, mehr Sonne als Stern –, & starre raus in die Nacht, die nichts zeigt, außer mich: eine zerzauste Frisur, den braunenfastrostroten Bart, die Augenbrauen, jedes Haar steht mir ab. Wenn ich mir nur in die Augen sehen könnte, um mich zu sehen. Stattdessen: Oberflächen, durchsichtig, flüchtig – Hologramme. Ich sehe einen Fremden.

Oder bin ich ein Update?

Ich trinke den Kaffee aus & wünsche mir, ich hätte eine echte Beschäftigung für meine Hände, sie halten alles bloß fest, sie tun nichts. Erschaffen nichts. Sie liegen auf meiner Haut, die kühl wird am Fenster, & wünschen sich seine Haut, die warm ist, fest – fern. Ich sitze in einem Kostüm der Sehnsucht hier, sitze mit einem Kopf voll Flausen, sitze in mir, an einem Bahnsteig ohne Gleise, & kaue alles kurz & klein, was ich finden kann: Die Plätzchen, die belegten Brote, die folgen, Knödel & Rotkraut, die Seitan-Würstchen, ich kaue & kaue bis es nichts mehr zu kauen gibt. Dann fange ich mit dem Trinken an.

3.
Ich habe Erinnerungen an ein Leben, das noch zu leben ist. Ich erinnere mich an rote Straßen, die Lichter spiegelnd in Pfützen; Schriftzüge, groß & grell & blinkend; Menschen, die Regenschirme schief, die es eilig haben; da sind Städte, die ich nicht benennen kann, die ich nie gesehen, nie bereist habe, vielleicht nur Fiktionen, Erinnerungen an Italo Calvinos unsichtbare Städte, aber vielleicht auch nicht; meine Träume sind wild & bunt, sie schieben Atompilzwolken über kobaltblaue Himmel, legen mir A. ins Bett, seinen karamellnen Körper, seine fiebrigen Muskeln, die eins werden mit meinen, seinen Mund, die braunen Augen, & ich wundere mich morgens, dass ich nachts so wenig schreibe, wo mir doch das Herz bis zu den Ohren schlägt, die Ohren einschlägt, dass ich so viel zu sagen habe & doch nichts sage. Ich träume von London, heftig & wie mit nassen Fingern auf Glas geschmiert, die Skizze einer Stadt, die ich von einem einzelnen Wochenende kenne & damit überhaupt nicht.

The Cure spielt. Daylight licked me into shape // I must have been asleep for days, ja, Scheiße, denk ich. Ja. Hungrig vom Trinken sitz ich am Fenster, höre die Männer, all diese Laute, wie von Ertrinkenden, ein Gurgeln. Vielleicht kotzt ja einer. Ich sollte wieder mehr Sport treiben, denk ich. Mehr Gedichte schreiben. Ein Ziel setzen!

Da werd ich plötzlich unruhig.

Natürlich ist da der Strich: Berthe, die durch die Zimmer geht, eine Hand an der Klinke, vergiss mich nicht, nein, nie!, & dann der Wind, der sich raschelnd in den weißen Vorhängen verfängt. Alains Schuhe im Flur, ein Bild vom See. & die Suche nach Balance ist eine Suche nach Zeit ist die Suche nach Liebe ist eine Suche nach Geld, ist ein Leben zwischen zwei Räumen, mein Türschwellenleben. Da wartet dieser neue Job, das bedeutet erst mal Durchatmen, finanzielle Stabilität, ohne die gibt’s keine gesunden Gedanken. & da ist A., ein Sprung in zwei Richtungen zugleich. Das viszerale Vermissen, dieses Unter-der-Haut-Sein, das neu ist, unbekannt; das hat mit einem einzigen Blick begonnen: die Verknüpfung zweier Leben, die Kopfhörerkabel zwischen unseren Fingern, die Knoten unserer Beine, eine Gewissheit, & wir, die wir nach Wörtern suchen, finden uns stattdessen.

4.
Als die Sonne aufgeht, sitze ich bereits 8 Stunden am Fenster. Der Himmel ist grau, beinahe farblos; so muss der Himmel in der Hölle aussehen, denk ich. Meine Finger sind kalt, die Hände & Arme, mein Gesicht fühlt sich so an, als hätte es Gefrierbrand. Lebendig sein, nein: lebendiger sein. Darum geht es. Mehr riskieren, den Auftrieb nutzen, nicht durchdrehen, weil Durchdrehen was für Pussies ist. Die Hände lassen das Handy los, die Augen rutschen übers Display, das schwarz ist, & nach draußen, hin zu den Fachwerkhäusern – die kann ich bald zeichnen, so oft seh ich die an –, & dann wieder rein mit den Augen, rein in den Raum, der so sauber ist, als stünde er unter Quarantäne, zu den Mandarinen in der kleinen Holzkiste auf dem Tisch, dem Plätzchenteller, der fast leer ist, & im Hintergrund laufen Belle & Sebastian.

Wenn ich nur nicht so nervös wäre, nervös, den Herzschlag eines Hochleistungssportlers hab ich, nur schneller, & die Sehnsucht pumpt Blut & sie pumpt Verlangen, & der Schwanz wird mir hart, sobald ich an ihn denke, & die Finger dribbeln nervös auf dem Buch, auf Moers Schrecksenmeister, auf den ich mich nicht konzentrieren kann, weil er keine Überschneidung mit mir findet, keinen gemeinsamen Nenner, wie man so sagt, als wäre wir, dieses Buch & ich, zwei dreistellige Werte & zwei der Zahlen stimmen nicht miteinander überein, der Koffer mit dem Code öffnet sich nicht, der Tresor bleibt zu, die Alarmanlage lässt sich nicht ausstellen, das ganze Haus liegt wach, die halbe Stadt, also dribbeln die Finger & imitieren das Herz. Was sonst sollen sie tun?

Als ich aufstehe, & die Knochen knacken irgendwo zwischen Kniescheibe & Knöchel, vielleicht ist es auch die Hüfte, stehe ich aus einem alten Leben auf & stelle mich in ein neues. Da kribbelt die Haut, die Füße werden erst schwer, dann werden sie leicht, & im Grunde geht’s so dem ganzen Menschen: Beim Aufstehen fliege ich auf, bleibe fliegend, bin Kolibri.

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2 Comments

  1. „…Ich sitze in einem Kostüm der Sehnsucht hier, sitze mit einem Kopf voll Flausen, sitze in mir, an einem Bahnsteig ohne Gleise, & kaue alles kurz & klein, was ich finden kann…“ :) Und: weil Durchdrehen was für Pussies ist.
    So fucking nice!

    Antwort

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