Der König der Narben

Keine Rechenschaft, keine Vergebung. Es geht ein Mann die Treppen hoch, der kennt die Stille nicht, der weiß nichts vom Frieden. Da geht ein Verwandelter nach oben, der kommt aus der Tiefe, aus den Kellern hinauf ans Tageslicht; der blinzelt nicht, zuckt nicht, der schaut nicht zur Sonne. Dieser Mann ist vollständig in den Schatten verborgen bis er nur ein Flimmern wird vor aller Augen.

Junge Frauen weichen ihm aus, sobald sie ihm zu nahe sind, & die Männer? Wenden die Köpfe. Links & rechts gehen die Menschen ab von der Bühne & rein in ihre gewissenhafte Normalität, die Rucksäcke schlackern, die Hände sind leer. Diese Selfie-Sicherheit ist nur geliehen. Jeder spürt den Zorn seiner Lippen.

Wenn er dich ansieht, sieht er den Hunger, die Lügen. Ein Heiliger der Sünde ist das, dem gewittert der Kopf.

Ich bin gesprungen, ein gefallenes Glas. Jetzt spritzt die ganze Welt aus mir raus. Eine Stimme, die ins Bodenlose fällt, kannst du dir das vorstellen? Stimmbänder wie hastig zusammengenäht, die vibrieren nicht, die klirren. Sein ganzer Mund klirrt & scheppert, splittert beim Sprechen. Einer, er nennt sich hairy_hung_bln, sagt erst hi & zerfällt dann zu Pixeln. Wir haben deinen Körper längst verrotten sehn, egal wie hübsch du jetzt bist. Wir haben den Tod geschmeckt, als du uns den Schwanz ins Maul gesteckt hast – bis tief ins Herzen hast du ihn gestoßen, bis alles kaputt ging zwischen den Lungen, & trotzdem: hier ist ein Lachen, das irr in jede Richtung knallt. Hast du einen Verrückten jemals so lachen sehen? Das Weiß im Blick, den bunten Schaum auf schwarzer Erde. Das ist dein, sein, mein Los. Kein seliges Vergessen folgt dem Lärm & den Körpern, dem Sperma am Bauch. Ich habe euch alle gesehen, heute & morgen & zwischen den Jahren, hure_boy, Bottom-geil, Suck_me787, eure Namen sind in fallenden Stein gemeißelt. Niemand herrscht mehr über Babylon. Die Tempel sind leer.

Später, die Haare gescheitelt & die Zähne geweißt, sitzt einer am Fenster, ist das noch er?, der trinkt sein Wasser aus zu kleinen Gläsern & beißt Blut in grüne Äpfel. Diese Bissspuren sind der einzige Verrat, sonst ist er ganz unauffällig. Man sieht ihm das Koks nicht an, das ihm den Geldbeutel beult. Sein Kuss schmeckt weder bitter, noch süß, er kennt keine Farben. Es ist, als wäre ein böser Geist in eine leere Plastiktüte gefahren & hätte sie jetzt tanzen lassen, denn schau, sobald die Marionette, die Mensch ist, das Bureau verlässt, kappen alle Seile. Wie im Veitstanz zucken die Glieder. Hier, in der Nacht, wird er Vielheiten, da brechen die Pillen zwischen Zunge & Rachen &, wie ins Meer gestreut der Sand, geht sein Wesen, seine Ichheit verloren im Wirbeln & Tosen. Der Dämon Mensch, vielgliedrig, reißt sich auseinander im Licht. Nein. Keine Rechenschaft, keine Vergebung.

Ich, sagt er & zeigt auf einen narbigen Körper, bin ewig. Ich bin Hunger & Gier, ich bin maßlos im Wollen. So gehen die Jungs auf die Knie & die Männer spucken, träge, auf ihre eigenen Schwänze. Was denn noch? Bist du nicht müde? Niemals. Tag & Nacht neigen ihre Häupter vorm König der Narben. Sie verwischen die Grenzen. Wo er ist, ist immer Zwielicht, da bleibt einer zwischen zwei Stockwerken gefangen, zwischen zwei Türen ohne Angeln, zwischen den Beinen als Hände & Lippen, & freut sich gedankenlos auf den Schweiß unter den Achseln. Wir haben alles gesehen & gespürt, die Begriffe, wie wund gebissen, haben längst ihren Geschmack verloren & jedes Zittern. Nichts ist aufregend in der Hölle. Hier versammelt sich nur, endlos, das Unglück, das sich nicht verkaufen lässt. Es gibt kein Entrinnen.

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