Eine Skizze

Wer? An der Türe ist einer, der will. Draußen: der Schnee. Drinnen ist einer, der muss. Die Knie stoßen ständig gegen Kisten, die Füße treten in Wäsche. Überall liegen Socken. Ich lebe in einem Flüchtlingslager, in einem Ausnahmezustand, es ist ganz normal. Seit A. eingezogen ist, ist alles anders. Alles. Der Himmel ist rot jetzt, & das Wasser aus dem Hahn schmeckt nach Mandeln. Wir reden nicht, wir denken laut. Die Dinge schieben sich, das Bett in die Mitte des Zimmers, die Kissen unter den Tisch, schieben sich an die Ränder des Raums & drängen sich dort in die Höhe, die Stifte & Pinsel, Tüten & Kondome, meine Bücher. In der Mitte sind wir. A. & ich.

Das gehört uns. Wir rennen durchs Haus. Wie junge Hunde. Ich trage ihn, stolz. Verknotet sind wir unter den Decken – eine blaue mit Sternen, die ersetzt uns die Nacht, eine rote, die staut uns die Wärme, & eine weiße, die schwer ist wie Wolken –, & unter den Decken drücken wir uns aneinander, ineinander, verhaken unsere Rippen, stöhnen: Liebe, dein goldener Mund! & schau: Wir rennen durchs Haus, halt mich fest, ja, wir rennen & stürzen & rollen lachend noch über den Boden, halt mich fest, ja. & in der Nacht, wenn die Türe sich öffnet, & einer reinkommt, der will, dann lächelt der andere, wartend. Also schlag die Decken zurück & jede Angst! Wir, das ist ein Entwurf, der einmal geworfen, fliegt! Es gibt keinen Boden mehr. Der Hauch, der zum Wind wird, der durch alle Zimmer fegt, wird mir zum Sturm, der alles aufhebt & wirbelt, der trägt mich stolz.

Seit A. eingezogen ist, gehn alle Uhren falsch. Die Zeiger messen nichts. Die Zahlen sind bedeutungslos geworden. Früher, um 6, ist jetzt 8, & wenn ich im Zug stehe, getrennt durch Abstände, die Kilo metern, die mir die Beine schwer machen je weiter sie mich forttragen von dir, bin ich ein Irrlicht, leuchtend wie Sonnen: Meine Augen glühen dann, er sagt, sie wechseln die Farbe, & sehen getrieben: Möglichkeiten! Das Schicksal, tanzend im roten Flitterlicht der Träume: Berthes Schere, die groß & silbern, alte Fäden trennt. Ich träume deiner. Fühle deiner. Selbst die Worte, eben noch in Ruhe, sind jetzt aufgescheucht, flatternd. Ein Königreich, hinweg gewischt. Ich, das römische Reich, falle. Um mich sind die Einzelteile meines alten Lebens – wie in Ruinen lebe ich, die Überbleibsel wirken fremd. Halt mich fest, ja. Wir rennen durchs Haus, das jetzt, das bald, unser ist, das geworfen, fliegt, mit offenen Türen, scheiß auf dein Königreich: Es ist Zeit für Revolutionen! Also stelle ich den Tisch, der zwei Künstlern gehörte – die Tischplatte ist blaugrün, wie Meereswasser –, mitten ins Zimmer, staple die Bücher neu, stoße mit dem Knie – fuck! – gegen die Kiste & drehe das Licht an: Zwei Lampen, die fremd waren, sich Feinde: sie standen sich stets gegenüber, jetzt, Rücken an Rücken, schütten sie Gold in zwei Ecken, & im Licht, & nirgends sonst, sitze ich, schreibe. Atme.

Seit A. eingezogen ist, ist alles anders. Mein Herz schlägt schneller, mein rechtes Bein wippt weniger. Ich vergesse. Ich träume. Ich lebe.

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7 Comments

  1. Ja, nu. Was macht man, wenn man ans Krankenbett gefesselt, zur Unbeweglichkeit verdammt ist? Man liest sich in einem Rutsch Deine Texte durch. ^^
    Jetzt habe ich allerdings so meine Zweifel, ob das auch wirklich eine gute Idee war. Also nicht, dass Deine letzten … ähm warte … wann hast Du mit dem Bloggen oder wahlweise natürlich auch mit dem Online-schreiben angefangen? 2007 war’s nicht? … Wow, über sieben Jahre. Was ich sagen wollte: Also nicht, dass Deine letzten sieben – fast acht – Jahre langweilig gewesen wären. Ganz und gar nicht. Nur: Als ich ich jetzt diesen ganz druckfrischen Text gelesen habe, war mein erster Gedanke: Na, hoffentlich geht das gut und hoffentlich bleibt A. Zumindest sollte sein Einzug mehr sein, als nur ein kurzweiliges Intermezzo. Gerne kannst Du mich meinetwegen für dämlilch halten – und irgendwie komme ich mir gerade wie so ein perverser Spanner vor – aber wenn man sich Deine Jahre in einem Stück durchliest, dann hat man den Eindruck, als würdest Du wie ein Blatt im Wind mal nach hier mal nach da getrieben werden.
    … und ein bisschen Sorgen mache ich mir um Joseph – irgendwie ist mir der Gute doch ein Stückchen ans Herz gewachsen, weil er Dir dort Halt gegeben hatte, wo Du keinen finden konntest
    … und irgendwie kommt gerade Schwester Uschi hereingeschneit (Die heißt wirklich so ^^) und ich darf ihr jetzt meinen neckischen Rücken und die herrlich sexy Beinchen und die Narben zeigen
    … und vergiss einfach, was ich da geschrieben habe
    Also genieße das Leben, genieße die Liebe, genieße das Unglücklich-sein, genieße die Sehnsucht, genieße die Nächte und die Tage.

    Gruß und so ^^

    Antwort

    1. Na was machst du denn für Sachen? Chapeau erst mal dafür, dass du sieben (oh Gott) Jahre in einem „Rutsch“ durchgelesen hast. Das hat bisher, glaub ich, behaupte ich, noch niemand, daher: Alle Achtung! Allerdings, & ich sage es ungern, gestehe ich ein, dass ich keinerlei Kontinuität in meinen Texten sehe, sie springen, ich bin ja selbst durchaus sprunghaft, daher kann ich nicht beurteilen, wie ich getrieben werde, ob. Wer wird nicht getrieben? Wer ist das Blatt & wer der Wind? Abgesehen davon sind manche Texte durchaus fiktional, ich rate daher auch zur Vorsicht. Offiziell blogge ich nämlich schon seit 2004, also: elf (oh Gott) Jahre & da kam einiges auf & durcheinander. Nichtsdestotrotz: Danke für die Anteilnahme & auch die Sorgen, die sind nicht selbstverständlich.

      Ich weiß nicht, weiß wirklich nicht, wie alles wird, wer bin ich, dass ich das wüsste? Ich weiß nur eins, & das haben die Jahre immer wieder gezeigt: Risiken muss man eingehen. Ich mag ein Blatt im Wind sein, das getrieben wird, aber ich zerbreche nicht am Wind. Manchmal tanze ich stattdessen, tanze im Wind & auch in den Stürmen, & ich bin unglücklich & glücklich dabei & ich bin ängstlich & mutig, & ich bin vieles zugleich, aber riskieren muss ich – alles. Immer. Ich will nicht zurücksehen & mir wünschen, ich hätte es getan.

      Daher: Nur keine Sorge!
      Gruß zurück ins Krankenhaus (hoffentlich nichts Schlimmes) & wünsche gute Besserung!

      Antwort

      1. Oh, huch, mit einer so schnellen Antwort habe ich jetzt nie im Leben gerechnet ^^
        Danke für die Gute-Besserungs-Wünsche. Die sind ja auch nicht unbedingt selbstverständlich. Und was ist schon schlimm? Wir basteln uns doch alle unser Garten Eden und unsere eigene Hölle zusammen. Okay, Letzteres mag vielleicht ein bisschen arg übertrieben? dramatisch? beschrieben sein, aber sei es drum. ^^
        Nur um der Korrektheit halber: mit einem Rutsch meinte ich, dass ich Deine Texte innerhalb von zwei Tagen gelesen habe, ohne dabei ein anderes Buch zur Hand zu nehmen. (Doofe Angewohnheit meinerseits ist es, stets mehrere Bücher gleichzeitig lesen zu wollen. Ein Hoch auf das geschriebene Wort. ^^ )
        Um der Wahrheit die Ehre zu geben, habe ich Deine Texte nicht als eine chronologische Reihenfolge wahrgenommen. Stattdessen hatte ich das Gefühl, dass jeder Eintrag ein in sich geschlossenes Kapitel ist, welche sich dennoch irgendwann zu einem großen Ganzen zusammenfügen.
        Und ist Kontinuität nicht etwas, was unser Denken einmauert? Monsieur, Monsieur, es ist für den geneigten Leser egal, ob manche Deiner niedergeschrieben Worte Fiktion sind. Außerdem kann auch Fiktion eine andere, vielleicht gespiegelte und leicht verzerrte Vision von Gedanken, Emotionen, Begebenheiten und Realitäten sein.
        Ich glaube, niemand weiß wie es wird – Na gut, außer vielleicht die Wahrsager auf dem Jahrmarkt. Aber wenn man will das es besser wird, dann muss es erst Mal anders werden.
        Manchmal ist man das Blatt, manchmal der Wind – und jede Entscheidung zieht ein Gefühl des Umbruchs nachsich. Aber ja, man sollte ein Leben führen können und dürfen, welches beim Zurückblicken kein Bedauern aufkommen lässt. Darum sei weiter mutig. Tanze wie ein Blatt, gib dem Wind Widerstand und biege Dich im Sturm wie eine Weiderute. Sei glücklich und unglücklich. Sei stark und gönne Dir Schwäche.
        Bevor ich hier absoluten Blödsinn schwafel (und noch mehr Deiner kostbaren Zeit beanspruche), wünsche ich Dir nun ein Wochenende, dessen Augenblicke für Dich bis an den Rand mit Sinnen gefüllt sein soll.
        Ich erfreue mich derweilen an Deinen halbrunden statt eckigen Klammern, und dass ich nach zwei Tagen auf-dem-Bauch-liegen, mich nun endlich auch auf die Seite legen darf. Wuuuhuuu ^^

        Grüße von einem Namenlosen, der nicht Namenlos bleiben wollte. ^^

  2. … und ACH JA seufzen …

    Antwort

    1. Ich seufze mit, warte. Moment. Jetzt. HACH JA! :)

      Antwort

  3. Hier kann man ja nur begeisternd erfreut lesen und Lächeln….

    Antwort

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