Fragmente

Was die Liebe mir nur für ein Sturm ist, & wir, sind wir denn mit allen Wassern gewaschen? Du, der sich in die Nacht drehen kann wie ein Schatten, & ich, der ich mit der Angst um die Häuser ziehe, dort: in Madrid, dort: am Ostkreuz, wo es kalt ist & windig, & das T-Shirt viel zu dünn für einen wie dich – ergeben wir uns? & wenn ja – wem? Dir, der dürstet? Mir, der hungrig ist? Dem Begehren?

Wir rennen & werfen uns fort in die Tage, die Wochen sind, & greifen in Fleisch & Knochen & nennen das den Anderen, das Gegenstück, aber meinen wir uns? Zurück, einen Schritt. Hier liegen wir wie zusammengenäht. Weiter, einen zweiten Schritt. Hier rennen wir wie Hunde durchs Haus & jagen einander die Stunden. Dazwischen: Ein Abgrund aus Zähnen & Salz. Ich greife & greife, wie ich dir nachgreife, aber begreife ich dich?

Maßlos ist mir die Liebe, sie geht mir als Haut über Haut & als Schwanz in den Rachen. Für den Moment – brennt die Welt.

Silbern ist der Faden, der uns bindet. Wir sind ein Schicksal, keine Erzählung. Du mir, ich dir, wir erschüttern alle Königreiche. Wie die Barbaren hausen wir in Lärm & aufgerissenen Kondompackungen. Kein Stein bleibt da auf dem andren. Ich schleiche zwischen Trümmer & Kissen, schleiche um dich wie ein Wolf. Niemanden, sag ich, hab ich je so geliebt wie dich. & meine es ernst. Also streuen wir uns Ewigkeit in die Hafermilch, die schmeckt süß & mild wie Kakao, & reichen uns Gabeln & Scheren. Wir reden über uns wie über Menschen, die wir gerne mal kennenlernen würden. Die Menschen, die wir werden. Was lassen wir zurück – was finden wir wieder? Keiner hat gesagt, wie das einmal werden würde, wie das funktioniert, diese Beziehung. Also probieren wir aus.

Wir spiegeln einander, sind Rückseiten, schaut sich der eine an, so schaut er den andren – ich aber, ich gehe als Sohn meiner Mutter, gehe als Prinz der Ängste durch wie ein Pferd, & zittere oft, kratze mich, beiße mich, geh mir im Kreis bis die halbe Tablette, die bittre, mir ins Blut fährt wie ein Beil. Dann werde ich ruhig. Das bist nicht du, das bin ich allein – ich, wer ist denn das eigentlich? Ein Geschöpf aus Rauch. Ich zittere Asche auf die Kissen. Aber du – hältst – mich – fest(er). & ich? Ich riskiere alles. Für dich. & auch für mich.

Wenn ich die Augen schließe, seh ich eine Zeit, die bunt ist & voll, eine Hüpfburg für uns, die wir noch hoch hinaus wollen. Ich sehe dich in weiß & schwarz & auch in schwarz-weiß, sehe die Grautöne, von denen jeder immer spricht. I choose you, das sing ich leise mit. & wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich dich so klar, so unverfälscht, sehe jede deiner Sorgen längst bevor sie sich festbeißen in deinen Augen, & ich sehe dich weinen & sehe dich wütend & sehe dein Begehren & sehe deine Ängste, die nicht anders sind als meine, & wähle dich & immer dich & keinen andren.

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2 Comments

  1. So ein großartiger Text.

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  2. Sprachlos und Ehrfürchtig vor diesem so kostbaren Inhalt. Wie wunderbar ….

    Antwort

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