Der Wahn

Jeder Tag ist eine bittre Pille, ich schlucke & schlucke, die ganze Welt schluck ich runter bis mir die Galle versagt, bis das Herz mir aufsteigt als rußiger Klumpen. Wer spricht? Wer schreibt? Wer denkt sich das aus? Dicht unter der Haut sitzt mir ein Monster, das sieht mir beim Schlucken zu, das schaut durch mich durch, aus blaugrauen Augen sieht es Rot, sieht den Schmerz in der Nacht & die Angst eines Mannes, sieht nichts, eigentlich, im Grunde ist alles verloren, nichts vergeben, nichts vergessen, wohin mit der Wut?

Ein neues Leben wollt ich, – ich? Wer sagt noch Ich & meint sich damit selbst? Mir schmilzt jeder Gedanke, fließt in den letzten, vermengt sich mit Bildern. Ein Satz, der jetzige, der gerade gesprochene, schmückt sich mit fremden Gefühlen, die leicht sind wie Federn – im Kopf fliegt Papier, flammenbekränztes; jemand hat dir deine Bibliothek entzündet & da fliegt die Asche, bestäubt dir Wimpern & Mund. Ich habe keine Ruhe im Feuersturm. Ich brenne.

Anders, denk’s dir anders. Hier taucht einer ein in den Wahnsinn, der klebrig ist, der stinkt, der verätzt dir die Haut. Ein Schub, sag’s, ein Schub kommt aus der Tiefe & fegt dich hinweg, der reißt dir die Beziehung aus wie Haarwurzeln, glatzköpfig gehst du zurück in ein Dunkel, das Zähne hat. Ein endloses Stürzen. Hier sind alle Gefühle eins – der Wechsel kommt furchtbar schnell: Gerade noch lachst du, die Sonne, ein Windhauch, irgendwo lachen sie zwischen zwei Trambahnstationen, die Jacke, offen, flattert. & plötzlich, von Wut getrieben, tränen deine Augen, flammt, Monster, flammt, Zerstörung, flammt das Andere auf in deinem Herzen & brennt sich ein in dein Fleisch, das deins nicht ist, das niemandem gehört, ein geborgtes Tuch, das zerreißt in der Mitte, & so fliegst du, zornig, durch die Straßen, ein Todeshauch, sprengst durch Menschenreihen, da flucht wer, da schimpft einer, die halten dich fest, aber du – lachst, lachst lauter als dein Mund es tragen kann, dieses Lachen ist so schwer wie Granit. Jeder Laut – HA – ist ein Schuss – HA – der nach hinten losgeht – HA! Niemand hält dich. Du zappelst & fuchtelst. Deine Hände sind Messer, die Finger wie Klingen so scharf.

Keine Ruhe, kein Frieden, nur Terror im Kopf, der ziellos pendelt, der hochfliegt & runterkracht, der sich mitreißt, wie aus sich selbst heraus: Masse, die in Bewegung gerät, denk dir einen Berg, der gestoßen ins Tal rollt, so rollst du durchs Leben. Was? Gerade noch bist du zwischen den Männern, hast alles verloren, die Liebe, die dein Bett war, die Liebe, die gut war & friedlich & nichts davon, eigentlich, diese Liebe hast du zerschmettert mit Blut in den Augen. Vergiss das nicht. Du hast den, den du liebst, weggeworfen wie ein nasses Handtuch, den hast du in die Ecke geklatscht, als wiege er nichts, ein My nur an Hoffnung, & du hast es zerbrochen. Da, auf dem Boden, sieht er dich an mit großen Augen & die Angst, siehst du die Angst, die hast du entfacht, die brennt dir alles nieder, diese Angst, die Angst vor dir, der rennt vor dir weg, siehst du das nicht, der rennt vor dem Wahn in dir weg, der rennt vor dem Dunkel, das sich frei bricht. Zu lange hast du’s in dir gelassen, hast es weggesperrt in deinen Kellern. Wer spricht, wer denkt das, wer fühlt diesen Schrecken?

Keine Ruhe, kein Frieden, nur der Sturm im Inneren, der sich nicht legt, der aufs Neue angefacht, alte Trümmer birgt. Hier: die Straße, die Tram, die einrollt mit quietschenden Rädern, & daneben: Autos, bunt funkelnd, so bunt funkelt der Tod, einen Schritt nur, der Wind saugt an deinen Knochen, er saugt dich heran, einen Schritt nur. Tief in der Mulde zwischen den Rippen: ein Reservoir der Traurigkeit, das sich anfüllt, & überläuft, das rinnt dir zwischen den Fingern ins Herz, & sickert tief ins Fundament. Die Traurigkeit schließt dir Türen & Fenster. Einen Schritt nur, denk’s dir, dann kannst du atmen, ein letztes Mal noch, dann ist es vorbei. Hab ich nicht genügend bittre Pillen geschluckt? Hab ich nicht genug gegeben?

Die Gefühle wechseln, es ist der Blick durchs Kaleidoskop. Der eine, gute Moment, dreht sich langsam in Finsternis, erlischt. Ich finde nicht zurück, finde den roten Faden nicht wieder, gerade war er noch da, aber die Nacht hat mir alles genommen, die Fäden & Menschen, den rettenden Anker. Ich treibe ziellos zwischen den Bildern. Hier: die Umarmung, die sich gewaltsam löst. Der Griff, der nichts hält. Wie traurig, wie traurig, ruft’s, aber wer spürt das schon? Wer versteht es? Mir brennt jedes Wort zu Asche, mir überfluten die Keller.

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