Rauch, Pt. 1

+ + + Erstens + + +
Er sagt, er träume ständig von Frida Kahlo. Ein Kurztraum, wie Speedpainting, & immer der gleiche. Da stelle Frida Kahlo eine Schale voller Früchte auf einen Holztisch in einem ansonsten recht schmucklosen Zimmer. Aprikosen, Melonen, Bananen, Feigen. Es liefe bereits der Saft aus den überreifen & zum Teil aufgeschnittenen Früchten & sammle sich am Boden der Schale. Da seien Fliegen, die könne er zwar nicht sehen, dafür aber hören; ein lästiges Gesumse.

Sie sehe verloren aus, sagt er. Oder nachdenklich. Frida Kahlo stelle die Fruchtschale auf den Tisch, als sei es einst wichtig gewesen, nur heute nicht, vielleicht auch nie wieder, sie stelle sie erst auf die Kante & schiebe sie dann langsam zur Mitte hin, in einen dünnen Streifen Licht, der zum Fenster hereinfiele. Er selbst, Alessandro, stehe an der Türe, schaue von dort in den Raum ohne sich seiner selbst allzu deutlich bewusst zu sein; er fühle sich, sagt er, als erinnere er sich an eine Fotografie seines Körpers statt ihn zu sehen. Da ist keine Schwere, keine Gravitation. Vielmehr schwebe er zwischen den Räumen, sehe Frida Kahlo am Tisch – sehr bunt, sehr körperlich, eine hübsche Frau, irgendwie –, & die Schale, er sehe die Holzmaserung, den klebrigen Fruchtsaft, die roséfarbene Blüte in ihrem Haar. Er sei ein sehender Gott ganz ohne Augen.

Wie viel Traumzeit vergehe, wisse er nicht; es könnten nur ein paar Sekunden sein. Oder eben Jahre. Frida Kahlo drehe sich zu ihm um wie in Zeitlupe, wie unter Wasser bausche sich ihr grünes Kleid, der Unterrock. Sie drehe sich völlig grundlos um, oder zumindest bliebe ihm der Grund verborgen, & ihr Blick begegne seinem eher zufällig. Sie sei weder erstaunt, noch erschrocken; sie freue sich auch nicht. Sie stünde bewegungslos da, die eine Hand auf dem Holztisch aufgestützt, die andere baumelnd an ihrer Seite, & schaue ihn an. Jahrzehnte lang vielleicht. Ein Atemzug, ein Herzschlag. Ich warte auf dich, sage sie dann. & er wache auf.

+ + + Zweitens + + +
Alessandro illustrierte ein Buch, das weiß ich jetzt. Die Geschichte des Don Juan – auf 96 Seiten. Ein Wunder, denk ich, dass man ein ganzes Leben so bündeln, so runterbrechen kann. Es erinnert mich an die Grabsteine von Père-Lachaise, die zusammengedrängten Daten, die Zahlen auf Granit. Wer lebt, der denkt nicht an die Zeitspanne, die genau bemessene, denkt nicht an das schmückende Zitat, das einem Leben den passenden Rahmen verleihen soll, den höheren Sinn. Die Vorwegnahme des Todes geschieht nur im Nachhinein. & bleibt für den Toten völlig bedeutungslos.

Wie auch immer. Da ist also diese Geschichte, das Buch & die zwei Männer, die es geschaffen haben. Alessandro teilt sich seinen Vornamen mit dem Erzähler, einem berühmten Italiener, der viel geschrieben, viel zu sagen hat, einem sehr sympathischen Mann. Alessandro, der Erzähler, erzählt das Leben eines Menschen, den es so nie gegeben hat; er erzählt es kurzweilig & amüsant, für eine Zielgruppe, die keine Geduld mehr hat für mehrstündige Opern oder langkettige Gedichte. Alessandro, der Illustrator, illustriert dieses Leben. Sein Schwarz ist schwarz, hart, beinahe schmerzhaft. Die Farben hingegen leuchten. Es steckt etwas Mysteriöses, beinahe Unheilvolles in diesen Bildern. Man kann sich nicht satt daran sehen.

Ich blättere & blättere, lese – & kann mich doch nicht konzentrieren. Mich stört etwas, das ich nicht benennen kann. Ich springe in den Zeilen, verheddere mich. Irgendwas ist nicht richtig, etwas fehlt. Ich gehe durch einzelne Seiten, hänge mich schier an einem Dialog auf –
„You’re mad, master.“
„Wrong: I’m alive, that’s all.“
– & gehe zurück auf Anfang. Hier die Erkenntnis: Auf dem Buchumschlag steht nur ein Name – der des Autoren. Es wirkt so, als fasse Alessandro sie beide, Erzähler & Illustrator, zusammen, als verschmelze er sie zu ein- & derselben Person. Alessandro. Ἀλέξανδρος. Der Beschützer. Das irritiert mich.

Später lese ich auf Wikipedia nach, der Don-Giovanni-Mythos sei die südeuropäische Ergänzung zur nordeuropäischen Faust-Sage, & frage mich, wie etwas, das in sich vollständig ist, ergänzt werden kann. Da heißt es außerdem weiter, das Motiv des Don Giovanni sei geprägt vom menschlichen Egoismus, seiner Verwerflichkeit & seiner Vergänglichkeit. In Klammer dahinter steht Vanitas. Eitelkeit. Ich entdecke mehr Namen im Fahrwasser des Don Giovanni, entdecke Camus, Nietzsche, Handke. Da sind Hoffmann, Puschkin & Molière. Ich entdecke sie alle. Nur Alessandro nicht. Der bleibt verschwunden.

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2 Comments

  1. Gänsehaut, wie da ein Mensch in einem Mythos und zwischen den Seiten untergeht.

    Antwort

    1. Ganz meiner Meinung. & bisher habe ich das Gefühl, kratze ich hier nur an einer Oberfläche.

      Antwort

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