Die Gezeichnete

Wen die Liebe berührt, der ist gezeichnet von den Göttern, sagt sie & rührt sich neuen Zucker in die Tasse. Lena hat sich die Haare zusammengebunden, heute; sie sieht anders aus in ihrem weißen Kleid, wie neugeboren. Sie trägt goldene Ohrringe, die klimpern sobald sie den Kopf dreht, kleine goldene Trauben an dünnen Schnürchen, sie glitzern hell, ein Sommer ohne Nächte, & an der linken Hand trägt sie noch den Ring: Zwei feine Goldbänder, sachte verknotet miteinander, es sieht so aus, als könne sich der Knoten jederzeit lösen, & von einem grünen Stein gekrönt – ein Smaragd vielleicht, das ist jedenfalls der einzige grüne Edelstein, der mir gerade einfällt –, makellos.

Seit dem Unfall, über den wir beide schweigen, war Lena lange Zeit nicht ansprechbar, sie wollte nicht reden. & jetzt, ein halbes Jahr später, sitzen wir hier plötzlich, in der Tucholsky in einem Café, sie vor ihrem grünen Tee, ich mit der Espressotasse am Mund, & sie sagt: Sag mir, was du siehst. Was soll ich schon sehen? Du bist wunderschön. Nein. Oder: okay, danke, ja, sie lächelt, vielleicht. Das mein ich aber nicht. Sieh mir in die Augen. Da sind sie, zwei Opale: gleißend im Licht des Cafés, das eigentlich viel zu schummrig ist, aber ihre Augen – die sind grün & blau & golden gepunktet, Lena hat Augen wie Sterne, die blinzelt Universen. & jetzt? Jetzt sag mir, was du siehst, & ich stelle die Tasse zurück auf die Untertasse, raschelnd: die aufgerissene Keksverpackung daneben, & der Löffel klirrt auf dem Tisch, & ich sehe sie an.

Da ist mehr als die Symmetrie ihrer Gesichtszüge, mehr als die buschigen, dunkelbraunen Augenbrauen & die dichten Wimpern, mehr als ihre sanfte Oberlippe, die ein bisschen größer ist als ihre Unterlippe – das verleiht ihr stets den Ausdruck, als wolle sie gleich etwas sagen –, & mehr als die Narbe am Kinn, rötlich wie eine Schmarre, eine Schürfwunde, könnte man denken, von einem Fahrradunfall vielleicht, einem Stolpern auf vereisten Treppen. Ich sehe ihr ins Gesicht, das oval ist, eingerahmt von lockigen, blonden Haaren, & in ihre Augen, Augen so tief, so endlos, ein Stürzen ist in diesen Augen, & ich sehe Lena, sehe den senfgelben Seidenschal, den sie heute locker um den Hals trägt, der ist aus Kalkutta, das weiß ich genau, & das dunkelbraune Shirt – ein halbrunder Kragen, gemustert mit weißen Rauten –, & die beige Cordhose mit goldenen Knöpfen, sie stammen beide aus Paris, aber das ist es nicht, das ist nicht der Mensch. Ich stürze ihr nach in die Augen, durch grüne Meere & blaue Sonnen, ins Gold, &…

Sag mir, was du siehst.

Da sind Bilder, flüchtig, wie wenn einer aus einem fahrenden Zug auf vorüberrauschende Menschen sieht, Lichter. Das ist unmöglich zu beschreiben, sag ich, & die Stimme, die sich als meine ausgibt, zögert. Sag, was du siehst.

Eine rote Schaukel, wippend gegen zweierlei Himmel: Den Rasen unter den Füßen & die Wolken über dem Dach, & im Hintergrund geht das Schilf, wiegend im Wind, & das Wasser geht mit, geht mit dem Wind in Richtung der Sonne, wo er steht, ein Junge, der zu groß für seine Kleider ist, mit dürren, langen Beinen & knubbligen Knien, der sich umdreht zu ihr, er steht am Ufer & winkt, winkt sie zu sich, Lena, komm, & in der Schule sitzen sie nebeneinander, ein Lächeln wirft er ihr über die Schulter, der Papierkugel wirft er sich nach, & da sind drei Kästchen, ein Ja, ein Nein, ein Du musst dich entscheiden, & der rote Stabilo malt ein Herz in eine Box aus blauen Strichen, & am Beckenrand, Lena, komm, Wasser spritzt auf als sprengten sie Bomben, baumeln ihre Füße neben seinen & er, größer jetzt, nimmt mit der Fingerspitze den Rest Curryketchup vom Pappteller & streicht ihn ihr auf den Handrücken, sie lacht, sie kreischt, sie springt ihm ins Wasser, & er springt ihr nach in die Nacht, & sagt: Ich liebe dich, & sie, weinend, setzt sich auf die Schaukel, die nicht mehr rot ist, sondern rosa, & sieht ihn an, sein Gesicht ist im Schatten, aber seine Augen – sie sind wie ihre: Zwillingssterne – glühend – sirrend wie Polizeisirenen – & dann ist er fort, in einer anderen Stadt, & sie? Sie geht durch krumme Straßen, die alt sind, die schon immer alt waren, hier ging Hölderlin im Wahn, hier hat Goethe gekotzt, & ein Giebel neigt sich schief gegen den nächsten & sie lacht zum ersten Mal seit dem Abi lacht sie wieder, im Arm von einer Frau, die ihr rotes Haar geflochten trägt bis über die Schultern, Lena, komm, & sie hält die Gläser unter den Zapfhahn, einmal, zweimal, sie schläft schlecht, das Zimmer ist zu klein, die Wände sind dünn, neben ihr: die Frauen & Männer, die so tun, als wären sie erwachsen, ein Stift schreibt Zahlen auf gelbes Papier, 2,50, 9,30, ein grauer Lumpen wischt das Bier vom Boden, draußen: Lichter & Farben, Schnee & fallendes Laub, & die Zahlen werden mehr & werden dichter, & die Wände, die dünn waren, werden jetzt dicker mit Bildern: Da sind Gesichter, lachend, da sind Bücher, die geknickten Seiten, ein Zitat an der Tür: Wen der Strahl der ersten reinen Liebe berührt hat, der ist gezeichnet mit einem göttlichen Scheine vor den Menschen, & sie packt ihre Koffer, erst ein, dann aus, & der Schrank quietscht, das tut weh in den Ohren, aber die Aussicht ist herrlich, sie sieht die Kirche & auch das Café vom Fenster aus, die Stadt ist weit, da sind überall Dächer, überall Kamine, im Winter: der Rauch, & sie steht auf der Straße, da dreht sie die Hand & die Hand, die gehört ihm, die gehört einem Mann mit Schnurrbart & schmalen Lippen, der lächelt jetzt ein breites Grinsen, Lena? & sie rennen, schau wie sie rennen, sie schieben die Koffer nebeneinander in die Abstellkammer, die sie ihre Wohnung nennen, & sie stapeln die Bücher & zählen Zahlen, 500, 700, eine Madarine zwischen ihren Händen, sie verschwindet in ihrer Manteltasche, & er rennt ihr nach & sie lacht & die Seine ist grau an diesem Mittwoch & die Seine ist golden im Herbst, Farben & Lichter & der Schnee, der unvermutet kommt, deckt ihre Kleider, & sie weint als er geht, weint viele Abende, dann geht sie auch, kehrt zurück zur Schaukel, die weiß ist, deren Holz langsam bricht, die quietscht wie der Schrank, & sie sitzt am See & dreht sich den Himmel grün & den Boden blau & hört ihren Namen, denn er – er! ist hier, & sie lacht & er lacht & die Liebe berührt beide. Sie leuchten.

Da sind Kisten, mit schiefen Buchstaben nummeriert, die gehen von einer Wohnung zur nächsten, sie legt die Wäsche zusammen, eine Unterhose zwischen ihren Händen, & er, den Kochlöffel in der Hand, neigt seinen Kopf aus der Tür, Lena, komm, & Berlin ist so kalt, kurz: Kalkutta als Folie, als Aussicht auf ein Leben in currygelbem Staub, & sie kehrt zurück mit roten Lippen & einem Anhänger aus Gold um den Hals – eine Göttin mit vier Armen –, & er wartet, öffnet ihr die Tür & den Reißverschluss & küsst sie auf beiden Wangen & die Welt wirbelt: Die Regale, die Kommoden, die Teppiche, die nackten weißen Wände, aus deren Poren sprudeln die Farben & Bilder blühen, & die Böden decken die Kissen, bunt wird der Winter & der Frühling spendet die Blumen, sie sieht sich in Spiegeln, in Schaufenstern, sie sieht sich stets lachend, stets im Licht, sie sieht sich neben ihm & er, der neben ihr ist, fasst sie an der Hand & sie gehen nach links, wo das Herz ist & sitzen nebeneinander in Kinosälen, in Theaterstücken, Applaus kommt rauschend von den Rängen, & sie, an ihn gelehnt, & er, im Halbschlaf, ich liebe dich, & der Ring, der aus der Manteltasche gezogen wird als wäre er Teil eines Zaubertricks: Hier steht sie vor dem Spiegel, richtet den Schleier, sie schneiden die Torte, Blumenmädchen streuen Rosenblüten & über ihnen: die Sonne als Versprechen auf glückliche Tage, & zusammen sind sie im Auto, es ist rot & es ist schnell & der Regen, der niedergeht, der plötzlich kommt, ein Sommergewitter ohne Vorwarnung, flappt nach rechts in die Leere, die Scheibenwischer sind laut, das Wasser verschmiert die Lichter, die Ampeln, die Häuser am Rand, sie biegen nach rechts, & die Welt zittert plötzlich, überschlägt sich, stößt sie nach vorn & ihn aus ihren Augen, alles zerspringt zu Scherben, fegt über sie hinweg ins Dunkel, & als sie aufwacht, sind Schläuche in ihren Armen, da sind Bandagen & Krankenschwestern mit grauen Gesichtern, die neigen sich nur zur Hälfte nach unten, die sprechen von oben, weil oben ist besser als unten, aber unten ist sie, & das Bett, weiß bezogen, ist fleckig & kalt & das Zimmer ist dunkel. Sie ist allein.

Später kommen mehr Menschen, meist ältere, die nicken als zöge sie einer an Schnüren, die legen ihr die Hände auf die Finger & lächelnd krumm, blinzeln langsam, als koste es Mühe zu blinzeln, & sie schreit, sie wirft ihre Arme nach oben, reißt Infusionsbeutel um, sie schreit & schreit, bis eine Krankenschwester kommt, die gibt ihr eine Spritze, dann wird der Raum wieder wattig & ruhig, & die Träume, die folgen, sind alle schwarz-weiß. Da ist erst ein Rollstuhl, dann sind da Krücken, sie geht an Stangen, sie rollt sich auf Bällen, sie stemmt sich gegen den Boden, gegen die Wände, sie stemmt sich nach oben, bis das Gewicht der Welt, das ihr eben noch als Last auf dem Rücken lag, abfällt als Boden: Überall sind plötzlich gerade Flächen, die gerade noch Berge waren, an der Seite stehen Menschen, die klatschen Applaus, der kommt von den Rängen, & sie weint beim ersten Schritt ohne Hilfe. Da sind Narben an ihren Füßen & Knien, ihre Beine wirken fremd, wie geliehen, komm, Lena, komm, & Lena öffnet die Türen & die Welt ist weiß als sie geht, der Schnee unter ihren Schuhen knirscht gläsern, sie geht geradeaus & ohne zu zögern.

Die Opale flackern nicht, sie brennen. Lena reibt sich gedankenverloren das Handgelenk, fragt: &? Machst du’s?, & trinkt einen Schluck Tee. Ja, sag ich, & nehme den Schal von der Lehne & die Jacke vom Haken. Gezeichnete halten zusammen. Das tun sie immer.

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One Comment

  1. „Sag mir, was Du siehst.“ Na, wenn das mal keine Aufforderung zum Reden ist. Aber warum tun sich so viele so schwer damit, wenn man im Schweigen versinkt? Und warum wird ausgerechnet dem gesprochenen Wort so viel Bedeutung beigemessen? Na, auch egal.
    Jedenfalls bekommt hier der Ausdruck „Auf eigenen Beinen stehen“, eine ganz neue Bedeutung. (Ach ja, und Dank Dir, weiß ich jetzt auch, was noch auf mich zukommt. ^^)
    Gerade weil ich so herrlich verzückt von Deinem Blogg hier bin, habe ich festgestellt, dass ich unbedingt noch mehr lesen muss. Denn seltsamerweise gewinne ich zusehends den Eindruck, dass mir immer mehr Worte fehlen. Was, so nebenbei erwähnt, Deine Schuld ist.
    Nun denn, gehabt Euch Wohl, Monsieure, denn Schwester Uschi kommt gerade mit Kaffee. (Frisch aufgebrühten Kaffee, der mit ganz viel Bohnen zubereitet wurde und dementsprechend auch ganz viel Koffein hat. Also nicht diesen Urgs-Kaffee, wie man ihn wohl aus Krankenhäuser kennt. ^^)

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