Die schwarze Sonne

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Was die Liebe mir nur für Löcher in mein Leben schlägt, so liege ich morgens & abends, so rolle ich mich von einer Seite zur anderen, weine. Das Unglück kommt plötzlich, es reißt mich um wie ein elektrischer Schlag. Es ist vorbei, ein Traum zu Ende geträumt. A. wird Zeitkapsel, fragmentiert. Er geht mir zwischen den Händen auseinander, zerrinnt. Ich kann ihn nicht halten, kann ihn nicht fassen. In der einen Sekunde küssen sich zwei zwischen zwei Türen, in der nächsten schlafen sie in getrennten Betten. In getrennten Räumen, Leben. Ich sehe ihn weinen & lachen & ich sehe ihn durcheinander, aber mich sehe ich nicht, ich habe mich gen-ich-tet, ausgelöscht. Mich gibt es nicht mehr, es spricht ein anderer:

Ich habe mir den Bart abgenommen wie eine Karnevalsmaske, jetzt ist mein Gesicht ganz nackt & schutzlos, es ist dem Wind ausgeliefert, der im November allmählich schneidend wird, & den Blicken der Menschen, die nicht wissen, wie sie mich anders ansehen sollen als schräg von unten, so als könne mein Blick genügen, sie zu zerschmettern. Ich habe mir auch den Kopf kahl geschoren – ich erinnere mich an die Haare im Waschbecken; sie wirkten fremd, beinahe abstrakt, das Fell irgendeines Tieres, & ich spürte mit klammen Fingern ihrer Wattigkeit nach, ihrer kupfernen Schwärze. Der Spiegel zeigt jetzt einen Fremden, einen KZ-Flüchtling, mit Falten um den Mund & traurigen Augen. Wenn ich diesen Mann im Spiegel sehe, sehe ich einen Schatten, ein Phantom.

Ich ertrage die Wasserflaschen nicht, geschweige denn das bunte Besteck oder die Tassen; ich träume nicht mehr solange ich in diesem Bett schlafe; da ist kein Appetit. In mir brennt eine schwarze Sonne. Sonst ist nichts mehr übrig. Ich gehe durch Ruinen, schlafe in Trümmern. Das Römische Reich ist längst vergessen, da wächst ja schon Gras drüber, & ich, als Überlebender, erzähle die Geschichte. Erzähle von den Brandstiftern, die einander Zunder & Reisig reichten, & alles entzündeten, was sie sahen, berührten, liebten; von den Nächten, die lichterten, die vergingen im Lauffeuer, auf einer schmalen Matratze zwischen Kleiderbergen & Pizzaschachteln, in 48 Quadratmetern Feuerland; vom Begehren, das immer neuen Zündstoff brauchte. Ich erzähle mir jeden Tag erneut die Geschichte unserer Liebe, die jetzt, dem einen schal geworden, dem anderen wie Geröll ins Leben fällt, ins Herzen. Hier bin ich, da bin ich begraben.

Ich trauere um A. wie um einen Toten. Ich gehe vorsichtig um ihn herum, beschreibe Kreise mit Händen, Blicken, Worten. Wer bist du, A.? Was machst du hier? Sieht er mir in die Augen, sieht er eine aufgebrochene Walnuss. Ich bin leer. Vom Weinen erschöpft. Vom Funktionieren-Müssen. Ich kann die Phrasen nicht mehr ertragen, das Weiter-Müssen, die Regeln des Spiels. Ich will mit meinem Scheißmonopoly-Autofigürchen nicht mehr über Los fahren, lieber mit 200 Sachen direkt in den Westhafen, in den Schifffahrtskanal oder dahin, wo sich Herrndorf die Kugel durchs Hirn gejagt hat, ich will lieber zur Hölle fahren als ins Losgelassen-Haben-Müssen, in eine Notwendigkeit. Man schmirgelt mich trotzdem weiter ab mit Allerweltsweisheiten, mit anderen Fischen im Meer, mit anderen Müttern & ihren anderen Söhnen, & alles, was ich spüre, ist das Aufgetrennte, das Abgeschnittene. Jemand hat mir mit einem Skalpell ein lebenswichtiges Organ entnommen, ein mir bis dato völlig unbekanntes, aber es hat tatsächlich existiert, schau, hier liegt es in Aspik, & du erzählst mir was von den Spielarten der Liebe? Zum Teufel damit.

Ich bin müde, wiege müde meine Augen auf fremder Leute Körper, seufze. Ein Hund auf der Straße macht mich traurig, die Liebesgedichte auf sandfarbenem Papier, ein rotes Handtuch über dem Wäscheständer. Der Irrtum, dass die Liebe alles zu richten vermag. Dass die Liebe stets deckungsgleich ist. Wie darüber reden, wie es sich erklären? Tabellarische Lebensläufe geben keine Auskunft, die vielen Chatnachrichten keine Antworten. Ich sehe uns in allen Variationen, ich sehe uns gleichzeitig – un/glücklich & un/geduldig. Morgens, mittags, abends & nachts. In meinen Träumen. Dann, so plötzlich als hätte jemand das Licht gelöscht, sehe ich nichts mehr. & das nennen sie mir Realität.

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4 Comments

  1. Enough seen. The vision was encountered under all skies.

    Enough had. Sounds of cities, evening, and in the light, and always.

    Enough known. The decisions of life. – O Sounds and Visions!

    Departure into new affection and noise!

    Arthur Rimbaud,

    ps: Be strong

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  2. Was für ein großartiger Text. Berührbar und schmerzhaft, auf so vielen Ebenen und so lebend.

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  3. Lesen… berühren lassen-… förmlich spüren…. Anteil nehmen in der Fremde…. Was für ein Text. Es ist fühlbar. Authentisch fühlbar… Wie so viele deiner Texte.

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  4. Ich möchte ein Herz mit einem „JA“ malen für diesen Text. Und für alle, die ich bis dato gelesen habe. Und ich werde keine Floskeln fallen lassen, sondern die Herbstblätter aufheben.

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