Dschinn

Mir zerbricht der Hagelzucker im Mund. Das bist du.
Ein Scherbenhaufen. Das bin ich.
Wir beide knirschen beim Gehen.

Ich dachte, ich würde erlöschen, würde mit dem letzten Windstoß ausgehaucht, vergehen. Sie sagten, nichts sei trauriger als das Lagerfeuer am nächsten Morgen, wenn niemand Holz nachgelegt habe über Nacht. Ich aber, ich brenne noch. Ich zehre mich auf. Jetzt, da A. Echo ist zwischen meinen Fingern, gibt es keine Nahrung mehr außer meinen Körper – ich fresse mich: den haarigen Bauch, die Brust, die Arme, ich verschlinge alles ohne zu zögern. In den Nächten sind meine Hände immer in Bewegung. Ich reibe Funken ins Dunkel, die zischen links & rechts Leuchtspuren ins Nichts, glühen aus. Aber hier – in der Mitte: da lodern die Flammen.

Ich habe nichts mehr als mich, als die Ruinenstadt, die aschenen Häuser.
Ich – das ist Berlin 1945.
Ungläubig taste ich mich durch Fragmente.
Alles ist schief, brüchig & krumm. Ich sehne mich seiner.

Bin ich Wiederholungstäter?

Ich lasse nicht los, nein. Stattdessen greife ich mit sengenden Fingern ins Fleisch, ins Erinnerte, & verschmelze mit den Tagen & Nächten, mit den Umarmungen, die uns noch immer aneinander binden – so, als wäre nichts gewesen. Der Rauch, der um mich ist, lässt nichts am Leben, so giftig ist er. Ich färbe die Himmel schwarz mit meinen Worten, mit den Gedanken, die endlos kreisen. Ist das die Lektion, die uns die Liebe lehrt? Was wir geben, muss uns nicht genügen? Wie lieben & nicht daran verzweifeln? Egal, egal. Das Alter schleift schon alles weich.

& A.? Ach, A.! Der geht einfach weiter, der geht als Lufthauch durch die Türen & Fenster, weht in die Stadt, die ihm ganz golden ist & mir nur rabenschwarz. Da schubst er die Wolken, verwirrt Haar, küsst flüchtig fremde Haut. Der sieht den Flammensturm nicht, den er zurücklässt. & je weiter er geht, desto mehr reiße ich an mich, reiße die Nacht mit ihren wunden Mäulern an mein Fleisch, die Monstren der Nacht in ihren blauen Schatten, die ihre Hosen zu eng & ihre Augen zu hungrig tragen; ich kreise zwischen ihnen als Derwisch & streue Sonnen. Nichts ist genug. Alles wird vergessen. Ich ertrage das Spiel der Liebe nicht, ihr gleichgültiges Weiter! All dieses Gekommene & Gegangene, all die Gespenster der Jahre, all die Versuche.

Was ein Gejammer! Als wäre nichts anderes passiert als das!

Mit den Explosionen kamen Messer in mein Herz, die haben alles restlos klein geschnitten. Die Toten jammern nicht, nein, die liegen ganz still. & ich, wie kann ich weitergehen? Alles – das Innere, das Äußere – spielt auf zur großen Tragödie, da neigen selbst die Götter ihre staubigen Häupter & blicken nieder auf uns. Wir spielen Menschen ohne Menschlichkeit. & ich? Ich bin bloß der Dschinn, der Flammengeist, der in seinem Kerker tobt, & erfülle keine Wünsche.

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2 Comments

  1. Gerne würde ich Euch so vieles schreiben, Monsieur. Jedoch hege ich die Befürchtung, dass es derlei Worte nicht gibt, die auch nur annähernd das wiedergeben könnten, was ich Euch Mitteilen möchte. (Oder ich bin schlicht weg nicht Bewandert genug dafür. Selbiges gilt es nicht auszuschließen.)

    Jedoch würde ich Euch eines gerne schreiben: Ich weiß nicht, ob es Euch ein Trost sein wird, aber heute noch malt Ihr Euch den Berliner Himmel rabenschwarz und Ihr liegt gebrochen und zerschmettert am Boden. Und doch weiß ich, dass Ihr irgendwann einmal wieder einen Mensch begegnen werdet, für den Ihr Euch wie der Phönix aus der Asche erheben werdet. Demnach wandert weiter in den Irrgärten, welche die Straßen Berlins sein wollen. Tobt in Eurem Kerker und tragt doch die ruhige Gewissheit in Euch, dass Ihr wieder aufstehen werdet. Ihr könnt nämlich nicht anders, Monsieur.

    (Ähm, ja. Da unten steht, dass der Name des Verfasser Alexander Winter wäre. Ein schöner Name ist es allemal. Doch bitte verzeiht, aber für mich werdet Ihr immer >mein< Monsieur bleiben. )

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  2. kein like. aber komm mal wieder vorbei, okay?

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